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Kinderbetreuung : Villa im Westend für internationale Banker-Kinder

Lebensfreudige Atmosphäre: die Kita der EZB Bild: Falk Orth

Seit fünf Jahren betreibt die Europäische Zentralbank eine Kita, in der 235 Kinder an drei Standorten im Westend untergebracht sind. Internationalität ist dort Programm.

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          Manchmal bringt ein Kind ein Stofftier mit, das einen Namen hat, den man in Deutschland so nicht kennt. Wenn ein Kind Geburtstag hat, dann wird gemeinsam „Happy Birthday“ in dessen Muttersprache gesungen. Und einer Frau vom Trägerverein ist es sogar mal passiert, daß so ein Knirps sie gefragt hat: „In welcher Sprache kann ich mit Ihnen reden - Deutsch, Englisch oder Französisch?“

          Christian Siedenbiedel

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Die Europäische Zentralbank unter Präsident Jean-Claude Trichet leistet sich den wohl größten Betriebskindergarten Frankfurts - 235 Kinder sind an drei Standorten im Westend untergebracht. Internationalität ist dort Programm, schließlich kommen die Mitarbeiter der Bank im Hochhaus am Willy-Brandt-Platz aus praktisch allen Euro-Ländern. Die Kinder sollen am Tisch beim Essen deutsch reden, lautet eine Regel; Elternabende finden hingegen häufig auf englisch statt.

          Eine Besonderheit der Einrichtung ist, daß Kinder schon von drei Monaten an aufgenommen werden, wie Leiter Jost Malsch sagt. Außerdem sind die Häuser von 7 bis 20 Uhr geöffnet, um den berufstätigen Müttern und Vätern mit den nicht immer familienfreundlichen Arbeitszeiten einer Bank entgegenzukommen. Die Gebühren hingegen sollen in ähnlicher Größenordnung liegen wie bei einer städtischen Einrichtung - bei mehr Flexibilität, was etwa die Abholzeiten betrifft.

          Bank trägt einen Teil der Kosten

          Der Blick in so eine Westendvilla zeigt eine lebensfreudige Atmosphäre auf hohem Niveau: Die Bank trägt nicht nur einen Teil der laufenden Kosten, sondern hat auch die Renovierung des früheren Gerling-Gebäudes großzügig unterstützt. Entsprechend lang ist die Warteliste für die begehrten Plätze; sobald eine Frau vom Arzt die Bescheinigung hat, daß sie schwanger ist, könne sie die Anmeldung für ihr künftiges Kind abgeben, heißt es.

          Eine positive Auswirkung hat die Personalabteilung der Zentralbank auf das Rückkehr-Verhalten ihrer weiblichen Beschäftigten nach der Schwangerschaft ausgemacht: „Die meisten Mütter kommen bei uns schon im Laufe des ersten Jahres nach der Geburt wieder und schöpfen die Erziehungszeit nicht voll aus“, sagt Barbara Bernhardt, „Senior Human Resources Expert“ in der Personalabteilung. Die Bank beschäftige viele hochqualifizierte Frauen, es sei auch betriebswirtschaftlich von großem Vorteil, nicht zu lange auf sie verzichten zu müssen. Außerdem kämen viele Mitarbeiter der Bank aus Ländern, in denen sie ein umfassenderes Betreuungsangebot für Kinder gewohnt seien.

          Ein italienisches Bilderbuch taucht im Zentralbank-Kindergarten ebenso schon mal auf wie anspruchsvolle Kultur beim Unterhaltungsprogramm: Nach dem Besuch der Yves-Klein-Ausstellung in der Schirn-Kunsthalle beispielsweise sollen viele Kinder nur noch blau gemalt haben, wird erzählt. Die Geschichte, wie der Maler seine Modelle nackt, mit blauer Farbe beschmiert, sich auf der Leinwand wälzen ließ, soll bei den Kleinen gleichfalls für einen bleibenden Eindruck gesorgt haben.

          Engagierte Väter

          Wenn die Europäische Zentralbank an ihren neuen Standort im Frankfurter Ostend auf das Gelände der früheren Großmarkthalle zieht, soll dort auch der Betriebskindergarten sein neues Domizil finden: Nähe zu den Büros ist für die Effizienz beim Hinbringen und Abholen äußerst wichtig. Sabine Drexler-Wagner vom Trägerverein „Gesellschaft zur Förderung betrieblicher und betriebsnaher Kindereinrichtungen“ hofft, daß das Beispiel der Zentralbank und 16 weiterer betriebsnaher Tagesstätten, die mit ihrem Verein kooperieren, weiter Schule machen könnte: Im Mai will die Gesellschaft eine weitere Einrichtung in Kooperation mit einem Unternehmen in Offenbach eröffnen.

          Es scheint auch für das Selbstverständnis der Eltern nicht völlig unerheblich zu sein, ob ihre Kinder in einer öffentlichen oder einer betrieblichen Einrichtung untergebracht sind. Während die „Recruiting“-Experten der Bank sich einen Vorteil im „War for talents“ versprechen, dem Kampf um besonders begabte und qualifizierte Mitarbeiter, scheinen sich vor allem die Väter im Betriebskindergarten überdurchschnittlich zu engagieren: Es geht dabei schließlich durchaus um etwas „Berufliches“.

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