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„Jobs für Bestagers“ : Die Hilfe für ältere Arbeitslose ist dringender denn je

Start in Frankfurt: Mit solchen Kampagnen-Wagen hat das Projekt „Jobs für best agers” seinerzeit begonnen. Bild: GFFB

Das Projekt „Jobs für Bestagers“ hat vor knapp fünf Jahren in Frankfurt begonnen. Arbeitslosen jenseits der 50 sollte es beim Wiedereinstieg in den Beruf helfen. Das Projekt gibt es immer noch, und es hat Erfolge vorzuweisen.

          Inzwischen ist schon die Rente mit 70 im Gespräch, um die umlagefinanzierte Altersversorgung der aus dem Beruf ausgeschiedenen Arbeitnehmer trotz des demografischen Wandels noch zu ermöglichen. Gleichzeitig wird eine lückenlose Arbeitsbiografie immer seltener. Besonders heikel ist die Lage für Männer und Frauen jenseits der 50. Sie bilden die mit Abstand größte Gruppe unter den Arbeitslosen. Durch ein höheres Renteneintrittsalter würde gerade die zurzeit am meisten gefährdete Gruppe noch größer.

          Jochen Remmert

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung, zuständig für Flughafen und Offenbach.

          Schon 2005 versuchte die damalige Bundesregierung gerade bei diesem Personenkreis anzusetzen, sie legte das Programm „Perspektive 50plus“ auf. In Rhein-Main entwickelten die für Arbeitslosengeld-II-Empfänger zuständige Arge Darmstadt und das Rhein-Main Jobcenter Frankfurt daraus das Projekt „Jobs für Bestagers“, das nach wie vor läuft. Bundesweit gibt es inzwischen 62 dieser Pakte.

          Regionale Besonderheiten des Arbeitsmarktes

          Trotz der Wirtschaftskrise ist es der von den Darmstädtern und Frankfurtern getragenen Kooperation gelungen, die Vermittlungen in den vergangenen drei Jahren, stetig zu steigern. 2008 lag die Zahl der vermittelten Langzeitarbeitslosen noch bei 216, im vergangenen Jahr schon bei 289 Männer und Frauen. Und in diesem Jahr ist es schon im ersten Halbjahr gelungen, 270 Arbeitssuchende im Alter jenseits der 50 zu vermitteln, wie Florianne Blöcher, Koordinatorin des Projekts „Jobs für Bestagers“ berichtet.

          Der entscheidende Punkt dabei sei, sich auf die jeweiligen regionalen Besonderheiten des Arbeitsmarktes einzustellen. So sei der Frankfurter Arbeitsmarkt zwar ein sehr chancenreicher, es würden aber auch mehr als anderswo hohe Ansprüche an die Qualifizierung gestellt. Wichtig sei der stetige enge Kontakt zu Arbeitgebern, um die Arbeitssuchenden möglichst passgenau auf den in Aussicht stehenden neuen Arbeitsplatz vorzubereiten. Ist das geschehen, werden beispielsweise neudeutsch Job-Speed-Datings genannte Arbeitsplatz-Messen organisiert, bei denen Unternehmensvertreter in kurzer Zeit mit vielen verschiedenen Interessenten kurze Gespräche führen können, um zu prüfen, ob man zueinander passt.

          Auch Arbeitslose mit Studium

          Neben der stetigen Pflege der Kontakte zu Unternehmen, ist es Blöcher zufolge Ziel der Bemühungen, diejenigen, um deren Vermittlung es geht, nicht nur fachlich zu schulen, sondern auch zur Pflege der körperlichen Fitness anzuhalten und ihnen Gelegenheit dazu zu verschaffen. In einem Fall hat sich aus diesem Teil der Bemühungen eine private Walkinggruppe gebildet, wie Blöcher weiter berichtet. Das ist deshalb für die Koordinatorin bemerkenswert, weil bei dem Klientel, an das sich „Jobs für Bestagers“ richtet, oft die Fähigkeit gefehlt habe, selbst die Initiative zu ergreifen.

          Bei der betreuten Gruppe handelt es sich überwiegend nicht um hochqualifizierte Männer und Frauen, alle gehören zu der landläufig Hartz-IV-Bezieher genannten Personengruppe. Gleichwohl sind darunter bisweilen auch Leute mit hoher Qualifikation, etwa einem abgeschlossenen Studium, zu finden, wie Blöcher weiter berichtet.

          Fortsetzung bis 2015

          Dass es trotz fast stetig sinkender Arbeitslosigkeit notwendig ist, sich gerade um ältere Arbeitslose zu kümmern, zeigen die Arbeitsmarktberichte der Bundesagentur für Arbeit. So machte im Juli die Gruppe der 50 bis unter 65 Jahre alten Männer und Frauen mit 55 187 deutlich mehr als ein Viertel aller Arbeitslosen in Hessen aus. Die Älteren sind damit wieder mit Abstand die größte Gruppe unter den Arbeitslosen gewesen. Es folgen die 15 bis 25 Jahre alten Frauen und Männer mit 11,8 Prozent. Fasst man die Gruppe der älteren Arbeitslosen etwas enger, wird das Problem noch deutlicher: Verglichen mit den Zahlen von 2009, ist die Zahl der Arbeitslosen im Alter zwischen 55 und 65 Jahren nämlich in den vergangenen drei Monaten sogar immer stärker gewachsen. Im Mai lag der Wert noch 6,4 Prozent über dem des selben Monats 2009, im Juni bereits 7,4 Prozent darüber und im Juli schließlich mit 32 352 Arbeitslosen 8,3 Prozent über dem Wert Vorjahresmonats.

          Zum Vergleich: Alle Altersgruppen zusammen genommen, lag die Zahl der Arbeitslosen in Hessen im Juli dieses Jahres mit 200 301 um 7,5 Prozent unter dem Juli-Wert von 2009. Gerade in der Gruppe, die künftig nach Meinung vieler Politiker noch ausgeweitet werden sollte, hat die Arbeitslosigkeit also zugenommen, während alle anderen von der konjunkturellen Erholung nach der dramatischen Wirtschaftskrise profitieren konnten.

          Angesichts dieser Entwicklung erscheint es plausibel, dass das auf Bundesebene zugrunde liegende Projekt und damit auch „Jobs für Bestagers“ zunächst einmal bis 2015 fortgesetzt werden soll.

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