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Industriegase : Gase statt Gabelstapler

  • Aktualisiert am

„Freundliche Übernahme”: Linde-Vorstand Wolfgang Reitzle Bild: dpa/dpaweb

Die Wiesbadener Linde AG wird mit der Übernahme des britischen Konkurrenten BOC Group der Branchenprimus unter den Industriegase-Anbietern. Linde-Aktien legten um 7,5 Prozent zu.

          Das operative Ergebnis um 18 Prozent verbessert, den Umsatz um 7,3 Prozent und eine Eigenkapitalrendite von 12,5 Prozent - alles respektable Zahlen für das Geschäftsjahr 2005. Doch die interessieren an diesem Morgen bei der Bilanzpressekonferenz der Linde AG kaum. Das weiß auch Wolfgang Reitzle, Chef des Wiesbadener Technologiekonzerns und nennt die Zahlen deshalb bevor er Fragen zur Nachricht des Tages zuläßt: Die Linde AG übernimmt den britischen Konkurrenten BOC Group.

          Wenn die nun angekündigte „freundliche Übernahme“ voraussichtlich im September vollzog sein wird, hat Reitzle das gesteckte Ziel erreicht, sein Haus vom weltweit fünften Rang der Industriegasehersteller an die Spitze zu befördern. Analysten sprachen gestern von einem Traumpaar, die Börse bestätigte das Urteil, Linde-Aktien legten gestern um 7,5 Prozent auf 70,45 Euro zu. Zuvor hatte die Konzernführung bereits eine Dividendenerhöhung von 1,25 auf 1,40 Euro je Aktie vorgeschlagen.

          Standortsicherungsvertrag

          Gebraucht werden die Industriegase, auf deren Herstellung und Anwendung sich Linde und BOC verstehen, beispielsweise zur Reinigung von Aluminiumteilen im Autobau oder bei der Verpackung von Lebensmitteln, um deren Haltbarkeit zu erhöhen. Außerdem verdient das Industriegas- und Engineeringunternehmen aus Wiesbaden sein Geld mit Erdgasverflüssigungstechnik. Die kommt unter anderem dann zum Einsatz, wenn die Versorgung der Abnehmer via Pipeline nicht möglich ist. Als interessanten Wachstumsmarkt betrachten die Wiesbadener Gasexperten außerdem die Wasserstofftechnologie - etwa zum Betrieb von Kraftfahrzeugen.

          Bislang verdient Linde auch mit dem Bau von Gabelstaplern Geld, doch prüfe das Management „strategische Optionen“ für diesen Unternehmensteil, wie Reitzle gestern sagte. Spätestens mit dem gestern ebenfalls formulierten Ziel, aus dem durch den Zusammenschluß der Linde AG mit BOC entstehenden Unternehmen einen reinen Industriegasekonzern machen zu wollen, wird klar, daß Reitzle an den Verkauf der Staplersparte denkt.

          Dieser Geschäftsbereich Linde Material Handling hat seinen Sitz in Aschaffenburg und beschäftigt in seinen fünf deutschen Werken nach eigenen Angaben rund 3700 Mitarbeiter, davon an den Standorten Aschaffenburg, Kahl und Weilbach insgesamt ungefähr 3500. Diese hatten im vergangenen Jahr einen Standortsicherungsvertrag mit ihrem Arbeitgeber abgeschlossen. Am Bayerischen Untermain werden inzwischen schon die Namen mutmaßlicher Kaufinteressenten gehandelt: Toyota, der weltweit größte Hersteller von Gabelstaplern, und Komatsu, bislang schon strategischer Partner und nach der Übernahme kleiner europäischer Produzenten wie Hanomag auch in Deutschland mit einem eigenen Händlernetz vertreten. In Branchenkreisen wird außerdem Mitsubishi genannt.

          Verkauf der Staplersparte

          Das japanische Unternehmen könne ein besonderes Interesse haben, in Aschaffenburg zum Zuge zu kommen, weil es selbst nur sogenannte Gegengewichtsstapler produziere, Geräte, die ausschließlich im Freien eingesetzt würden. Die Gabelstabler, so das Kalkül, passe gut in Mitsubishis Portfolio in Europa, weil es auch in der Lagertechnik etabliert sei, also Geräte für Innenräume produziere.

          Für einen Verkauf der Staplersparte spricht vor allem, daß Reitzle bei der Einkaufstour auf der britischen Insel immerhin mehr als 12 Milliarden Euro auszugeben gedenkt. Und dieses Geld will er nicht nur per Kredit bei der Commerzbank, der Deutschen Bank, der Dresdner Bank, der Morgan Stanley Bank und der Royal Bank of Scotland, Anleihen und einer Kapitalerhöhung im Volumen von 1,4 bis 1,8 Milliarden Euro beschaffen, sondern eben auch durch Verkäufe.

          In Wiesbaden, dem Sitz des Unternehmensleitung, beschäftigt die Linde AG nur mehr rund 300 Männer und Frauen in der Unternehmenszentrale, nachdem der Konzernim Jahr 2004 die traditionsreiche Kältetechniksparte im Wiesbadener Vorort Kostheim an das amerikanische Unternehmen Carrier Corporation verkauft hatte. Irritierenderweise beließ der neue Besitzer es beim Namen Linde Kältetechnik GmbH. Dieser allerdings hatte bald nach der Übernahme die Verlagerung der Produktion nach Tschechien und ins südfranzösische Marseille verkündet.

          Effizientes Management

          Die Frage, ob die Konzentration auf das Gasegeschäft nicht auch eine Verlegung der Unternehmenszentrale in den Münchner Raum nahelege, wo die Linde Gas in Deutschland Sitz und Produktionsanlagen hat, beantwortete Reitzle gestern nicht direkt. Er sprach aber einmal mehr vom Ziel, ein möglichst schlankes und effizientes Management in neuen Unternehmen schaffen zu wollen. Mehrere Verwaltungsstandorte passen dazu eher nicht.

          Bei Linde Gas in Bayern arbeiten zur Zeit etwa 3500 Angestellte, die 2005 einen Umsatz von 946 Millionen Euro erwirtschaftet haben. Weltweit beschäftigt die Linde Group mehr als 42.000 Mitarbeiter. BOC ist in mehr als 50 Ländern der Welt vertreten und hat etwa 30.000 Beschäftigte. Der Umsatz belief sich 2005 auf 6,8 Milliarden Euro.

          Industriegas - was ist das?

          Die Produkte, mit denen Linde künftig vor allem ihr Geld verdienen will, gehen auf eine Erfindung Carl von Lindes 1902 zurück. Damals entdeckte er ein Verfahren, die Luft in ihre Bestandteile zu zerlegen. Ein Jahr darauf lief bei München schon die erste Luftzerlegungsanlage. Heute finden Industriegase von Linde nicht nur in der Autoindustrie Verwendung, sondern auch bei der Verpackung von Erdbeeren, Fisch und anderen Lebensmitteln, was die Haltbarkeit um Wochen steigern soll.

          Mit der Verflüssigung von Erdgas wiederum verschafft Linde Kunden die Möglichkeit, den Energieträger an Orte zu transportieren, bis zu denen keine Pipeline reicht. Das besorgen dann Schiffe, deren Tanks so groß sind, daß sich beispielsweise den Pariser Arc de Triomphe problemlos darin verstauen ließe.

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