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Industriepark Griesheim : Alles, nur keine Abfall-Sortieranlage

Die Tochter: Infrasite in Griesheim. Bild: Verena Müller

Eine Chemieanlage – das wär’s. Oder auch eine Papierfabrik – „die braucht so richtig schön viel Strom und Dampf“, wie Rainer Gutweiler weiß. Doch hat der Chef des Industrieparks Griesheim derzeit weder das eine noch das andere in Aussicht.

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          Eine Chemieanlage – das wär’s. Oder auch eine Papierfabrik – „die braucht so richtig schön viel Strom und Dampf“, wie Rainer Gutweiler weiß. Doch hat der Chef des Industrieparks Griesheim derzeit weder das eine noch das andere in Aussicht. Dabei hat der kleinere Bruder des Industrieparks Höchst einiges zu bieten: den Mainhafen etwa, die Nähe zum Flughafen, ein eigenes Kraftwerk, eine europaweit herausragende Anlage zur Abwasservorbehandlung und nicht zuletzt eine frisch freigeräumte, 1,8 Hektar große Fläche.

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.

          Immerhin kann Gutweiler bald eine Eisenbahn-Wartungshalle in Betrieb nehmen. Das Gebäude entsteht auf dem früheren Gelände der Hoechst AG direkt an der S-Bahn-Strecke nach Wiesbaden, wo zuvor Gleise lagen. Dort werden künftig Wagen der Odenwaldbahn gewartet, die zwischen Frankfurt und Koblenz unterwegs sein werden.

          Viele Kostenvorteile

          Die Wartungshalle ist die erste größere Neuansiedlung, seit Gutweiler vor etwas mehr als einem Jahr als Standortleiter der Betreibergesellschaft Infrasite Griesheim, einer Tochter von Infraserv Höchst, angetreten und damit Michael Molter von Clariant gefolgt ist. Zuvor hatte Infrasite den Standortbetrieb von dem Chemieunternehmen übernommen. Seitdem kümmern sich Gutweiler und seine Belegschaft um die Werksfeuerwehr, den Betrieb des Strom- und Gasnetzes und die werksärztliche Versorgung. Nicht zuletzt beliefert Infrasite Betriebe im Industriepark mit Strom und Gas. Wobei nicht alle Unternehmen am Standort ihre Energie über den Betreiber beziehen – hier muss sich Infrasite dem Wettbewerb der Anbieter stellen, auch wenn alles über die eigenen Netze geht.

          Strom und Gas bezieht Infrasite ihrerseits über die Mutter im Industriepark Höchst – Infraserv kann ganz andere Mengen einkaufen, als Infrasite es alleine vermag und dadurch bessere Preise erzielen. Infraserv ist auch in den Betrieb der Werksfeuerwehr eingebunden, zudem teilen sich Mutter und Tochter den Werksarzt. Das bringt Kostenvorteile, neudeutsch Synergien genannt. „Wir sparen schon einiges ein“, sagt der Standortleiter, ohne aber Summen zu nennen.

          Unternehmen wie Clariant und Bayer haben sich aus Griesheim verabschiedet

          Die Kosten herunterzufahren, drängt sich auch auf, denn in den vergangenen Jahren ist die Zahl der Beschäftigten auf dem Gelände an der Stroofstraße ebenso wie die Produktionsmenge erheblich gesunken. Arbeiteten dort vor 20 Jahren etwa 2700 Männer und Frauen, so sind es seit drei Jahren nur noch knapp 900. Hinzu kommen gut 200 Mitarbeiter der rund 30 mittelständischen Gewerbebetriebe, die sich auf dem Ostteil des Geländes angesiedelt haben.

          Es haben sich nicht nur Unternehmen wie Clariant und Bayer aus Griesheim verabschiedet, das Volumen der hergestellten Chemikalien ist auch von weit mehr als 200.000 Tonnen im Jahr auf etwa 50.000 Tonnen gesunken. Gleichzeitig fiel immer weniger Abwasser an. Denn jede neue Produktionstechnik ist darauf angelegt, die kostenträchtigen Abfälle zu reduzieren.

          Kein Gewerbepark

          Die freien Entsorgungskapazitäten bieten aber auch die Chance, belastete Abwässer produzierender Betriebe zur Vorbehandlung nach Griesheim zu holen. Das hat das Unternehmen schon unter der Führung von Clariant getan und dieses Geschäft zuletzt um ein Fünftel ausgeweitet. Das belastete Wasser wird aus einem Umkreis von 200 Kilometern per Lastwagen geliefert und fließt in der Vorbehandlungsanlage über Aktivkohle. Währenddessen wird es von chemischen Substanzen und Bakteriengiften befreit, die eine normale Kläranlage nicht verträgt; danach können die Flüssigkeiten herkömmlich entsorgt werden.

          Inwiefern dieser Infrasite-Geschäftszweig von einem Gaskraftwerk am Ort profitieren würde, steht dahin. Die seit 2007 in Rede stehende Ansiedlung einer solchen Anlage durch den niederländischen Versorger Nuon ist jedoch nach wie vor möglich. Das zwischenzeitlich vom schwedischen Vattenfall-Konzern übernommene Unternehmen hat seine Option bis Jahresende verlängert – mit dem Ziel, das Kraftwerk entweder selbst zu errichten oder es durch einen Dritten bauen zu lassen, wenn es gebraucht wird. Ob es einen Markt dafür gibt, lässt Gutweiler offen. „Wir wissen aber, dass in Deutschland derzeit solche Kraftwerke mit 400 bis 700 Megawatt gebaut werden.“ Diese Leistung würde für bis zu eine Million Haushalte reichen.

          Fest steht: Der Industriepark an der Stroofstraße soll nicht in einen Gewerbepark umgewidmet werden. „Die Stadt hat uns gesagt, dass sie hier Industrie will“, so Gutweiler. Daher hat Infrasite die Kommune aufgefordert, den Betreiber bei Neuansiedlungen, anders als in der Vergangenheit, zu unterstützen. Der rührige Wirtschaftsdezernent Markus Frank (CDU) ist schon beim städtischen Abend für Führungskräfte der Chemie- und Pharmaindustrie in Frankfurt aktiv geworden und auf Gutweiler zugegangen; im November wird er sich selbst ein Bild vom Industriepark Griesheim machen. Der Standortleiter preist derweil das Industriegelände: „Wir haben alle Infrastruktureinrichtungen, um etwas Tolles zu bauen.“ Eines aber kommt für ihn nicht in Frage: eine Abfall-Sortieranlage. Denn: „Wir sind kein Müllplatz.“

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