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Kita-Streik : Der Bürostuhl wird mitunter zum Kinderkarussell

  • -Aktualisiert am

Kind im Büro: Mutter Susanne mit ihrer fünf Jahre alten Tochter Laura im Büro der IHK in Stuttgart. Auch viele Firmen in der Rhein-Main-Region erlauben dies in diesen Tagen wegen des Kita-Streiks. Bild: dpa

Während des Kita-Streiks bieten manche Firmen Notfall-Betreuungsplätze an oder lassen ihre Mitarbeiter im Homeoffice arbeiten. Mancherorts wird sogar das Büro zum Kinderhort – Karussell inklusive.

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          Wenn Tausende Erzieher und Sozialpädagogen streiken, müssen nicht nur viele Eltern umdenken – auch für Arbeitgeber heißt es improvisieren. Dies spürt etwa ein Anbieter für Kinderausnahmebetreuung, der nicht namentlich genannt werden möchte: „Die rennen uns die Bude ein. Es ist gerammelt voll.“

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.

          Viele Unternehmen im Rhein-Main-Gebiet bieten zudem ihren Mitarbeitern derzeit Notfallprogramme, Sonderurlaub oder die Arbeit von zu Hause aus (Homeoffice) an. Und wenn es gar nicht anders geht, dürfen die Kinder auch mit ins Unternehmen kommen.

          Commerzbank bietet Notfallsbetreuung

          So zum Beispiel beim Frankfurter Computerspieleentwickler Deck13. Zwar sei es die Ausnahme, aber es komme schon vor, dass Beschäftigte die Tochter oder den Sohn zur Arbeit mitbrächten, sagte eine Sprecherin des Unternehmens. „Das Problem ist: Oft kommen nicht nur die Eltern zu nichts, auch fünf andere Mitarbeiter sind beschäftigt, weil das Kind so süß ist.“ Deshalb sei dies nur eine Lösung für den Notfall. Viele Beschäftigte mit Kindern nähmen aber Urlaub, arbeiteten weniger oder am Schreibtisch daheim.

          Ähnlich ist es bei der Commerzbank. Von Kindern, die durch die Filialen krabbeln, ist einer Unternehmenssprecherin zwar nichts bekannt. In jedem Fall spüre man aber, dass mehr Beschäftigte daheim blieben oder einige Stunden weniger arbeiteten. Außer 265 regulären Kinderbetreuungsplätzen, die die Bank ihren Mitarbeitern anbietet, gibt es ein Notfallprogramm für Eltern. Sie können unentgeltlich bis zu 25 Tage im Jahr die Kinderausnahmebetreuung Kids & Co. des PME Familienservice nutzen.

          Und das tun sie auch: Ungefähr 50 Commerzbank-Mitarbeiter bringen zurzeit ihr Kind in einer sogenannten Back-up-Kita unter – an normalen Tagen sind es laut Sprecherin nur fünf bis zehn Kinder.

          Fraport stockt Mitarbeiter im Fluggi-Land auf

          Eine Kindernotbetreuung bietet auch der Flughafenbetreiber Fraport seinen Mitarbeitern an. Vom Streik betroffene Eltern können ihre Kinder in das „Fluggi-Land“ bringen. Die Zahl der Betreuer habe Fraport für die Dauer des Streiks aufgestockt, teilte ein Sprecher des Konzerns mit. Bis Montag habe es 30 Anmeldungen gegeben, das seien dreimal so viele wie üblich. Vergleichen ließe sich die Nachfrage mit dem Andrang in den Ferien.

          Aufwärts: Das „Fluggi-Land“ ist derzeit noch stärker gebucht als sonst.
          Aufwärts: Das „Fluggi-Land“ ist derzeit noch stärker gebucht als sonst. : Bild: Philip Lisowski

          Auch die Mitarbeiter der Deutschen Lufthansa in Frankfurt können ihre Kinder im „Fluggi-Land“ unterbringen. Vorrangig werde aber die Möglichkeit genutzt, von zu Hause aus zu arbeiten oder kurzfristig Urlaub zu nehmen, sagte ein Sprecher.

          Auch das vor einem Jahr eingerichtete Eltern-Kind-Büro werde viel genutzt. Dort stünden zwei Arbeitsplätze zur Verfügung, für die Kinder der Mitarbeiter gebe es eine Spiel- und Schlafecke. Die Kollegen unterstützten sich dort gegenseitig. „Gestern haben sich jeweils zwei Mitarbeiterinnen auch um die Kinder ihrer Kollegen gekümmert. Das Büro war quasi ein kleiner Kinderhort“, sagte der Lufthansa-Sprecher. Bei Bedarf könnten weitere provisorische Eltern-Kind-Büros genutzt werden.

          Spielparadies: Das Fluggi-Land, ein Kindergarten für Knirpse von Flughafenmitarbeitern
          Spielparadies: Das Fluggi-Land, ein Kindergarten für Knirpse von Flughafenmitarbeitern : Bild: Lucas Wahl

          Opel gewährt Sonderurlaub

          Bei Opel spürt eine dreistellige Zahl von Eltern unter den 12.500 Mitarbeitern die Streikfolgen, wie zu hören ist. Um den Müttern und Vätern kleiner Kinder entgegenzukommen, haben sich die Personalabteilung und der Betriebsrat vorab auf flexible Lösungen geeinigt: „Anträgen auf Freischichten, unbezahlten Sonderurlaub und Verschiebung des Tarifurlaubs soll unbürokratisch und flexibel entsprochen werden“, heißt es in einem Schreiben an die Belegschaft.

          Beschäftigte, die ihre Kinder wegen des Streiks selbst betreuen müssten, könnten nach Möglichkeit für diese Zeit ihren Arbeitsort frei wählen – obwohl die geplante grundlegende Übereinkunft zwischen Unternehmen und Betriebsrat zum mobilen Arbeiten noch nicht fertig sei.

          Der Arzneimittel-Hersteller Sanofi in Frankfurt-Höchst verfügt dagegen schon seit dem vergangenen Jahr über eine Betriebsvereinbarung zum Einsatz im Homeoffice – und die greift in diesen Tagen. „Das hilft wesentlich mehr als die Notfallbetreuung“, sagte ein Sprecher des Unternehmens mit etwa 7400 Mitarbeitern im Industriepark Höchst. Gleichwohl habe Sanofi für die Streiktage das Kontingent im „Fluggi-Land“ von sonst zwei auf zehn Plätze aufgestockt.

          Der Großventile-Hersteller Samson, der in Frankfurt 1600 Mitarbeiter hat, und der rund 1900 Beschäftigte zählende Industriepark-Betreiber Infraserv Höchst melden dagegen keinen auffallenden Betreuungsbedarf infolge des Streiks, wie Sprecher sagten. Offenbar kommen die für Infraserv arbeitenden Eltern mit den ohnehin vorhandenen Angeboten des Arbeitgebers gut zurecht. Sie schließen Homeoffice ebenso ein wie Kinder-Notbetreuung im „Fluggi-Land“ und Plätze für Kleinkinder in der „Kinder-Arche“ in der Nähe des Standorts. Der eine oder andere habe sich wohl auch Urlaub genommen, heißt es zudem bei Samson.

          Bei Sparkassen jeder achte Mitarbeiter betroffen

          Der Darmstädter Pharma- und Chemiekonzern Merck sucht nach Angaben eines Sprechers nach unbürokratischen Lösungen für die vom Ausstand der Erzieherinnen betroffenen Mitarbeiter. Ein Eltern-Kind-Büro sei vorhanden, werde bisher aber dank guter Vorbereitung der Beschäftigten kaum genutzt. Sollte der Streik andauern, werde sich das aber wohl ändern. Die Reaktionen der Beschäftigten auf das Angebot seien bisher sehr gut.

          In den Reihen der Taunus-Sparkasse ist potentiell jeder achte Mitarbeiter vom Streik betroffen. Wie ein Sprecher sagte, hat das Kreditinstitut sein Personal am Freitag darüber informiert, dass kurzfristiger Urlaub und Arbeitszeitänderungen durch Gleitzeit möglich seien. Dies hätten bisher auch viele Beschäftigte in Anspruch genommen. Gestattet sei es auch, die Kinder mit an den Arbeitsplatz zu bringen.

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