https://www.faz.net/aktuell/rhein-main/wirtschaft/industrie-fordert-mehr-wohnraum-und-mehr-zuwanderer-18511912.html

Fachkräftemangel : Industrie fordert mehr Wohnraum und mehr Zuwanderer

Wer kann hier Deutsch? Das Bundesamt für Migration will potentiellen Arbeitskräften Deutschkenntnisse im Beruf vermitteln. Bild: dpa

Unternehmer in Rhein-Main sorgen sich nach einer Umfrage mehr um die Wohnungsnot und den schlechten Nahverkehr als um den Mangel an Industrieflächen. Um den Fachkräftemangel zu beheben, schlagen sie mehr Zuwanderung vor – zum Beispiel aus Brasilien.

          3 Min.

          Christian Jöst hat ein symbolisches Problem, und das im eigentlich Sinn: Wann immer die Industrie irgendwo dargestellt werde, hat er bemerkt, würden als Symbol rauchende Schlote abgebildet. Das habe mit der Industrie von heute aber gar nichts mehr zu tun, findet der Schleifmittel-Unternehmer aus Wald-Michelbach im Odenwald. „Bei uns ist es weder laut noch dreckig, und mit der Abwärme heizen wir unsere Hallen.“

          Falk Heunemann
          Wirtschaftsredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Dass das verarbeitende Gewerbe längst nicht immer den üblichen Vorstellungen entspricht, kann nicht nur Jöst berichten. Dies ist auch in einer Umfrage dokumentiert, die soeben die Frankfurter Industrie- und Handelskammer vorlegt hat. Das Frankfurter Behrend-Institut hat die Studie erstellt, sie soll zeigen, wie sich die Industrie in den vergangenen Jahren in der Region verändert hat – wo es Verbesserungen gab, und was den Unternehmern Sorgen bereitet. Denn nach Angaben von Institutsleiter Rainer Behrend beschäftigt der produzierende Sektor in der Rhein-Main-Region immerhin 366 000 Männer und Frauen – zur Region zählt er auch Aschaffenburg und Gießen. Rechnet man Dienstleister wie die Logistik oder Großhändler, dazu, dann hängen 1,2 Millionen Arbeitsplätze in der Region von der Industrie ab, wie Behrend vorrechnet.

          Wohnraummangel vor Flächenmangel

          Laut der Umfrage, an der Ende 2021 rund 420 Unternehmer aus der Region teilgenommen hatten, sind die wichtigsten Themen derzeit aber nicht etwa Industrieflächen oder die Büromieten. Das Angebot an ausreichend und bezahlbaren Flächen in Rhein-Main habe tatsächlich nur eine geringe Bedeutung für sie, sagen zwei Drittel der Befragten. Für viel wichtiger halten sie das Angebot an Wohnraum für ihre Mitarbeiter und den Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs. Jeder zweite befragte Unternehmer misst diesen Standortfaktoren eine große Bedeutung bei. Und mehr als jeder Dritte meint, dass es genau daran in der Region fehle. Einen Mangel an Industrieflächen stellt nur jeder Vierte fest.

          Nach Ansicht von IHK-Präsident Ulrich Caspar liegt das an der zunehmenden Arbeitskräfteknappheit: Der Bau von Wohnungen sei der Schlüssel, um mehr Fachkräfte in die Region zu bringen. Tatsächlich ist der Mangel an Fachkräften die größte Sorge der Unternehmer: Mehr als 40 Prozent der Umfrageteilnehmer beklagen einen Mangel an erfahrenen Arbeitskräften, 39 Prozent haben derzeit zu wenige Lehrlinge.

          Doppelt so viele in Rente als Schulabgänger

          Diese Sorgen sind statistisch begründet, wie Caspar erklärt: Derzeit scheiden jedes Jahr etwa doppelt so viele Männer und Frauen altersbedingt aus dem Berufs aus als Schulabgänger in der Region nachkommen – und die großen Rentenjahrgänge stünden noch bevor. Im Rhein-Mein-Gebiet gingen dann jährlich Zehntausende Arbeitskräfte verloren. „Und dieses Defizit können wir nur durch Zuzug kompensieren.“ Dafür sei aber zusätzlicher Wohnraum nötig. „Unser Engpass ist es, wo wir diese Zuwanderer unterbringen“, sagt Caspar, der einst ein Immobilienunternehmen gegründet und geführt hatte. Auch Jürgen Vormann hebt hervor, wie nötig Zuwanderung für den Industriestandort sei: „Wir sind ein Zuwanderungsland und waren es auch immer“, sagt der Vorsitzende des Industrieausschusses der Kammer, hauptberuflich führt Vormann die Geschäfte des Industrieparks Höchst.

          Die Bundesregierung hat vor wenigen Tagen erst ein Eckpunktepapier beschlossen, um nicht-europäischen Fachkräften die Einwanderung zu erleichtern, EU-Bürger dürfen wegen der EU-Freizügigkeit ohnehin schon zuziehen. Geplant ist ein Punktesystem, wobei es Punkte für die Berufsqualifikation, Arbeitserfahrung, Sprachkenntnisse oder den persönlichen Bezug zu Deutschland geben soll. „Wir müssen das Rad nicht neu erfinden“, sagt Vormann, Punktesysteme wie aus Kanada könnten einfach übernommen werden. „Wichtig ist, dass diejenigen kommen können, die leistungswillig sind.“

          Deutschsprechende Brasilianer

          IHK-Präsident Caspar hofft auf mehr Einwanderung aus der EU, denn man müsse beachten, dass die Zuwanderer kulturell integriert werden könnten. Eine Option sei es, Deutsch sprechende Brasilianer anzuwerben. Diese müssten nicht extra Deutsch lernen. Rund zwölf Prozent Brasilianer haben deutsche Vorfahren, zwischen 600 000 und 1,5 Millionen von ihnen sollen Deutsch sprechen können. „Sie zu akquirieren würde sich lohnen“, meint der frühere CDU-Politiker.

          Maschinenbau, Autozulieferer, Metall- und Elektroindustrie sind die größten Industriezweige der Region, sie kommen zusammen auf rund 160 000 Beschäftigte. Die Pharma-, Chemie- und die Kunststoffindustrie haben 94 000 Mitarbeiter. Größter regionaler Industriestandort ist weiterhin Frankfurt, die Stadt Darmstadt allerdings holt kräftig auf. Seit 2013 stieg in Darmstadt, Sitz des Pharmakonzerns Merck, die Zahl der Industriearbeiter um 38 Prozent und die Wertschöpfung sogar um 80 Prozent, während sie in Frankfurt leicht gesunken ist.

          Weitere Themen

          Mehr Pendler nach Hessen

          Heute in Rhein-Main : Mehr Pendler nach Hessen

          Hessen bleibt ein Magnet für Berufspendler. In Hofheim macht ein Industrieunternehmen ein Grundstück in der Innenstadt für den Wohnungsbau frei. Und der Konzertveranstalter distanziert sich von Roger Waters. Die F.A.Z.-Hauptwache blickt auf die Themen des Tages.

          Topmeldungen

          Bundeskanzler Olaf Scholz und der brasilianische Präsident Luiz Inácio Lula da Silva

          Scholz in Brasilien : Lulas „Friedensklub“ soll den Krieg beenden

          Beim Treffen mit Bundeskanzler Olaf Scholz schlägt Brasiliens Präsident Lula einen „Friedensklub“ vor, um den Ukrainekrieg zu beenden. Es ist nicht der einzige Punkt, bei dem Unterschiede deutlich werden.
          Die Kleinstadt Siracusa auf Sizilien

          Auswandern als Lösung? : Ciao, bella Italia, ciao!

          Nur sieben Prozent Steuern auf alles? Italien macht Ihnen ein verführerisches Angebot – Sie sollten es dennoch ablehnen. Wer auswandern möchte, sollte diese sechs Hürden im Blick haben.
          Kampfflugzeuge vom Typ F-16

          Lage in der Ukraine : Biden gegen Lieferung von F-16-Kampfjets

          Präsident Joe Biden hat sich klar gegen eine Lieferung von Kampfjets ausgesprochen. Frankreichs Präsident Macron schließt das dagegen nicht grundsätzlich aus – stellt allerdings einige Bedingungen. Der Überblick.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.