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Konkurs : Aufsicht stoppt Geschäfte von Lehman in Frankfurt

Die deutsche Bankenaufsicht Bafin hat ein Handelsverbot über den deutschen Ableger von Lehman Brothers verhängt, was einer Schließung gleichkommt Bild: dpa

Lehman Brothers und Merrill Lynch beschäftigen in Frankfurt jeweils mehr als 100 Mitarbeiter. Und so ist die Finanzkrise auf einmal ganz nah. Die Lehman Brothers Bankhaus AG muss ihre Geschäftstätigkeit einstellen.

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          Das Beben in der internationalen Finanzwelt nimmt kein Ende. Und wieder sind es zwei amerikanische Banken, die im Zuge der seit mehr als einem Jahr grassierenden Krise die Fahnen streichen müssen. Lehman Brothers hat Konkurs angemeldet, Merrill Lynch soll von der Bank of America übernommen werden. Beide Veränderungen werden auch in Frankfurt Auswirkungen haben.

          Tim Kanning
          (kann.), Wirtschaft

          Die Lehman Brothers Bankhaus AG betreibt von Frankfurt aus – mit Filialen in London und Mailand – das Europa-Geschäft der amerikanischen Investmentbank. Am Rathenauplatz erwirtschafteten die rund 150 Mitarbeiter im Jahr 2007 eine Bilanzsumme von 16,2 Milliarden Euro, das entspricht in etwa jener der Frankfurter Sparkasse. Wenige Stunden nachdem das Mutterhaus in Amerika gestern früh Gläubigerschutz beantragt hatte, verhängte die deutsche Bankenaufsicht Bafin auch ein Handelsverbot über den deutschen Ableger, was einer Schließung gleichkommt.

          Merrill Lynch beschäftigt im Frankfurter Maintower nach eigenen Angaben 118 Männer und Frauen, seit 2005 wird das Haus von Lothar Späth geführt. Die Bank of America ließ gestern noch offen, auf welche Weise sie den einstigen Konkurrenten integrieren will. Das Haus ist seit 40 Jahren in Frankfurt vertreten und belegt eine Etage in der „Welle“ hinter der Alten Oper. Nach Angaben einer Sprecherin bearbeiten von Frankfurt und London aus 110 Mitarbeiter den deutschsprachigen Markt.

          Rolle des Finanzplatzes Frankfurt ist gefestigt

          Rüdiger von Rosen, Geschäftsführer des Deutschen Aktieninstituts, erwartet durch den Konkurs und die Übernahme keine größeren Auswirkungen auf die Frankfurter Finanzwelt. Dazu seien die Marktanteile beider Häuser zu gering. Die Rolle des Finanzplatzes sieht er sogar eher gefestigt, da die Häuser, die hier wirklich Gewicht haben, Deutsche Bank und Commerzbank, bislang recht stabil durch die Krise gegangen seien. Rosen zeigte sich aber überrascht von dem „extrem schnellen Ausleseprozess“, der derzeit in der Bankenlandschaft stattfinde.

          Auch Dierk Müller, Geschäftsführer der in Frankfurt sitzenden Amerikanischen Handelskammer in Deutschland, bezeichnete den Konkurs von Lehman Brothers als „marktwirtschaftlich sauberste Lösung“, nachdem die amerikanische Regierung in den vergangenen Monaten schon einige in Schieflage geratene Banken aufgefangen hatte. „Das Geschäft kann ja nicht in der Luft hängen bleiben“, sagte Müller. Er geht davon aus, dass die Kunden der Investmentbank nun zu einem anderen Haus wechseln werden.

          Gleiches gelte auch für die Mitarbeiter. Gerade im Investmentbanking gehe es nicht so sehr um Vermögenswerte, die weitergereicht werden könnten. Vielmehr bestehe der Wert der Bank vor allem im Knowhow und in den Kundenkontakten der Mitarbeiter, sitze also quasi in den Köpfen. Deswegen würden gute Investmentbanker immer gesucht und einen neuen Arbeitsplatz finden. Andere Frankfurter Häuser könnten daraus einen Vorteil ziehen und ihren eigenen Händlerstamm aufbessern.

          „Schwere psychologische Lage“ auch für die Amerikaner in Frankfurt

          Auch bei der Übernahme von Merrill Lynch erwartet Müller, dass die Bank of America versuchen wird, die bestehende Belegschaft des übernommenen Hauses ins eigene zu integrieren, statt Leute zu entlassen, da sie auf diese Weise am einfachsten die Marktanteile der beiden Häuser addieren könne. Die Amerikanische Handelskammer werde versuchen, den Beteiligten für ihre Gespräche eine Plattform zu bieten, sagte Müller weiter.

          In Hintergrundgesprächen sei die Stimmung der amerikanischen Unternehmen gut wahrzunehmen. „Hier haben alle auf ein Licht am Ende des Tunnels gehofft“, sagt Müller. Dass nun die Finanzwelt erneut durch Hiobsbotschaften aus Amerika erschüttert werde, führe zu einer „schweren psychologischen Lage“ auch für die Amerikaner in Frankfurt. Im Moment seien die amerikanischen Häuser relativ geschwächt, meinte Müller weiter, „aber man darf die Anpassungsbereitschaft der Amerikaner nicht unterschätzen“.

          Sowohl Lehman Brothers als auch Merrill Lynch haben sich durch die Förderung von Kultur- und Sportveranstaltungen in Frankfurt engagiert. Lehman Brothers ist seit Jahren Partner der Schirn, des Städels und des Liebieghauses. Der Merrill- Lynch-Eurocup gilt als eines der wichtigsten Reitturniere der Stadt. Im August holte die Bank das New York Philharmonic Orchestra in die Alte Oper. Die Engagements von Lehman Brothers dürften fortan hinfällig sein. Ein Sprecher von Merrill Lynch konnte gestern noch nicht sagen, ob das Haus seine Aktivitäten weiterführen werde.

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