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Wechsel in Familienunternehmen : „Man muss die Jungen machen lassen“

Eingespieltes Team: Jürgen Feige übergibt seinen Betrieb an Tochter Julie. Bild: Maria Klenner

In etlichen Familienunternehmen der Region steht in den nächsten Jahren ein Generationswechsel an. Doch nicht alle Eigentümer können loslassen. Die Folgen können beträchtlich sein.

          Der Grundsatz seines Vaters ist für Jürgen Feige immer noch ein hohes Gut. Feige, der gemeinsam mit seiner Tochter Julie die Frankfurter Hydas GmbH führt, erinnert sich gern an seinen Vater Siegfried, der den Betrieb 1979 gründete und ihn vor knapp zwei Jahrzehnten an den Sohn übergab. Sein Credo lautete: „Man muss die jungen Leute auch mal machen lassen.“ Was nach einer banalen Aussage klingen mag, ist in Familienunternehmen eine zentrale Erkenntnis. Denn in den wenigsten Fällen funktioniert die Übergabe vom Senior an den Junior so reibungslos wie im Falle von Hydas, das von Frankfurt aus Medizinprodukte wie Stützgürtel, Reizstromgeräte, Nierenwärmer und Inkontinenzhosen vertreibt. Denn weil Jürgen Feige den Grundsatz seines Vaters nicht vergessen hat, hat er in den vergangenen Jahren die eigene Tochter sukzessive in den Betrieb eingebunden. Vor sechs Jahren holte er sie in die Geschäftsleitung, in vier Jahren will sich der Papa ganz aus dem operativen Geschäft zurückgezogen haben. Dann möchte er dem Unternehmen und seiner Tochter nur noch in beratender Funktion zur Seite stehen, „als eine Art Aufsichtsrat“.

          Daniel Schleidt

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Das, was Jürgen und Julie Feige vormachen, ist nicht der Normalfall. Es ist die Ausnahme. Denn die Suche nach einem Nachfolger an der Spitze von Unternehmen ist für Firmenchefs eine häufig unterschätzte Disziplin mit zahlreichen Hürden, die einen Betrieb schnell aus dem Tritt und zum Sturz bringen können. Doch blickt man auf die Struktur kleiner und mittelständischer Betriebe in Deutschland, so ist die Nachfolge in den nächsten Jahren nicht nur in Einzelfällen eine Frage der Existenz. Sie hat auch direkte Auswirkungen auf die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit des Landes.

          Jedes dritte Unternehmen vor Führungswechsel

          Das beweisen nackte Zahlen, zum Beispiel von der Commerzbank. Der Finanzkonzern hat mit seiner Studie „Unternehmerperspektiven“ eine alarmierende Erkenntnis zutage getragen: Mehr als jedes dritte mittelständische Unternehmen in Hessen steht innerhalb der nächsten fünf Jahre vor einem Führungswechsel. Die Hypo-Vereinsbank schätzt, dass in der Metropolregion Frankfurt (die von Mainz bis Aschaffenburg und von Gießen bis fast nach Mannheim reicht) bis 2025 vermutlich 10400 Betriebe mit etwa 630000 Mitarbeitern davon betroffen und damit auch bedroht sind.

          Das Durchschnittsalter deutscher Unternehmer liegt bei über 50 Jahren, fast die Hälfte hat die 55 bereits überschritten. Wer sich zu diesem Zeitpunkt noch keine Gedanken über die Nachfolge gemacht hat, könnte schon zu spät dran sein. „Viele Unternehmer schieben das Thema trotz fortgeschrittenen Alters vor sich her“, sagt Wirtschaftsprüfer und Steuerberater Jochen Ball. Mit seiner in Darmstadt ansässigen Firma Dornbach begleitet er seit mehr als zwei Jahrzehnten unter anderem Übergabeprozesse. Doch volle Terminkalender und das subjektive Gefühl von Fitness und Gesundheit sind nicht die einzigen Gründe, weshalb viele Geschäftsführer das so wichtige Thema, wer nach ihnen auf dem Chef-Sessel sitzen soll, auf die lange Bank schieben. Ein anderer ist emotionaler Natur. „Die eigene Firma ist für diese Menschen meist nicht weniger als ihr Lebenswerk.“

          „Natürlich hänge ich an diesem Unternehmen“

          Das trifft auch auf Hydas zu. Jürgen Feige ist immer noch der Taktgeber des Betriebs, Innovator, oberster Vertriebler und Personalchef in einem, Ansprechpartner für Kunden, Lieferanten, Belegschaft. „Natürlich hänge ich an diesem Unternehmen“, sagt er. Deshalb befasste er sich früh mit dem Gedanken, die Tochter einzubinden. Mit dreizehn Jahren, erinnert sich Julie Feige, habe sie zwar einmal Tierärztin werden wollen. Doch damit war es bald vorbei. Papa Feige erkannte, dass die Tochter ihre Zukunft im Familienbetrieb sah, der in den vergangenen Jahren jeweils einen Jahresumsatz von vier bis fünf Millionen Euro erzielte und 14 Mitarbeiter beschäftigt.

          Also gab er schrittweise Verantwortung ab. Sie sagt, sie sei ihm dankbar, dass er sie anfangs zu allen wichtigen Kunden mitgenommen habe. Er ergänzt, er sei froh, dass sie ihre eigenen Ideen mitbringe. Sie lobt, „er hat mich bisher immer gewähren und Fehler machen lassen“. Doch genau daran scheitern Übergaben immer wieder. Eine Untersuchung der Industrie- und Handelskammern zur Unternehmensnachfolge legt offen, dass jeder dritte Senior „nicht loslassen“ könne. Deshalb steht Jochen Ball Übergaben innerhalb von Familien skeptisch gegenüber. „Da redet der Vater dann doch oft noch rein, manchmal wohnt er sogar am Unternehmenssitz.“ Das könne zu einer großen Belastung für das Vater-Kind-Verhältnis werden.

          Klare Regeln bei Nachfolgefragen

          Ball empfiehlt bei Nachfolgefragen daher, von Anfang an klare Regeln festzulegen. Etwa was die Übergangsphase angeht. So sei es zwar sinnvoll, wenn Vorgänger und Nachfolger eine Zeitlang gemeinsame Sache machten. „Aber mehr als zwölf Monate sollten es nicht sein“, mahnt der Wirtschaftsprüfer. Sonst bestehe die Gefahr, dass sich der Neue schnell aufreibe, Ideen wegdiskutiert würden. Ideal sei, wenn sich der ehemalige Chef anschließend konsequent aus dem Alltag zurückziehe, aber dennoch greifbar sei.

          Heute verantwortet Julie Feige bei Hydas vor allem das Marketing und geht hier neue Wege, indem sie etwa neue Kanäle wie Youtube und andere soziale Netzwerke einbindet. Zudem kümmert sich die Frau darum, dass das rückläufige Kataloggeschäft durch Umsätze aus dem Online-Verkauf kompensiert werden. Jürgen Feige hält sich da raus, wie er sagt. „Von Amazon habe ich sowieso keine Ahnung.“

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