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Konsum : Renaissance der Dose

Getränkedosen werden wieder mehr befüllt - der neuen Pfandregeln wegen Bild: dpa

Eine Weile stand die Getränkedose auf der Liste der vom Aussterben bedrohten Alltagsgegenstände. Nie wieder dieses Ploppen, das in ein sanftes Zischen übergeht? Doch: Das neue Rücknahmeverfahren macht es möglich.

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          Direkt angesprochen hat sie uns zum ersten Mal in den Achtzigern. Allerdings gleichsam posthum: „Ich war eine Dose.“ Später setzte die Zeitschrift „Titanic“ diesen Satz unter ein Kruzifix. Und wurde verklagt. Nicht von einer der großen christlichen Kirchen, wie man hätte annehmen können, sondern von der Dosenindustrie. „Dosenlästerung“, wie Robert Gernhardt mutmaßte.

          Christian Siedenbiedel

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Eine Weile stand die Getränkedose auf der Liste der vom Aussterben bedrohten Alltagsgegenstände. Nie wieder dieses Ploppen, das in ein sanftes Zischen übergeht, das nur vom Knacken des Nutella-Glases übertroffen wird? Nur mehr ein Fall für den Manufactum-Katalog, zwischen verschwundenen Dingen wie Wählscheibentelefonen und Petroleumlampen?

          Das Zischen des Dosenbiers kontra Sektperlen

          Dabei sind Dosen auch Kultur. Im Neo-Naturalismus des Theaters stand die Getränkedose als Requisit fürs Unterschichtsambiente - wie beim echten Naturalismus 100 Jahre zuvor die Kartoffelschüssel auf dem kargen Proletariertisch. Und in der Rockwelt galt das „Zischen“ eines Dosenbiers auch als Auflehnung gegen das Sekt trinkende Establishment.

          Wieder ist es Frankfurt, das eine Lanze für die Dose bricht. Wie vor 55 Jahren, als die Henninger Brauerei als erste in Deutschland Exportbier in eine Büchse füllte, weil die amerikanischen Soldaten es so mochten. Aus Henninger wurde Binding wurde Radeberger: Dessen Chef, Ulrich Kallmeyer, verkündet nun die Renaissance der Dose. Mit dem neuen Rücknahmeverfahren im Mai komme sie wieder in die Regale, so seine Prognose.

          Eigentlich gibt es ja fast nichts, was man nicht in eine Dose füllen kann. Trabi-Abgase in der Konserve verkauft etwa ein Ostalgie-Handel. Für die Currywurst in der Dose ging 2004 der erste Saisondosenpreis an eine Fabrik aus der rheinland-pfälzischen Ortsgemeinde Lissendorf.

          Über die Entstehung der Dose gibt es allerhand krude Mythen. Der Technikhistoriker Charles Panati etwa zitiert Theorien, nach denen das Bajonett ursprünglich nicht als Waffe, sondern als Büchsenöffner gedacht war. Und von Ermal Fraze, einem Amerikaner, heißt es, er habe beim Picknick mit der Familie 1959 in Ohio einen Dosenöffner vergessen und die Stoßstange seines Autos benutzen müssen - woraufhin er später die Aufreißlasche erfunden habe.

          „Comeback der Dose“

          Fast so etwas wie den Titel eines Dosenministers hat sich Jürgen Trittin (Grüne) verdient: An wenig Entscheidungen der rot-grünen Bundesregierung erhitzten sich die Gemüter so sehr wie am Dosenpfand. Der Dosenbiertrinker wurde stigmatisiert als Umweltfeind, bis selbst die Tankstellen mit dem Auslisten anfingen. Sogar hartnäckige Dosenbierverweigerer im Bürgertum entdeckten auf einmal am Stammtisch ihre theoretische Sympathie für das verschwindende Produkt. Und vor den Trinkhallen begannen Debatten, ob Bier in Flaschen durch den Lichteinfall leide oder Dosenbier nach Metall schmecke.

          Die Fußball-Weltmeisterschaft soll das „Comeback der Dose“ erleichtern. Coca-Cola, deren Dosen einst den Siegeszug des Kapitalismus' gen Osten wie sonst nur McDonald's begleitet hatten, kündigte eine eigene WM-Edition an. Auf den neuen, schlankeren Dosenmodellen (“Sleek Cans“) sollen zunächst Spieler der deutschen Nationalmannschaft abgebildet werden. Zehn Millionen Stück will das Unternehmen unter dem Slogan „Die Dose kehrt zurück“ als Erstbestückung in die deutschen Supermärkte bringen. In den Fußballstadien der zwölf Spielorte allerdings wird es wohl keine Dosen geben: Die Gefahr, daß sie auf nicht ausreichend erfolgreiche Spieler herabgeworfen werden könnten, war den Veranstaltern wohl zu groß.

          Die erste Verpackungsverordnung von 1991 und ihre Novellierung von 1998 sahen eine Pfandpflicht für Einwegverpackungen vor, wenn der Anteil der in Mehrwegbehältnissen verpackten Getränke bundesweit unter 72 Prozent fiel. Weil dies der Fall war, trat 2003 die zweite Novellierung in Kraft: Sie sah eine Pfandpflicht für bestimmte Erfrischungsgetränke in Einwegbehältern, also Dosen, Glas- oder PET-Flaschen vor. Zunächst waren nur für Bier, Mineralwasser und kohlensäurehaltige Erfrischungsgetränke jeweils 25 Cent zu zahlen. Insgesamt sollte so dem Schutz der ökologisch vorteilhaften Mehrwegverpackungen gedient sein.

          Künftig werden nun zusätzlich Erfrischungsgetränke ohne Kohlensäure und sogenannte Alkopops pfandpflichtig. Fruchtsäfte, Milch und Wein sowie Verpackungen, die als ökologisch vorteilhaft gelten, bleiben ausgenommen. Die dritte Novellierung tritt am 1. Mai in Kraft. Die Verbraucher sollen ihre Pfandflaschen bei allen Händlern zurückgeben können. Insellösungen von Discountern wie Aldi oder Lidl werden abgeschafft. Bislang konnten sie die Rücknahme von Pfandgut betriebsfremder Marken verweigern. Außerdem wird die neue Regelung einem Urteil des Europäischen Gerichtshofs vom 14. Dezember 2004 gerecht. Darin forderte er von den Mitgliedstaaten, eine ausreichende Anzahl von Rücknahmestellen für die Verbraucher bereitzustellen. Sie sollten ihr Pfand zurückerhalten, ohne sich an den Ort des Einkaufs zurückbegeben zu müssen. (daki.)

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