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Industrie in Corona-Krise : „Wir brauchen ein Anfahrszenario“

Im Industriepark Höchst arbeiten 22.000 Menschen. Bild: Lucas Bäuml

Sonderschichten fahren Betriebe im Industriepark Höchst zum Teil in diesen Tagen. Der Chef des Frankfurter Industrieparkbetreibers wünscht sich gleichwohl eine schrittweise Lockerung der Corona-Auflagen.

          3 Min.

          Die Stadt in der Stadt wirkt in diesen Tagen manchmal wie ausgestorben. Im Industriepark Höchst, diesem etwa 600 Fußballfelder großen Gelände im Frankfurter Westen, sind die Straßen vergleichsweise leer, viele Büros sind notdürftig besetzt, ein Teil der dort tätigen 22.000 Beschäftigten arbeitet im Homeoffice. Trotzdem steht der Industriepark alles andere als still, wie Jürgen Vormann versichert. Der Geschäftsführer des Standortbetreibers Infraserv verweist darauf, dass die Produktion in Höchst aktuell weitestgehend aufrechterhalten werde.

          Daniel Schleidt

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Viele der 90 im Industriepark angesiedelten Unternehmen betreiben Produktionsanlagen und benötigen dafür spezifische Infrastrukturleistungen: Die Unternehmen werden mit Strom und Dampf versorgt, die IT muss laufen, die Entsorgung muss ebenso funktionieren wie der Werkschutz, das arbeitsmedizinische Zentrum und die Kantinen. „Das bekommen wir alles derzeit sehr gut hin“, so Vormann. Kurzarbeit habe man noch nicht beantragen müssen, in Teilbereichen gehe man im Betrieb vielmehr derzeit an die Leistungsgrenze. Auch die Ausbildung geht weiter: Die Infraserv-Tochter Provadis habe ihr Angebot an Aus- und Weiterbildungsdienstleistungen fast vollständig in virtuelle Seminarräume übertragen, berichtet Vormann.

          Wie geht es generell der Industrie in Frankfurt in den Tagen der Corona-Krise? Vormann ist Vorsitzender des Industrie-Ausschusses der IHK Frankfurt und sagt, er nehme ein gemischtes Bild wahr. Natürlich seien etwa Betriebe der Automobilbranche und deren Zulieferer, ganz besonders aber natürlich jene aus dem Luftverkehr erheblich betroffen. Andererseits gebe es zahlreiche Unternehmen, bei denen das Geschäft weitgehend normal weiterlaufe, und letztlich solche, die Sonderschichten fahren, etwa aus der Pharma-Industrie. Dass das produzierende Gewerbe in der Rhein-Main-Region in vielen unterschiedlichen Branchen aktiv sei, erweise sich als Vorteil, so Vormann.

          Autozulieferer spüren negative Corona-Folgen

          Ein ähnliches Bild zeigt sich im Industriepark. Weil es auf dem Gelände ein breites Angebot an Unternehmen aus unterschiedlichen Branchen gibt, sei die Corona-Krise derzeit nicht ganz eindeutig zu bewerten. Betriebe, die etwa Kautschuk oder Kunststoffe produzierten, um damit die Auto-Industrie zu beliefern, spürten die negativen Folgen der Corona-Krise auf die Nachfrage in erheblichem Umfang. Pharma-Unternehmen hingegen arbeiteten zum Teil in Extraschichten. „Unter dem Strich ist die Auslastung bei uns derzeit noch ganz in Ordnung“, sagt Vormann. Die kurz- bis mittelfristige Entwicklung der ansässigen Unternehmen sei aber vor allem davon abhängig, wann die derzeit herrschenden Einschränkungen gelockert würden, etwa die Kontaktbeschränkungen.

          Vormann findet es wichtig, nun intensiv darüber zu sprechen, „wie ein Anfahrszenario aussehen kann“. Es brauche eine ausbalancierte Vorgehensweise der Politik, die wirtschaftliche und gesundheitliche Belange abwäge. „Natürlich muss die Gesundheit der Menschen gegenüber den wirtschaftlichen Folgen Vorrang haben“, sagt der Industriepark-Manager. Dennoch müsse auf der Grundlage neuer Erkenntnisse und Studien diskutiert werden, welche Lockerungen der Wirtschaft helfen könnten, ohne der Gesundheit der Menschen zu schaden. Vormann sieht die schrittweise Öffnung der Schulen eher kritisch, „weil es hier schwierig werden wird, Abstandsregelungen einzuhalten“. Dagegen könne man im Einzelhandel Geschäfte wieder öffnen, aber die Frequenz der Besucher einschränken. 

          400 Liter Desinfektionsmittel pro Tag

          Der Industriepark als einer der größten Arbeitgeber der Stadt beteiligt sich auch selbst aktiv an der Bewältigung der Krise. So wurden technische Anlagen bei der Infraserv-Tochter Provadis, die eigentlich Ausbildungszwecken dienen, dazu genutzt, Hand-Desinfektionsmittel herzustellen. Dabei geht es um etwa 400 Liter am Tag, die zum Teil selbst genutzt werden, zum Teil an Krankenhäuser im näheren Umfeld, etwa an das Klinikum Höchst, geliefert werden. 

          „Unter dem Strich ist die Auslastung bei uns derzeit noch ganz in Ordnung“: Infraserv-Chef Jürgen Vormann über die Betriebe im Industriepark Höchst
          „Unter dem Strich ist die Auslastung bei uns derzeit noch ganz in Ordnung“: Infraserv-Chef Jürgen Vormann über die Betriebe im Industriepark Höchst : Bild: Daniel Pilar

          Zudem nimmt Infraserv an einer Studie teil, die das Gesundheitsamt Frankfurt gemeinsam mit der Uni Frankfurt und der Uni Marburg durchführt und bei der 1000 Mitarbeiter im Industriepark auf eine Corona-Infektion getestet wurden. Ziel der Studie soll laut Vormann sein, Daten über mögliche nicht bekanntgewordene Corona-Infektionen zu erhalten, um diese Informationen für Modellrechnungen über den Verlauf der Pandemie zu berücksichtigen. Da auf dem Gelände in Höchst noch viele Menschen arbeiteten und es eine leistungsfähige Arbeitsmedizin gebe, habe sich der Industriepark für die Studie geradezu angeboten, sagte Vormann. Der Infraserv-Geschäftsführer rechnet mit einer eher langsamen Erholung der Wirtschaft. „Es wird eine Zeit brauchen, und die Wirtschaftsaktivität wird sich dann wohl erst mal auf niedrigerem Niveau einpendeln als zuvor.“

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