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Betriebe warten auf Hilfe : Insolvenzverwalter sehen düstere Perspektiven für 2021

Leerstellen: Auch Gastronomen verlieren im Lockdown erheblich an Umsatz Bild: Frank Rumpenhorst

Viele Unternehmer müssen länger auf finanzielle Hilfen des Staats warten, als ihnen lieb ist. Die Kreditbelastung steigt. Ein Fachmann sieht schon eine „kalte Enteignung der Unternehmer“ kommen.

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          Dass Messebauer von der Politik stiefmütterlich behandelt werden, kennt Joachim von Bertrab schon länger. Viel sei die Rede davon, wie dem Einzelhandel, den Hotels und der Gastronomie während der Corona-Krise zu helfen sei, sagt der Unternehmer, der ein Messebau-Unternehmen in Darmstadt betreibt. Von seiner Branche sei hingegen selten die Rede. Was Bertrab aber noch weitaus mehr ärgert: Es könne keineswegs die Rede davon sein, dass ihm mit den Novemberhilfen 75 Prozent seines Umsatzes ersetzt würden. Nicht einmal 20 Prozent seien es – „zu viel zum Sterben und zu wenig zum Leben“.

          Inga Janović
          Wirtschaftsredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.
          Manfred Köhler
          Stellvertretender Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und verantwortlicher Redakteur des Wirtschaftsmagazins Metropol.
          Daniel Schleidt
          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Was der Unternehmer schildert, gibt einen Einblick, wie groß die Aufgabe ist, während der Pandemie beachtliche Teile des Wirtschaftslebens mit Staatsbeihilfen über Wasser zu halten und dabei auch den Besonderheiten der einzelnen Betriebe gerecht zu werden. So hat das von ihm und seiner Frau geführte Unternehmen Fair Messe Consult zahlreiche Kunden im Ausland, die mithin von der Umsatzsteuer befreit sind. Rechnungen, auf denen diese Steuer aber nicht ausgewiesen ist, werden bei der Berechnung der Umsätze im November 2019 nicht anerkannt, wie Bertrab schildert. Ihm sei nicht klar, warum die Regel so laute – sei das gewollt, oder wüssten die Behörden nur zu wenig über die betriebliche Praxis?

          Tücken der Abschlagszahlung

          Doch nicht nur das trifft den Darmstädter. Wenn der Betrieb Messestände entwickle, würden zwei Rechnungen erstellt: Eine erste über eine Abschlagzahlung für etwa die Hälfte des Gesamtbetrages und eine zweite, wenn der Stand übergeben werde. Doch bei der Berechnung der Umsätze im November 2019 würden die Abschlagzahlungen nicht anerkannt. Wenn er noch berücksichtige, dass sein Steuerberater bezahlt werden müsse für die Abwicklung des Antrags auf die Hilfe, so komme er eben auf die erwähnten weniger als 20 Prozent vom Umsatz im November 2019, die ihm erstattet würden. Bertrabs Fazit: „In der Art und Weise, wie die Richtlinien gestrickt sind, wird das nichts.“

          Steuerberater bestätigen, dass es bei der Auszahlung staatlicher Hilfen zu erheblichen Problemen kommt. „Es kommt zu wenig bei den Unternehmen an, und es kommt auch zu spät“, kritisiert Steuerberater Hartmut Ruppricht, Vizepräsident der Steuerberatungskammer Hessen. Ruppricht berichtet von einem Mandanten aus der Gastronomie. Statt der 40.000 Euro, die er für November beantragt habe, seien als Abschlag 10000 Euro angekommen. Ruppricht versteht nicht, wieso die Hilfen nicht schneller und vollständig ausgezahlt würden, wenn er als Steuerberater bescheinige, dass das Geld tatsächlich benötigt werde und er sogar dafür hafte.

          Das Portal zur Beantragung habe zu spät geöffnet, die Auszahlung erfolge zu langsam, „das reicht nicht, um Unternehmen wirklich vor der Insolvenz zu retten“, sagt Ruppricht weiter. Ähnliche Schwierigkeiten gebe es beim Überbrückungsgeld II. Der Steuerberater erinnert daran, dass Unternehmer, etwa Gastronomen, Fixkosten hätten. „Da ist es doch kein Wunder, dass Unternehmen in Existenznot geraten.“

          Ohnedies laufen die Auszahlungen nur langsam an. Von der November- und Dezember-Hilfe werden bisher vorwiegend Abschlagzahlungen gewährt, wie es am Mittwoch aus dem hessischen Wirtschaftsministerium hieß. Die ausgezahlten Beträge summierten sich in diesem Bundesland auf 119 Millionen Euro. Davon ging das Gros an 19000 Unternehmen, die einen Steuerberater eingeschaltet hatten, wie es Vorschrift ist. Zwölf Millionen wurden direkt an 7100 Solo-Selbständige ausgezahlt, sie brauchen für Anträge über bis zu 5000 Euro keinen Steuerberater und erhielten auch die volle Summe.

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