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Karstadt in Rhein-Main : Hoffen auf die Gläubigerversammlung

Bild: F.A.Z.

Für Karstadt wird es wohl vor der Gläubigerversammlung im November kaum Klarheit geben. Derweil sieht eine neue Studie auch viele Warenhäuser in Rhein-Main in Gefahr.

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          Das Warten zehrt an den Nerven. „Bei uns ist es wie überall, wir hoffen bis zuletzt“, sagt eine Verkäuferin bei Karstadt in Wiesbaden. Sie ist sich sicher, dass das vor wenigen Jahren aufwendig sanierte Haus in Bestlage der Landeshauptstadt gute Zukunftsaussichten hat – wenn nur Karstadt noch einmal eine Chance bekommt. Ob das so sein wird, ist noch immer offen. Die Verhandlungen über Sanierungsbeiträge der Gläubiger, Lieferanten und Beschäftigten laufen, sagt ein Sprecher des Insolvenzverwalters Klaus Hubert Görg auf Nachfrage – mehr nicht. Erst auf den Gläubigerversammlungen am 9., 10. und 11. November sollen die Pläne für Arcandor, für Karstadt und am dritten Tag für Quelle präsentiert werden. Bis dahin bleibt den Beschäftigten nur das Warten.

          Jochen Remmert

          Flughafenredakteur und Korrespondent Rhein-Main-Süd.

          Studien wie die gerade veröffentlichte des Wormser Professors Jörg Funder über Karstadt befeuern Existenzängste zusätzlich, wie die Wiesbadener Betriebratsvorsitzende Christine Kissner berichtet. Schwer nachvollziehbar ist das nicht. Denn der Handelsexperte geht in seiner Untersuchung davon aus, dass von den gut 200 Kaufhäusern, die Karstadt und Kaufhof zurzeit in Deutschland betreiben, bestenfalls 70 eine Überlebenschance haben.

          Studie keine Beruhigungspille

          „Das nehmen sie kurz zur Kenntnis und versuchen dann, es ganz schnell wieder beiseite zu schieben. Sonst hält man das nicht aus“, sagt Kissner. So recht beruhigen kann es die Frau, die seit 33 Jahren bei Karstadt arbeitet, auch nicht, dass in Funders Studie sowohl der Wiesbadener Karstadt wie auch der dortige Kaufhof in die Kategorie „Existenz gesichert“ fallen.

          Auch die Frankfurter Warenhäuser der beiden Ketten sieht Funder auf der sicheren Seite. Für viele andere Häuser von Karstadt wie auch für solche der zum Metro-Konzern gehörenden Kaufhof-Kette im Rhein-Main-Gebiet sieht es der Studie zufolge allerdings schlecht aus. Beispielsweise das Karstadt-Haus in Bad Homburg gilt bei Funder als „stark gefährdet“. Zum gleichen Schluss kommt er, was die Filiale im Sulzbacher Main-Taunus-Zentrum angeht. Auch für Karstadt in Hanau sieht er kaum Chancen. Letzterer gilt ohnedies als schwieriger Fall, weil das Areal rund um den Freiheitsplatz von Grund auf neu gestaltet werden soll. In Hanau sieht Funder schließlich auch den Kaufhof als stark gefährdet an.

          Standorte Mainz und Darmstadt in Gefahr?

          In Gefahr sind dem Wissenschaftler zufolge schließlich sowohl Karstadt und Kaufhof in Mainz wie auch die Dependancen beider Ketten in Darmstadt. Bei all dem ist aber zu berücksichtigen, dass die Studie die Überlebenschance der einzelnen Häuser jeweils allein anhand der Einwohnerzahlen der Stadt bestimmt, in der die Warenhäuser angesiedelt sind. 200.000 Einwohner ist nach Funders Ansicht eine kritische Grenze, darunter werde es schwierig.

          Lage, Modernisierungsgrad, Sortiment oder Kaufkraft in der jeweiligen Kommune bleiben mithin unberücksichtigt. Wollte man alle diese Kriterien einfließen lassen, sei der Aufwand extrem hoch, die Einwohnerzahl sei im übrigen eine erprobte und aussagekräftige Größe in dieser Frage, begründet Funder die Methode.

          Inseln einzelner bekannter Marken

          Eine wesentliche Ursache für die Schwierigkeiten von Karstadt ist nach Ansicht des Experten der in Deutschland etablierte Typ eines filialisierten Warenhauses. Der zentralisierte Einkauf helfe zwar, die Kosten zu senken, er zwinge die Häuser aber zugleich zu einem eher uniformen Sortiment und schmälere so ihre Konkurrenzfähigkeit gegenüber spezialisierten Geschäften, die ihr Angebot rascher verändern und regional unterschiedlichen Kundenwünschen anpassen können.

          Die Inseln einzelner bekannter Marken, die Karstadt in vielen Häusern im Erdgeschoss angesiedelt hat, können Funder zufolge dieses Problem des Warenhauses letztlich auch nicht lösen. Außerdem sei dies eigentlich schon der Wandel vom Warenhaus zum Innenstadt-Einkaufszentrum, wie es etwa an der Zeil in Frankfurt zu finden sei.

          Das Shop-im-Shop-System sei zwar insofern eine interessante Lösung, als es das Risiko des Warenhausbetreibers reduziere, es sei aber nur in absoluten Toplagen zu etablieren – und auch dort reiche es nur, die Leute ins Parterre zu locken. Doch müssten die oberen Stockwerke eines Warenhauses schließlich auch rentabel bewirtschaftet werden.

          Wieder Sanierungsbeiträge gefragt

          Auf alle diese Fragen erwarten die Gläubiger bei der Versammlung im November Antworten. Für die Beschäftigten stellt sich derweil vor allem die Frage, ob sie dazu bereit sind, nun zum dritten Mal in wenigen Jahren einen Sanierungsbeitrag zu leisten, wie Hellmut Patzelt, Gesamtbetriebsratsvorsitzender bei Karstadt und Konzernbetriebsratsvorsitzender von Arcandor, dieser Zeitung sagte.

          Im Moment gehe es darum, auszuloten, in wieweit ein solcher Sanierungstarifvertrag so gestaltet werden könne, dass den Beschäftigten angesichts der schwierigen Lage überhaupt noch ein Nutzen entstehe. „Bei den Mitarbeitern finden sie im Moment die gesamte Bandbreite“, berichtete Patzelt. Die einen wollten fast um jeden Preis ihren Arbeitsplatz erhalten, andere wollten nicht riskieren, mit einen noch einmal durch Zugeständnisse abgesenkten letzten Gehalt dann doch in die Arbeitslosigkeit entlassen zu werden, wenn die Sanierung misslinge.

          Nachvollziehbar ist auch letztere Überlegung, denn erst vor knapp einem Jahr haben die seinerzeit noch knapp 30.000 Mitarbeiter der Karstadt Warenhaus GmbH einem „Zukunftspakt“ zugestimmt, das im Durchschnitt ein Verzicht auf sieben bis zwölf Prozent des Jahreseinkommens bedeutet hat. Ausgenommen waren damals nur die Beschäftigten, die auf einer Vollzeitstelle 18.000 Euro oder weniger im Jahr verdient haben.

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