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Spezialwerk für Zug-Wartung : Bremsen von Fulda für die ganze Schienenwelt

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Politur: Bahn-Mitarbeiter Fabian Schlemmer begutachtet ein gebrauchtes und verschmutztes Mantelrohr Bild: dpa

Jede ausgebaute Bremse von Zügen der Deutschen Bahn kommt zur Bearbeitung nach Fulda. Dort befindet sich zur Wartung ein in Deutschland einmaliges Spezialwerk. Hinter den Werksmauern herrscht regelrechter Erfindergeist.

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          Der Bahnhof Fulda ist ein ICE-Knotenpunkt in Deutschland. Wer von Hamburg nach München reist, kommt meist an der osthessischen Dom-Stadt vorbei, weil sie so zentral auf der Nord-Süd-Achse in Deutschland liegt. Aber nicht nur viele Fahrgäste führt der Weg nach Fulda, Station machen dort auch viele technische Einzelteile aus den Zügen der Deutschen Bahn (DB).

          Hinter dem Bahnhof liegt eher unscheinbar auf einem mehr als 11.000 Quadratmeter großen Gelände das Werk der DB Fahrzeuginstandhaltung und ein deutschlandweit einmaliges Kompetenz-Zentrum der Bahn. Der Standort mit seinen heute mehr als 500 Mitarbeitern blickt auf eine 150 Jahre währende Historie zurück. Heute wird jede Zugbremse - egal ob von Güterzügen oder hochtechnischen ICEs - in Fulda gewartet und für den nächsten Einsatzzyklus wieder fit gemacht.

          Das DB-Werk in Fulda ist nach eigenen Angaben Spezialist in der Aufarbeitung, Modernisierung und Prüfung sowie im Umbau von Bremskomponenten aller Hersteller der Eisenbahnindustrie. In dem DB-Werk lautet die Devise: „Aus alt mach neu“, wie eine Bahn-Sprecherin erklärt. Reparieren statt wegwerfen sei angesagt. Dabei spiele neben wirtschaftlichen Überlegungen auch der Umweltschutz eine große Rolle. „Was wiederverwendet werden kann, muss nicht entsorgt werden“, sagt sie.

          Frischzellenkur für Bremsen

          Der Fahrgastverband „Allianz pro Schiene“ begrüßt diese Vorgehensweise. Sprecherin Barbara Mauersberg sagt dazu: „Das Konzept, Verschleißteile zu erneuern und den brauchbaren Rest wiederzuverwenden, ist aus Kosten- und Umweltsicht absolut sinnvoll.“

          Bremsen, die in Zügen der Deutschen Bahn eingebaut sind, kommen im Laufe ihres Einsatzes nach Fulda und werden im Werk überprüft. Alle sechs bis acht Jahre muss eine Zugbremse, die im Schienenverkehr im Einsatz ist, in der Regel gewartet werden. Es gibt aber auch Bremsen, die hier erst nach einigen Jahrzehnten ankommen, um einer Frischzellenkur unterzogen zu werden.

          Die Bremsen werden in Fulda in ihre Einzelteile zerlegt, Gummi-Elemente werden ersetzt, die Teile werden gereinigt, wieder zusammengesetzt und geprüft. So unterschiedlich wie die Baureihen der Schienenfahrzeuge sind auch deren Bremsen. Die Anzahl von Einzelteilen unterscheidet sich je nach Modell zwischen jeweils 60 und einigen hundert Komponenten, wie Andreas Müller, Teamleiter des Technischen Service im Fuldaer DB-Werk, erläutert.

          Eines der dreckigsten Teile: das Mantelrohr

          Die Mitarbeiter im Werk haben es bei den Bremsen mit riesigen Puzzles zu tun. Denn jede besteht aus Hunderten von Einzelteilen. Diese müssen nach der Aufbereitung wieder astrein sein. Am Arbeitsplatz für Bremsgestängesteller, die überwiegend in Güterzügen verbaut werden, bekommt man eine Idee von der Aufgabe. Fabian Schlemmer zeigt ein Mantelrohr, das vor lauter braunem Schmutz und Fett trieft. „Das ist eines der dreckigsten Teile. Wenn wir damit fertig sind, muss es komplett fettfrei sein“, sagt er.

          Im Gegensatz zu früher muss es aber nicht mehr von Hand geschrubbt werden. Heutzutage kommen die Teile in eine Waschmaschine. Dort wird es mit hohem Wasserdruck gereinigt. Bei anderen Reinigungsmethoden werden etwa Ultraschall, Eisstrahler oder Strahlen mit Keramik, Glasperlen oder Stahlkugeln verwendet.

          Ein paar Meter weiter ist Qualitätsprüfer Alex Walter mit Bremsspindeln- und köpfen beschäftigt. Wenn sie zu ihm kommen, sind sie mit rostig wirkendem Abrieb der feinen Ritzel bedeckt. Wenn er die Teile bearbeitet hat, glänzen sie wieder silbrig und haben Struktur. Mit wesentlich weniger Schmutz hat es hingegen Geselle Niklas Blume beim Prüfen von Bremszangen zu tun. Jeder Mitarbeiter hat seine Aufgabe in der vielteiligen und spezialisierten Welt der Eisenbahnbremsen.

          „Einige Mitarbeiter sprühen vor Erfindergeist“

          Pro Jahr werden in dem deutschlandweit einmaligen DB-Werk in Fulda etwa 200.000 Teile behandelt. Bremsen werden gewartet und deren Einzelteile aufbereitet. Wenn die Arbeiter damit fertig sind, kommen die Teile in ein 2200 Quadratmeter großes Logistiklager. Es wurde für mehr als sechs Millionen Euro gebaut und im Januar 2016 in Betrieb genommen. Dort liegen rund 17.000 Artikel mit einem Warenwert von 18 Millionen Euro. Von der kleinen Gummidichtung bis zu mechanischen Bauteilen und größeren Komponenten wie etwa Druckfedern steht alles bereit. Die Hochregale gehen bis zur Decke und überragen jeden Schwimmbad-Sprungturm.

          Der Herr über die Ersatzteile ist Logistiklager-Leiter Andreas Töws. „Etwa 90 Sendungen verlassen das Lager pro Tag“, sagt er und scannt einen Artikel ein. Das Werk habe 170 interne Abnehmer und zusätzlich etwa 500 externe Kunden auf der ganzen Welt. Die Lieferungen gehen zum Beispiel in die Schweiz, nach Großbritannien und Portugal. Das Werk erwirtschaftet etwa ein Drittel des Umsatzes mit Kunden außerhalb der Deutschen Bahn.

          Doch das Fuldaer DB-Werk setzt nicht nur Bremsen und deren Einzelteile instand. Es verkauft auch Prüfgeräte. Sie sind auch bei Kunden in Russland, Algerien und sogar auf Kuba im Einsatz. Das Besondere an den Geräten: Es sind eigens von Spezialisten in Fulda erdachte und hergestellte Geräte. Jedes Jahr produzieren die Mitarbeiter dort rund 40 neue Prüfgeräte für Bremsen. „Einige Mitarbeiter sprühen hier förmlich vor Erfindergeist“, sagt eine Bahn-Sprecherin.

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