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Industrie : Linde trennt sich von Gabelstaplern

Linde will BOC auch mit dem Verkauf der Staplersparte finanzieren Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Die Gabelstapler-Sparte hat keine Zukunft mehr bei der Linde AG. Der Verbleib im Konzern sei „weder für die Weiterentwicklung des Unternehmensbereichs noch für Linde die optimale Lösung“, sagte Chef Reitzle bei der Hauptversammlung.

          Seit 127 Jahren gibt es in Wiesbaden ein Unternehmen namens Linde - 1879 als „Gesellschaft für Linde's Eismaschinen“ gegründet. Doch das könnte sich bald ändern. Entschieden ist im Konzern noch nichts, aber Wolfgang Reitzle, der Vorstandsvorsitzende der Linde AG, hat gestern bei der Hauptversammlung in München keinen Zweifel daran gelassen, daß er nach dem Vollzug der Übernahme des britischen Konkurrenten BOC Group, die rund zwölf Milliarden Euro kosten wird und noch in diesem Jahr abgeschlossen sein soll, die Zahl der dann vier Verwaltungszentralen - zwei von Linde und zwei von BOC - reduzieren wird.

          Jochen Remmert

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung, zuständig für Flughafen und Offenbach.

          Neben dem Hauptsitz in Wiesbaden an der Abraham-Lincoln-Straße betreibt die Linde AG, die Reitzle ganz auf Industriegase ausrichten will, eine zweite Verwaltungszentrale in München. Dort hat die Linde Gas ihren Deutschlandsitz und Produktionsanlagen. Ein Ja oder Nein war von Reitzle wie schon bei der Vorlage der Zahlen für 2005 im März nicht auf die Frage zu hören, ob sich angesichts dessen nicht München als deutsche Verwaltungszentrale zum Nachteil Wiesbadens anbiete. Wie aber aus dem Unternehmen zu hören war, wird eine solche Variante durchaus ernsthaft erwogen. Immer wieder waren in jüngster Zeit Spekulationen über eine Verlegung der Konzernzentrale nach München oder gar nach Großbritannien zu hören.

          Staplersparte soll an die Börse gebracht werden

          Sicher ist jedenfalls, daß Reitzle ein möglichst schlankes und effizientes Management in dem neuen Unternehmen zu etablieren gedenkt, wie er bereits im März sagte. Und den Zukauf gänzlich seiner Verwaltungszentralen zu berauben erscheint unwahrscheinlicher, als jeweils eine von zwei Verwaltungszentralen zu schließen, über die jedes der beiden Unternehmen verfügt, die zusammengeführt werden sollen. Dies vorausgesetzt, wäre es womöglich naheliegend, den reinen Verwaltungsstandort Wiesbaden aufzugeben.

          Zumal München die deutlich größere Dependance ist: Bei Linde Gas in Bayern arbeiten derzeit 3500 der weltweit mehr als 42.000 Konzernbeschäftigten. In Wiesbaden sind zur Zeit noch zirka 300 Frauen und Männer tätig, nachdem der Konzern die traditionsreiche Sparte der Kältetechnik im Wiesbadener Vorort Kostheim vor zwei Jahren an die amerikanische Carrier Corporation veräußert hatte. Diese verlagerte alsbald die Produktion nach Tschechien und nach Marseille in Südfrankreich - und gab Wiesbaden als Standort auf.

          Für die Gabelstaplersparte, die in Aschaffenburg angesiedelt ist, hat sich verdichtet, was im März noch als „Option“ galt. In der derzeitigen Form soll der Geschäftszweig nicht länger im Konzern bleiben, wie Reitzle sagte. Neu ist dabei aber, daß Linde das „Material Handling“, wie die Staplersparte im Unternehmen heißt, entweder veräußern oder auch ausgliedern und an die Börse bringen will. Bevor diese Entscheidung fällt, soll nun eine Investmentbank in den nächsten Wochen prüfen, welche der im Konzern in Erwägung gezogenen Möglichkeiten die beste ist. Zur Zeit jedenfalls sieht Reitzle in einem Börsengang eine „ernst zu nehmende Möglichkeit“. In Spekulationen über Kaufinteressenten waren zuletzt unter anderen die Namen Toyota, Komatsu und Mitsubishi zu hören.

          Spitzenposition bei Industriegasen

          Im vergangenen Jahr hat der Linde-Konzern sein operatives Ergebnis um 18 Prozent auf 913 Millionen Euro verbessern können und den Umsatz um 7,3 Prozent auf 9,5 Milliarden Euro gesteigert. Auch für das erste Quartal dieses Jahres trug Reitzle ähnlich positive Zahlen vor: So habe etwa der Umsatz am Ende der ersten drei Monate bei 2,41 Milliarden Euro gelegen und damit um 14 Prozent höher als im gleichen Vorjahreszeitraum.

          Mit dem Zukauf der britischen BOC Group mit ihren rund 30.000 Beschäftigten will Linde weltweit die Spitzenposition in der Sparte Industriegase erringen. Eingesetzt werden solche Gase beispielsweise bei der Verpackung von Lebensmitteln, um sie haltbarer zu machen, oder bei der Reinigung von Aluminiumteilen im Autobau.

          Daneben verdient das Industriegas- und Anlagenbau-Unternehmen mit der Gasverflüssigungstechnik Geld. Die ist beispielsweise immer dann gefragt, wenn der Gasabnehmer nicht via Pipeline zu versorgen ist. Dann werden Schiffe eingesetzt, deren Tanks so groß sind, daß durchaus der Pariser Arc de Triomphe hineinpassen würde. Als interessanten Wachstumsmarkt betrachtet Linde auch die Wasserstofftechnologie, die beispielsweise für den Betrieb von Kraftfahrzeugen genutzt werden kann. Der enorme Anstieg der Benzin- und Dieselpreise dürfte diesen Wachstumshoffnungen zusätzlichen Auftrieb verleihen.

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