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Jahreswechsel : Kracher für die Konjunktur

Feuer frei: Alle Jahre wieder kaufen die Deutschen zum Jahreswechsel Böller und Raketen ein - von Krise ist im Fachhandel nichts zu spüren. Bild: Cornelia Sick

Wie schon im Weihnachtsgeschäft lassen sich die Verbraucher offenbar auch beim Silvesterfeuerwerk die Lust am Kaufen nicht von trüben Konjunkturaussichten verderben.

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          Feuerwerk ist für Bernd Reisemann mehr als nur ein Saisonartikel in seinem Dekorationsgeschäft an der Wiesbadener Moritzstraße. Fragen zu Leuchtsternen und Raketen lassen eine gewisse Leidenschaft für das krachende, bunte Amüsement bei dem Mann aufflackern, der schon den Beginn von Deko Behrendt 1959 als Lehrjunge miterlebt und das Geschäft vor 15 Jahren übernommen hat.

          Jochen Remmert

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung, zuständig für Flughafen und Offenbach.

          Beispielsweise von Batteriefeuerwerken, bei denen eine einzige Zündschnur durchaus mehr als vierhundert Schüsse oder auch Schläge auslösen kann, schwärmt Reisemann geradezu. „Der erste Tag ist sehr gut angelaufen“, berichtet er vom gestrigen Auftakt des Feuerwerkverkaufs, keine Spur von Kauflust raubender Krisenangst offenbar.

          Ganz normales Silverstergeschäft

          Die ist dem ersten Eindruck nach auch bei der Galeria Kaufhof an der Frankfurter Hauptwache nicht zu erkennen: Ein ganz normales Silvestergeschäft zeichne sich ab, sagt Geschäftsführer Norbert Richter. Ganz ähnlich äußert sich auch ein Sprecher der Rewe-Gruppe: Keine Anzeichen für krisenhaft schwache Nachfrage. Die Leute kauften vielleicht nun erst recht.

          2007 ließen es die Deutschen für 100 Millionen Euro krachen, sprühen und leuchten. Der Verband der pyrotechnischen Industrie hofft, dass sie es auch in diesem Jahr so halten. Die Größenordnung, so sagt Verbandssprecher Klaus Gotzen, sei seit Jahren etwa konstant. Konjukturelle Schwankungen hätten die Lust der Deutschen am Feuerwerk bislang nie geschmälert, Naturkatastrophen und der Wille mit Spenden zu helfen schon: Als Ende Dezember 2004 ein Seebeben vor Sumatra eine der bisher schlimmsten Tsunamikatastrophen mit mehr als 230 000 Toten auslöste, folgten viele Deutsche dem Aufruf: Spenden statt Böllern. Der Umsatz der Branche sank den Angaben zufolge auf unter 90 Millionen Euro, lag aber im Jahr darauf wieder auf altem Niveau.

          Marktführer aus Eitorf

          Zwölf Mitgliedsunternehmen zählt der Verband. Als Marktführer in Deutschland gilt die Weco GmbH aus Eitdorf/Sieg. Das Unternehmen mit 450 Mitarbeitern ist das einzige, das noch in Deutschland Feuerwerk herstellt. Diese Produktionskapazitäten sollen in nächster Zeit sogar noch um die Hälfte wachsen, wie ein Unternehmenssprecher sagt, ohne sich auch schon auf eine Zahl zusätzlich entstehender Arbeitsplätze festlegen zu wollen.

          Grund seien vor allem die rasch steigenden Frachtpreise von China nach Europa. So schlage beispielsweise ein Schiffscontainer, der vor drei Jahren noch für um die 3000 amerikanische Dollar zu chartern gewesen sei, nun mit 13 000 Dollar zu Buche. Die beiden für Feuerwerksartikel in Frage kommenden Häfen in China würden von einer Reederei kontrolliert, sagt der Sprecher, die ihre Monopolstellung auszunutzen wisse.

          Chinas Preisvortel schwindet

          Inzwischen hat außerdem das chinesische Wirtschaftswunder auch zu einem deutlich höheren und weiter steigenden Lohnniveau geführt, das den Schwund des Preisvorteils einer Produktion in Fernost zusätzlich beschleunigt, wie der Sprecher weiter erläutert. Daher zahle es sich nun aus, dass sein Haus, anders als die deutsche Konkurrenz, eben nicht die gesamte Produktion nach China verlagert habe.

          Außerdem erweise sich inzwischen auch bei Feuerwerk der Hinweis Made in Germany als verkaufsfördernd. Wie viel die Weco-Gruppe allein mit ihrem Feuerwerk an Umsatz erwirtschaftet, ist dort nicht zu erfahren. Der Gesamtumsatz der Gruppe beläuft sich auf 100 Millionen Euro im Jahr, entfällt aber nicht nur auf Silvesterfeuerwerk, sondern enthält beispielsweise auch die Erlöse der Tochter SF-Automotive Freiberg, wo pyrotechnische Granulate hergestellt werden, die Airbags in Autos in Sekundenbruchteilen prall werden lassen.

          Systemfeuerwerke in der Topliga

          Die Feuerwerksartikel vertreibt Weco nicht nur über den Fachhandel, sondern auch via Discounter und Lebensmittelketten wie Edeka und Rewe. Der Anteil, den die Branche über diesen Weg absetzt liegt bei 65 bis 70 Prozent, der Rest bleibt für den Fachhandel. Egal wo der Kunde sein Geld lässt, der Trend geht klar zu den Systemfeuerwerken, sagt der Weco-Sprecher weiter. Wer in der Topliga mitknallen will, der braucht Systemfeuerwerke, die bei Weco bis zu 100 Euro je Schachtel für den Verbraucher kosten. Die kann man dann aber auch bequem mit einer Lunte verbinden, und fünf oder auch zehn der Schwarzpulverpakete gleichzeitig in den Nachthimmel feuern, begeistert sich der Sprecher.

          Von den Angeboten beim Discounter hält der Wiesbadener Händler Reisemann naturgemäß nicht so viel: Man dürfe sich nicht wundern, wenn eine Discount-Rakete für kleines Geld eben auch nur ein entsprechend bescheidenes Lichtspiel zeige. Reisemann selbst brennt das gesamte Sortiment, das er der Kundschaft anbietet, erst einmal selbst ab. Er müsse schließlich genau wissen, was er – meistens an Stammkunden – verkaufe, rechtfertigt er sein privates Feuerwerkvergnügen.

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