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Interxion im Traditionsbau : Milliardeninvestition in größten Internetknoten der Welt

Ein neues Rechenzentrum im Neckermann-Areal – kein planungsrechtlich einfaches Gebiet, zum Beispiel in Sachen Denkmalschutz. Bild: Simulation Interxion

Interxion will eine Milliarde Euro in den größten Internetknoten der Welt investieren. Das niederländische Unternehmen betreibt schon 15 Rechenzentren in Frankfurt. Dort wird ein lange ungenutztes Traditionsgelände wiederbelebt.

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          Sein Vater, erzählt Jens Prautzsch, war einst ein Neckermann, er habe im Einkauf in der Konzernzentrale des Versandhändlers gearbeitet, der einmal der größte Europas war – und der vor acht Jahren und zwei Wochen pleiteging. Nun sorgt ausgerechnet Prautzsch junior dafür, dass es für das riesige Areal im Frankfurter Osten eine Zukunft geben wird. Denn Jens Prautzsch, der nun Deutschland-Geschäftsführer des niederländischen Unternehmens Interxion ist, plant auf dem Gelände ein riesiges neues Rechenzentrum und will dort mehr als eine Milliarde Euro investieren.

          Falk Heunemann

          Wirtschaftsredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Das Unternehmen erwirbt dafür knapp elf Hektar der insgesamt 24 Hektar großen Neckermann-Fläche, gemunkelt wird von einem Kaufpreis von 160 Millionen Euro. Der türkische Sinpas-Konzern, der das gesamte Areal nach der Neckermann-Insolvenz übernommen hatte, soll damals 50 bis 60 Millionen gezahlt haben.

          Einen „Glücksfall für die Stadt“ nennt der Frankfurter Planungsdezernent Mike Josef (SPD) die Entscheidung von Interxion. Denn das Unternehmen erwirbt nicht nur die Fläche. Der Investor will auch die denkmalgeschützten Gebäude dort erhalten, insbesondere das sogenannte Eiermann-Gebäude, die frühere Neckermann-Zentrale, und das Kesselhaus mit dem Kraftwerk. Interxion habe auch deshalb die Zustimmung der Stadt erhalten, weil es diese Gebäude nicht abreißen wolle, sagte Josef am Donnerstag.

          15 Rechenzentren allein in Frankfurt

          Seit Dezember 2012 ist die ehemalige Zentrale des früheren Versandhauses frei. Große Teile des 24 Hektar großen Geländes stehen bis heute leer, etwa die Hälfte der Fläche hatten meist kleine Unternehmen belegt, zu den größten Nutzern gehören die Logistiker DB Schenker und BLGLogistics. Zeitweise wurden zweieinhalb Etagen im denkmalgeschützten Hauptgebäude nach 2015 als Flüchtlingsunterkunft genutzt. Von der großen Vergangenheit ist nur noch ein Werbebanner für Neckermann.de geblieben, die Marke gehört nun dem Otto-Konzern aus Hamburg. Dass nun gerade ein Rechenzentrumsbetreiber die Neckermann-Fläche übernimmt, ist bezeichnend. Zu den Kunden von Interxion (ausgesprochen: Interaction) gehören nicht nur Banken und Industrie-Unternehmen, sondern auch Konzerne wie Amazon, die Versandhändler des Internetzeitalters. Frankfurt ist einer der großen Internetknoten, über dessen Rechner digitale Bestellungen aus aller Welt geleitet werden. 15 Rechenzentren betreibt allein Interxion in Frankfurt, dazu kommen noch einmal ähnlich viele der Konkurrenz, etwa E-Shelter und Equinix – so viele wie an keinem anderen Standort auf dem Globus.

          Die Zukunft des Neckermann-Gebäudes als Simulation
          Die Zukunft des Neckermann-Gebäudes als Simulation : Bild: Simulation Interxion

          Das Neckermann-Areal sei „kein planungsrechtlich einfaches Gebiet“, sagte Planungsdezernent Josef. So ist eben der Denkmalschutz zu beachten – die 300 Meter lange Konzernzentrale von Neckermann war in den fünfziger Jahren von Egon Eiermann entworfen worden, die außen liegenden Treppenhäuser und Schächte machten es unverwechselbar. Das Gebäude ist zwar riesig, die Etagen sind aber vergleichsweise niedrig, damit konnten nur wenige Interessenten etwas anfangen.

          Auch die Nachbarschaft erschwert eine Weiternutzung. Weil direkt nebenan das Chemiewerk von Allessa steht, war etwa Wohnungsbau rechtlich kaum möglich. Hochhäuser will die Stadt an dieser Stelle nicht, wie Josef sagte. Und aus der Industrie habe es zwar einige Anfragen gegeben, die meisten aber hätten die bestehenden Gebäude abreißen wollen.

          „Wir planen dort ein Gebäude im Gebäude“

          Interxion sei der erste Interessent gewesen, der die Bauten in sein Konzept integriere. „Hier wird der erste denkmalgeschützte Superrechner der Welt entstehen“, scherzte Josef darum.

          Allerdings benötigen diese Rechenzentren zwar viel Strom, aber kaum Personal. Der „Digital Park Fechenheim“, dessen Bau 2021 beginnen und bis 2028 beendet sein soll, wird bis zu 180 Megawatt Strom verbrauchen. Denn die Rechenzentren sind im Prinzip kaum mehr als riesige und gut gesicherte Kühlschränke, um die sich nur einige Wachleute und Techniker kümmern. Interxion-Chef Prautzsch sagte am Donnerstag, er rechne, je nach Zahl der künftigen Kunden, mit mindestens 100 Arbeitsplätzen.

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          Wie das Gelände in Zukunft aussehen wird, steht bisher nur im Groben fest, über Details verhandelt Interxion noch mit der Stadt und dem Denkmalschutz. So sollen das Kesselhaus und das Eiermann-Gebäude optisch zusammenrücken. Bisher steht zwischen beiden Bauten eine große Lagerhalle, künftig soll es einen begrünten Sichtkorridor geben. „Wir wollen die Sicht auf das Gelände auch so gestalten, dass es kein kalter Rechenzentrumsblock ist“, sagte Thomas Wacker, der Expansions-Direktor von Interxion. Gedacht sei etwa an farbige Fassadenelemente. Der Westflügel der früheren Firmenzentrale soll komplett erhalten und die Kantine wieder aufgearbeitet werden. Größere Umbauen sind dagegen im Ostteil geplant, unter anderem sollen dort die Zwischendecken entfernt werden. „Wir planen dort ein Gebäude im Gebäude“, sagte Prautzsch. Das werde man von außen aber nicht erkennen. Erhalten würden wiederum die 1000 Fassadenfenster und ein Innenhof. Die Abwärme der Rechenzentren werde für das Heizen genutzt. Möglich sei auch, sagte Prautzsch, dass die Notstromaggregate in der Zukunft mit Wasserstoff betrieben würden. Zudem sind ein Gründerzentrum und ein Internetmuseum angedacht. Bislang sind das aber nur grobe Ideen.

          Die Rechenzentren seien ein „Standortvorteil“, findet Josef. Immer mehr Unternehmen komme es darauf an, dass sie ihre Daten schnell transferieren könnten, und dazu suchten sie die Nähe von Rechenzentren. Für sie ist daher auch zweitrangig, dass Anbieter wie Interxion in Frankfurt nur wenige hundert Beschäftigte haben. „Man muss die gesamte Wertschöpfungskette berücksichtigen“, sagte er. Damit die Rechenzentren sich aber nicht in der gesamten Stadt unkontrolliert ausbreiteten, sollten sie sich an bestimmten Punkten konzentrieren, so wie jetzt schon an der Hanauer Landstraße. Nach der Sommerpause will Josef dazu ein Konzept vorlegen. Denn der Bedarf an weiteren Flächen für Rechenzentren wächst weiter.

          Erst kürzlich hatte Interxion ein größeres Areal am Osthafen erworben, auf dem das Unternehmen sich schon eingemietet hatte. Und in Rödelheim könnte das Gelände des Werkzeugbauers Günther & Co., der geschlossen werden soll, an einen Rechenzentrumsbetreiber gehen. „Ich will“, sagte am Donnerstag Interxion-Chef Prautzsch, „auch nicht ausschließen, dass wir weitere Flächen in Frankfurt brauchen werden.“

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