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Kleidung mit UV-Schutz : Recycelte Fischernetze mit Lichtschutzfaktor 300

Orangenshirt statt Sonnenbrand: Textilien der IQ-Company werden auf dem Bau und von Entsorgern eingesetzt. Bild: IQ-Company AG

Das Unternehmen IQ-Company aus dem hessischen Walluf hat sich auf Arbeitskleidung spezialisiert. Seit der Anerkennung von Hauterkrankungen als Berufskrankheit läuft das Geschäft besonders gut.

          Markus Courtial hatte schon immer gern einen Platz an der Sonne. Sei es beim Snowboardfahren in Österreich oder beim Wellenreiten in Sidney. Beides hat er in jungen Jahren längere Zeit gemacht. Da lag die Schreinerlehre im elterlichen Betrieb im Walluf schon hinter ihm. Courtial hätte die Firma in sechster Generation übernehmen können. „Doch ich hatte den Ehrgeiz, etwas Eigenes zu machen“, erzählt der 52 Jahre alte Geschäftsmann aus dem Rheingau. Nachdem er mehrere Jahre als Handelsvertreter für Snowboards unterwegs gewesen war, entschloss er sich, Anzüge, T-Shirts und andere Freizeitkleider für Tauchsportler zu produzieren und zu vertreiben – mit einem Fisch als Logo.

          Petra Kirchhoff

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          1994 gründete er zu diesem Zweck mit anderen die IQ-Company AG. Der Schwenk vom Schreinerhandwerk zur Textilproduktion sei nicht kompliziert gewesen, sagt Courtial. „Es ist schwieriger, einen Schrank zu bauen, als ein T-Shirt zu produzieren.“ Das Geschäft lief in den ersten Jahren sehr gut, „eigentlich viel zu gut“, wie der Geschäftsmann rückblickend urteilt. Schon sieben Jahre nach der Gründung setzte das Unternehmen mit 23 Beschäftigten elf Millionen D-Mark um. Doch dann gab es einen Knick, die Geschäfte liefen nicht mehr so gut, die IQ-Company hatte zu viele Mitarbeiter an Bord und musste Leute in den Jahren 2002 und 2003 entlassen.

          Denn Tauchsport schien auf einmal nicht mehr so angesagt zu sein. Während einer Reise auf die Malediven musste Courtial feststellen, dass die Honeymoon-Pärchen lieber beim Schnorcheln turtelten. „Und im dreißig Grad warmen Wasser braucht man keinen Taucheranzug.“ Aber etwas anderes brauchten sie: einen guten Sonnenschutz. Zwar gab es in den Urlaubsregionen schon Textilien gegen schädliche Strahlen, doch Courtial sah noch „Optimierungsbedarf“, wie er heute sagt, und fing im Jahr 2004 erstmals an, Textilien mit UV-Schutz zu entwickeln. Infolge wurde das Sortiment komplett gedreht. Tauchsport-Textilien machen heute nur noch zehn Prozent des Umsatzes aus.

          Korallen leiden unter Sonnencreme

          In erster Linie produziert die IQ-Company UV-Schutz-Kleidung für die Freizeit – und inzwischen auch für den gewerblichen Bedarf, das heißt für Menschen, die während ihrer Arbeit viele Stunden am Tag der Sonne ausgesetzt sind: Mitarbeiter der Müllabfuhr etwa oder von Bauunternehmen. Die IQ-Company ist laut seinem Vorstand führender Hersteller in der Nische UV-Textilien. In der Sparte Arbeitsschutz, der bisher zwölf Prozent des Umsatzes ausmacht und weiter wachsen soll, leiste das Unternehmen Pionierarbeit. Zu den Kunden gehört etwa der Entsorgungsbetrieb der Stadt Mainz. Produziert wird aus Gründen der Nachhaltigkeit und Sicherheit in Europa, wie Courtial hervorhebt. UV-Schutz zu produzieren sei etwa so, wie Sturzhelme zu verkaufen. „Das ist in China nur schwer zu kontrollieren.“ Hinzu kämen die langen Transportwege, die das Geschäft unflexibler machten.

          Die UV-Schutzkleidung von IQ hat einen Lichtschutzfaktor von mehr als 300. Zum Vergleich: Ein normales Baumwoll-T-Shirt liegt bei 10, Sonnencreme bietet maximal 50 – und die Creme verschmutzt darüber hinaus die Meere, wie Courtial anmerkt. Um die 14.000 Tonnen landeten jedes Jahr im Wasser. „Das macht auch den Korallen zu schaffen.“ Ganz ohne Sonnencreme geht es aber auch bei den Sommertexitilien der Wallufer nicht. Beine und Arme lassen die meisten T-Shirts und Badekleidchen ebenso frei wie konventionelle Sporttextilien. Die Herausforderung beim UV-Schutz sei es, luftige und leichte Textilien herzustellen, die schnell trockneten. Nylon ist dafür laut Courtial die beste Basis. Hinzu kommt die Verarbeitung des Gewebes zu einem sehr dichten Stoff. Die IQ-Company setzt nahezu ausschließlich recyceltes Material ein. T-Shirts und Kapuzenjacken etwa bestehen zu 64 Prozent aus recycelten PET-Flaschen und zu 36 Prozent aus Viskose.

          Im Wassersport sind recycelte Fischernetze, auf die sich ein Partnerfirma in Slowenien spezialisiert hat, Hauptbestandteil (78 Prozent) neben Lycra und Elasthan. Die eigentliche Produktion erfolgt in Polen, zu einem geringen Teil in Portugal. Vertrieben werden die Artikel online über einen eigenen Shop, aber auch über andere, etwa die Plattform von Amazon und Sportscheck. Um Arbeitskleidung mit UV-Schutz kümmert sich die IQ Company seit vier Jahren. Das ist das Jahr, in dem Hauterkrankungen als Berufskrankheit anerkannt wurden. „Seitdem ist einiges im Umbruch“, meint Courtial. Sein Unternehmen erwirtschaftete zuletzt mit neun Mitarbeitern einen Umsatz von 1,6 Millionen Euro. Spätestens seit dem vergangenen Sommer ist sich der UV-Schutz-Vermarkter sicher: „Mit dem Thema werden sich in Zukunft viele auseinander setzen.“

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