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Beschäftigt: Schon bei den Kleinsten sind Tablets und Co ein beliebter Zeitvertreib. Bild: Imago

Kinderbetreuung in der Krise : Über Stunden am Bildschirm gefesselt

Die Corona-Pandemie stellt auch für die Anbieter von Kinderbetreuung und Familiendiensten eine Herausforderung dar. Die Angebote wachsen – und versuchen, soziale Kontakte über den Bildschirm zu mimen.

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          Wie baut man ein Frauenhaus auf? Mit dieser Frage beschäftigt sich Alexa Ahmad derzeit ganz besonders. Dabei geht es ihr nicht in erster Linie um ein caritatives Projekt, sondern auch ums Geschäft. Ihre Kunden wünschen sich dringend Plätze für Mitarbeiterinnen, die im Lockdown zuhause so große Nöte haben, dass sie Zuflucht suchen. Doch alle bestehenden Frauenhäuser seien voll, sagt sie. Darum sollen Alexa Ahmad und der PME-Familienservice helfen. „Wenn man Dienstleistung ernst nimmt, entwickelt man sich automatisch mit den Kunden weiter“, sagt Ahmad, die seit 1996 für das Unternehmen in Frankfurt tätig ist und inzwischen nicht nur den Standort, sondern das gesamte Geschäft von PME mit fast 2000 Mitarbeitern leitet.

          Patricia Andreae
          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Im Auftrag von mehr als 900 Arbeitgebern unterstützt die PME Familienservice Gruppe Beschäftigte der Unternehmen dabei, Beruf und Privatleben vereinbaren „und mit freiem Kopf arbeiten“ zu können, wie es heißt. Zu den Kosten ihrer Angebote äußert sich PME nicht. Die Vereinbarungen mit den Unternehmen seien zu unterschiedlich, denn viele nutzten nur Teile des Angebots und gäben sie auch zu unterschiedlichen Konditionen an ihre Mitarbeiter weiter.

          Über Nacht digitale Programme entwickelt

          Die meisten Angebote seien dadurch entstanden, dass Kunden konkrete Anliegen hatten: zum Beispiel die erste sogenannte Back-up-Einrichtung, eine Kinderbetreuung jenseits der normalen Betreuungszeiten zunächst mit zehn Plätzen in Zusammenarbeit mit der Commerzbank. Das sei eine logische Weiterführung der Regelbetreuung gewesen. Inzwischen ist PME – das Kürzel steht für professionell, menschlich, erfahren – nach eigenen Angaben der führende Anbieter von betrieblichen Kinderbetreuungsangeboten. Zu den Kunden zählten in den vergangenen Jahren neben der Commerzbank im Rhein-Main-Gebiet auch die Lufthansa, Sanofi, die Deka Bank, die Allianz und die Mainova. Auf die rund um die Uhr betreuende Back-up-Einrichtung folgten bald auch reguläre Kindertagesstätten und Vermittlungsangebote für Tagesmütter und Aupairs.

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          Die Pandemie habe sie zunächst hart getroffen, sagt Ahmad. „Doch dann haben wir quasi über Nacht digitale Programme entwickelt.“ Erst einmal sei es ihnen darum gegangen, die ganz Kleinen zu erreichen. Darum hätten die Betreuerinnen aus den Kitas sofort Morgenkreise für die unter Dreijährigen angeboten. Da konnten die Kinder auf dem Schoß der Eltern vor dem Bildschirm ihre Erzieher sehen, mit ihnen singen, ein Spiel spielen und das übliche Morgenritual erleben. „Das haben wir schon deshalb gemacht, damit wir nicht nach dem Lockdown alle wieder neu eingewöhnen müssen“, erzählt Ahmad. Nicht nur die Kinder seien begeistert bei der Sache gewesen, sondern auch viele Eltern hätten sich bedankt, weil die Lockdown-Tage so ein wenig normale Struktur bekommen hätten und es Gelegenheit zum Austausch mit anderen Eltern gegeben habe.

          Eine richtige digitale Kinderbetreuung sei das aber nicht gewesen, sagt Ahmad. Die hätten sie nur für die Älteren schaffen können. Da hat das Unternehmen inzwischen ein ganzes Portfolio, das von der ganztägigen Betreuung für die Kleineren von drei Jahren an bis zur Nachhilfe für Schulkinder reicht.

          90 Unterstützer beraten in Notsituationen

          Das funktioniere auch deshalb so gut, weil die Kinder ihrer Klientel gut mit Tablets oder Laptops ausgestattet seien. Dort können sie dann gemeinsam mit ihrer virtuellen Gruppe spielen, singen, musizieren, tanzen, basteln und turnen oder Vorlesestunden lauschen. „Es ist uns gelungen, sie über Stunden am Bildschirm zu fesseln“, so Ahmad. Das Ganze wird in kleinen Gruppen mit festen Bezugspersonen organisiert.

          Als eine von 3000 innovativen Ideen, die aus der Not der Krise heraus entstanden sind, ist die interaktive Online-Kinderbetreuung ausgezeichnet worden. „Ich war überrascht, wie schnell sich die Kinder gut verstanden haben“, sagt Michael Christmann, der eine der ersten Gruppen von Kindern zwischen neun und zwölf Jahren betreute: „Wir haben viel geredet und uns Witze erzählt. Am Ende der Woche waren wir alle gute Freunde“.

          Kinderbetreuung ist aber längst nicht mehr das einzige Thema, in dem der Familienservice unterstützt. Elternberatung, Pflegeberatung, Vermittlung von Haushaltshilfen sowie Coaching bei psychischen Belastungen gehören zum Angebot. Seit 1996 gehört Homecare-Eldercare und Lebenslagen-Coaching zur Produktpalette. Diese Angebote seien derzeit ganz besonders gefragt, berichtet Ahmad. Denn die Sorge um pflegebedürftige Angehörige habe in der Pandemie stark zugenommen. Vor allem aber auch die psychische Belastung von Beschäftigten, die Homeoffice und Kinderbetreuung oder Sorge um Eltern schultern müssten. PME habe darauf reagiert und nicht nur Coachings, sondern beispielsweise auch Kochkurse angeboten. 90 Supporter stünden in einer Hotline bereit, um in Notsituationen zu beraten. Das eben auch, wenn es zu Ehekrisen, Suchtproblem oder Depressionen komme.

          Über Arbeitsmangel kann Alexa Ahmad, die ihren Dienstsitz gewöhnlich in Frankfurt hat, derzeit aber viel von ihrem Bauernhof im Vogelsberg aus arbeitet, nicht klagen. Zwar habe sie auch zeitweilig Mitarbeiter in Kurzarbeit schicken müssen, Kunden habe sie dagegen nicht verloren, wenngleich einzelne den Umfang der Zusammenarbeit zuletzt etwas reduziert hätten. Und auch in der eigenen Mannschaft habe die Krise den Zusammenhalt eher gestärkt. „Wir hatten noch nie so tolle Ergebnisse in einer Mitarbeiterbefragung“, sagt Ahmad, das sei auch für einen Anbieter für Mitarbeiterunterstützung in allen Lebenslagen nicht selbstverständlich.

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