https://www.faz.net/-gzg-8tmf2

Industriepark in Frankfurt : Schier unaufhaltsamer Niedergang in Griesheim

Wartestand: Der Industriepark Griesheim braucht neue Betriebe. Bild: Wolfgang Eilmes

Von der einstigen Größe des Industrieparks Griesheim ist kaum noch etwas übrig. Zwei Neuansiedlungen lassen auf sich warten. Und dann gibt es da noch einen Vertrag aus Hoechst-Zeiten.

          3 Min.

          Bisweilen sagt nicht nur ein Bild mehr als 1000 Worte. Manchmal gilt das auch für eine Kurve – so wie in diesem Fall: Der Niedergang des Industrieparks Frankfurt-Griesheim lässt sich gut anhand der Zahl der Arbeitsplätze auf diesem Gelände der früheren Hoechst AG beschreiben. Stellt man die Mitarbeiterzahl eines jeden Jahres als Säule dar und reiht diese Säulen aneinander, ergibt sich eine von links oben nach rechts unten unschön abfallende Kurve. 1990 beschäftigte die Hoechst AG an der Stroofstraße noch fast siebenmal so viele Mitarbeiter, wie heute auf den Gelände gezählt werden. Erst im Frühjahr 2016 musste der Industriepark einen weiteren Nackenschlag verkraften. Der ebenfalls aus Hoechst hervorgegangene Konzern SGL Carbon aus Wiesbaden schloss dort seine Elektrokathoden-Fabrik.

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.

          Angesichts der weltweit schlechten Lage in der Stahlindustrie als Abnehmer der Kathoden und erdrückender Billigkonkurrenz aus Asien arbeitete der Betrieb nicht mehr wirtschaftlich. Für die 150 Mitarbeiter handelte das Unternehmen mit den Arbeitnehmervertretern einen Sozialplan nebst Interessenausgleich aus. Die Beschäftigten konnten zum 1.Mai mit einer Abfindung auf ihren Konten in eine Transfergesellschaft wechseln, um sich von ihr für neue Aufgaben fit machen zu lassen. Bis Ende April dieses Jahres unterstützt die Transfergesellschaft frühere SGL-Beschäftigte noch, dann ist dort Schluss. Obwohl die Kathodenfabrik längst aufgegeben ist, taucht SGL Carbon weiter auf der Internetseite des Industrieparks als Standortunternehmen auf.

          Vorzeitige Beendigung war nicht vorgesehen

          Zudem wird Weylchem genannt, ein Hersteller von Chemikalien für den Pflanzenschutz, der dort erst 2016 in eine mit Braunkohlestaub betriebene Dampfanlage investiert hat. Auch die Schwesterfirma Allessa und die Dienstleister Infraserv Logistics und Bilfinger Maintenance stehen auf der Seite, ebenso die Clariant Produkte GmbH. Allerdings hat dieser Chemiekonzern sich mit seinem letzten Betrieb wie SGL schon vom Standort verabschiedet: „Seit Januar 2015 unterhält Clariant keine Aktivität mehr im Industriepark Griesheim. Das kleine Labor von Clariant ist im Dezember 2014 in das Clariant Innovation Center, das Herzstück der weltweiten Forschung von Clariant, am Standort Frankfurt-Höchst umgezogen“, lässt eine Sprecherin wissen.

          Gleichwohl ist Clariant im Industriepark Griesheim, ehedem im Volksmund „die Chemische“ genannt, stets präsent. Den Schweizern gehört schließlich das Gelände. Betrieben wird es von Infrasite Griesheim, einer Tochtergesellschaft von Infraserv Höchst, dem Betreiber des ungleich größeren, florierenden Industrieparks ein paar Main-Kilometer stromabwärts.

          Mit SGL verbindet Clariant eine besondere Beziehung. Die Sprecherin bestätigt eine Information dieser Zeitung, nach der SGL für die mittlerweile verlassene Fabrik einen Erbbaurechtsvertrag mit Clariant hat. Diese Übereinkunft stamme aus dem Jahr 1967. Wie bei solchen Verträgen üblich, beträgt die Laufzeit 99 Jahre. Anders gesagt: SGL muss nach Aktenlage noch bis 2066 Pachtzinsen zahlen. Für eine Fläche, die der Konzern nicht mehr braucht. Das aus SGL-Sicht Dumme ist: „Eine vorzeitige Beendigung war zum Zeitpunkt des Vertragsschlusses nicht vorgesehen“, heißt es bei Clariant.

          SGL Carbon bestätigt den Sachverhalt. Ein Firmensprecher stimmt auch der Annahme zu, dass dieser Zustand für das in der Restrukturierung befindliche Unternehmen auf die Dauer nicht haltbar sei. Geld für nichts zu zahlen, ist schließlich nicht wirtschaftlich. Aus Industriepark-Sicht stellt sich die Situation weniger dringlich dar. Wie Infrasite-Geschäftsführer Andreas Brockmeyer schon mit Blick auf die SGL-Schließung erläutert hatte, sei für den Umsatz mit Kunden die jeweils im Industriepark belegte Fläche wichtig – nicht unbedingt so sehr der Verkauf von Strom und Dienstleistungen. Andernfalls hätte der Rückzug von SGL von heute auf morgen durchaus einen herben Schlag bedeutet. So lastet aber der Druck eher auf SGL als auf Clariant.

          „Wir prüfen immer wieder Anfragen“

          Dessen ungeachtet bemüht sich das Standortmanagement wie schon in den vergangenen Jahren um neue Betriebe. Es wurden sogar im Frühjahr 2015 den Anliegern schon Pläne für ein Reservekraftwerk vorgestellt, das dann laufe solle, falls Windräder, Solar- und Biogasanlagen sowie andere Kraftwerke einmal zu wenig Strom liefern sollten und das Netz zusammenbräche. Seitdem ist es um dieses Vorhaben ebenso still geworden wie um den Plan des Entsorgers Veolia, auf dem Gelände künftig Abfälle wie Bohrflüssigkeiten auf chemisch-physikalischer Basis aufzubereiten.

          Interesse an dem Areal scheint aber es weiter zu geben: „Es werden derzeit Gespräche mit verschiedenen Unternehmen geführt, für die der Industriepark Griesheim ein interessanter Standort ist“, sagt ein Sprecher der Infrasite-Mutter Infraserv. Es handele sich um Unternehmen aus verschiedenen Branchen, die logistisch gut erschlossene Industrieflächen suchen und spezielle Anforderungen an die Infrastruktureinrichtungen hätten. SGL verlautet dazu: „Wir prüfen immer wieder Anfragen.“ Spruchreif sei aber noch nichts.

          Thomas Büttner fordert derweil eine Zusammenkunft aller beteiligten Unternehmen und Vertretern der Stadt. Der Frankfurter Unternehmer verfügt über reichhaltige Erfahrungen in der Chemieindustrie und berät Betreiber von Industrieparks in verschiedenen Ländern. Die Stadt suche, wie sie im Industrie-Masterplan darlege, Flächen für verarbeitendes Gewerbe. Flächen gebe es in Griesheim schon. Auch der Industrie- und Handelskammer müsse an Liegenschaften für urbane Produktion gelegen sein. Der Standort brauche aber ein neues Nutzungskonzept. „Sonst gibt es keine Zukunft für diesen Industriepark – das lehrt die Erfahrung“, sagt Büttner.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Neue Abstandsregel : Der harte Kampf um jedes Windrad

          Der Protest der Deutschen gegen Windräder wächst, und der Ausbau ist beinahe zum Erliegen gekommen. Kann der Mindestabstand von 1000 Metern für mehr Frieden sorgen – oder wird nun alles noch schwieriger?

          Amtsenthebungsermittlungen : Der Oberstleutnant und der Amigo

          In den Impeachment-Ermittlungen im Kongress werden heute Alexander Vindman und Kurt Volker angehört. Die Demokraten wollen der Öffentlichkeit darlegen, wie Donald Trump die Ukraine-Politik für seine Wiederwahl missbrauchen wollte.
          Eine Randfigur? Kronprinz Wilhelm von Preußen (r.) mit Joseph Goebbels (M.) und Georg Heinrich von Neufville beim Polizeisportfest 1933 in Berlin

          Coup von Böhmermann : Alles ans Licht

          TV-Moderator Jan Böhmermann hat die vier Gutachten zu den Entschädigungsansprüchen des Hauses Hohenzollern veröffentlicht. Jetzt kann die Öffentlichkeit endlich frei über den Fall diskutieren.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.