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Internet-Spiele : Und du bist Captain Kirk

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Von Frankfurt aus in unbekannte Welten: Antony Christoulakis von Keen präsentiert einen Avatar aus Star Trek. Bild: Maria Irl

In Sachsenhausen entsteht eines der aufwendigsten Internet-Spiele. Es soll entgeltlos verfügbar sein. Geld wollen die Entwickler von Keen Games über große Nutzerzahlen und Zusatzmaterial verdienen – zum Beispiel schicke Frisuren für die Spielfiguren.

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          Ein paar Millionen Kunden sollen es schon sein, die das neue Produkt aus Frankfurt-Sachsenhausen bald nutzen werden. „Und das ist konservativ geschätzt“, sagt Gunnar Lott. Großspurig oder übermütig würde man jeden nennen, der für sein gerade erst entstehendes Produkt solche Abnehmerzahlen avisierte. Aber Lotts Markt ist nicht Frankfurt oder Deutschland. Das neue Produkt braucht keinen Platz im Ladenregal und muss nicht versandt werden. Sogar entgeltlos soll es erhältlich sein.

          Lott ist für die Promotion bei Gameforge zuständig, einem Unternehmen aus Karlsruhe, das sich auf Computerspiele im Internet konzentriert hat. Das Entwicklerstudio Keen Games, das nahe dem Lokalbahnhof in Sachsenhausen sitzt, entwickelt für das Unternehmen gerade eines der aufwendigsten Browsergames, die es je gab, wie Lott sagt. Browsergames, das sind Spiele, die einfach im Internet gespielt werden können. Der Nutzer muss keine Diskette oder CD mehr im Laden kaufen, nichts installieren und in der Regel auch nichts herunterladen.

          Es ist eine Adaption der Science-Fiction-Kultserie Star Trek, die in den Keen-Studios entsteht. Auf der Spielemesse Gamescom in Köln soll sie in zwei Wochen erstmals einem großen Publikum vorgestellt werden und bald darauf im Internet spielbar sein.

          Mission: Spieler testen eine Demoversion.
          Mission: Spieler testen eine Demoversion. : Bild: Maria Irl

          Im Raumschiff durch ein virtuelles Universum

          Doch Keens Star Trek ist nicht nur ein Spiel, in dem es darum geht, die Gegner abzuballern. Die Spieler, die sich auf der ganzen Welt über das Internet in das Universum einschalten können, bauen sich eine Figur nach ihren Vorstellungen – sogenannte Avatare. Quasi verkleidet als Star-Trek-Charaktere, können sie sich in einer visuellen Lounge auf einer Raumstation mit anderen Spielern treffen und unterhalten. Hier können sich Teams zusammenstellen, die dann ein Kapitel durchspielen – wie ein Kapitän seine Mannschaft sucht, um mit ihnen auf Abenteuerfahrt zu gehen.

          Diese Fahrten sind dann die Spielsequenzen. Im Raumschiff – auch das kann sich der Spieler selbst gestalten, mit Waffen und Schutzschilden ausrüsten – geht es durch ein virtuelles Universum. Missionen müssen bestanden werden, Transportschiffe sicher ans Ziel geleitet und vor Angreifern verteidigt werden. Manchmal geht es auch darum, Konflikte diplomatisch zu lösen oder bestimmte Dinge in den Weiten des Universums aufzuspüren.

          Der kostenlose Zugang ist wichtig, um die gigantischen Spielerzahlen zu erzielen. Der amerikanische Platzhirsch unter den Browsergame-Anbietern, Zynga, der im vergangenen Jahr ein Büro in Frankfurt eröffnet hat, berichtet von 250 Millionen Spielern im Monat, die sich zum Beispiel mit ihrer Online-Simulation Farmville einen virtuellen Bauernhof aufbauen.

          Eine Frisur kostet um die drei Euro

          Geld verdienen die Entwickler dann über den Verkauf von Zusatzmaterial. „Die Erfahrung zeigt, dass etwa zehn Prozent der Spieler von kostenlosen Internetspielen bereit sind, Geld dafür auszugeben“, sagt Lott von Gameforge. Das kann zum einen das „Kaufen von Zeit“ sein. Wer sich mit Freunden in einem Internetspiel verabredet, die schon einige Levels weiter sind, kann sich gegen Geld dorthin versetzen lassen, statt jede Stufe selbst durchzuspielen.

          Auf der anderen Seite setzen die Online-Spiele auf die Eitelkeit der Nutzer. Als klassisches Beispiel nennt Lott die Frisur der Avatare. In einem früheren Spiel hat sich eine Trendfrisur durchgesetzt. Wer in der virtuellen Bar richtig gut aussehen will, muss sich das schon etwas kosten lassen. Nicht sehr viel, eine Frisur kostet um die drei Euro. Aber bei mehreren Millionen Nutzern kommen auch durch kleine Beträge ordentliche Umsätze zusammen. Und der Vielfalt an Produkten sind hier wenig Grenzen gesetzt. Klamotten, Waffen, Ausrüstung – alles, was im Spiel hilfreich sein kann, gibt es im Onlineshop zu kaufen. Gegen richtiges Geld, per Kreditkarte oder dem Bezahlsystem Paypal, versteht sich.

          Der Bundesverband Interaktive Unterhaltungssoftware hat zusammengerechnet, dass 2010 in Deutschland ein Umsatz von 73 Millionen Euro mit solchen virtuellen Zusatzprodukten von Onlinespielen gemacht wurde. Tendenz kräftig steigend.

          Die Entwicklung von Star Trek hat sich Gameforge einiges kosten lassen. Seit März 2010 arbeiten bis zu 25 Mitarbeiter um den Keen-Games-Geschäftsführer Antony Christoulakis in den Sachsenhäuser Studios an dem Spiel.

          Spiele mit „Chef-Button“

          Waren entgeltlose Browsergames bisher meist grafisch anspruchslos, so sind die Figuren in Star Trek nun dreidimensional. Beim Design von Raumschiffen, Bedienelementen und Missionen haben die Sachsenhäuser eng mit den Machern der Serie zusammengearbeitet. Der Lizenzgeber CBS achtet kleinlich darauf, dass unter dem Namen Star Trek nicht plötzlich mit Schwertern statt mit Phasern gekämpft wird. Und auch die Star-Trek-Fans, die Trekkies, verstehen in der Regel wenig Spaß, wenn ein Detail nicht stimmt.

          Ohne genaue Zahlen zu nennen, deutet Lott an, dass die Kosten bis zum Spielstart in einstelliger Millionenhöhe liegen werden. Doch bis zum Spielstart fielen nur etwa 20 Prozent der gesamten Kosten an. Denn anders als die vielen Computerspiele, die einmal durchgespielt werden, müssen Online-Spiele immer weiterentwickelt, immer neue Levels und Ausstattungen entwickelt werden. Hinzu kommen die Marketingkosten, um das Spiel zum Beispiel über soziale Netzwerke wie Facebook bekannt zu machen.

          Die Spieler sind übrigens längst nicht mehr nur pickelige Jungs in dunklen Kellern. Etwa die Hälfte der Spieler vermutet Lott in Büros. Gerade Browsergames würden oft neben der Arbeit her gespielt. Deshalb gibt es auch einen „Chef-Button“, der jederzeit gut sichtbar auf dem Bildschirm ist. Naht der Chef, kann der Spieler dort mit einem Klick alles stummschalten.

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