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Im Porträt: Walter Niederstätter : Der Herr der Wursthüllen

Führt erfolgreich den Wiesbadener Wursthüllen- und Schwammtuchhersteller Kalle: Walter Niederstätter Bild: Frank Röth

Einst fristete der Wursthüllenhersteller Kalle in der Hoechst AG ein Mauerblümchen-Dasein. Walter Niederstätter baute die Wiesbadener Firma mit Finanzinvestoren im Rücken zum Weltmarktführer auf. Und punktet zudem mit Schwammtüchern - auch in Japan.

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          Auf den festen Händedruck folgt der Kalauer: „Bei uns geht es immer um die Wurst – aber bei uns können Sie keine bekommen“, sagt Walter Niederstätter zur Begrüßung und lacht herzhaft. Dabei hat der 66 Jahre alte Physiker recht. Stellt die von ihm geführte Kalle GmbH doch vor allem Wursthüllen her. Und zwar im Industriepark in Wiesbaden. Kalle-Albert heißt das Gelände. Der Namen zeigt, wie tief der Weltmarktführer auf dem Areal am Rhein verwurzelt ist. 1863 wurde die Firma als Farbenhersteller gegründet. 1928/29 brachte Kalle unter der Marke „Nalo“ nahtlose Wursthüllen heraus. Diesen Namen übertrug das Unternehmen Mitte der neunziger Jahre in die Kallo Nalo GmbH als Geschäftseinheit der Hoechst AG. 1997 folgte der Abschied aus dem Weltkonzern – maßgeblich betrieben von Niederstätter.

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.

          Der gebürtige Südtiroler mit dem Leitsatz „Mitarbeiter brauchen Freiheit und Vertrauen“ stand seinerzeit schon an der Spitze des Wursthüllenherstellers und ärgerte sich über das Mauerblümchendasein unter dem Frankfurter Dach: „Hoechst wollte Pharma, Chemie, Agrarchemie und Spezialchemie – Wursthüllen waren da nur ein Anhängsel.“ Investitionen habe er durchkämpfen müssen. Zudem schrieb Kalle in jenen Tagen rote Zahlen. Den Schritt in die Eigenständigkeit hat Kalle der damalige Hoechst-Chef Jürgen Dormann ermöglicht. Dessen bis heute umstrittener Ansatz, alles bis auf Arzneimittel und Agrarchemie zu veräußern, war laut Niederstätter für Kalle ein Glücksfall: „Wenn wir bei Hoechst geblieben wären, wären wir wahrscheinlich nicht mehr existent.“ Nach dem Motto, jedes Geschäft solle sich die Umgebung suchen, in der es prosperieren könne, habe er freie Hand bekommen für die Investorensuche. „Damals wusste ich gar nicht, was Private Equity ist“, gibt er zu.

          Umsatz seit 1997 vervierfacht

          Von 1997 an hat er es dann schrittweise erfahren – und Finanzinvestoren schätzengelernt, wie er sagt. In jenem Jahr gelang unter Führung des Finanzinvestors CVC der Erwerb von Kalle. CVC behielt seine Beteiligung über sieben Jahre und verkaufte die Tochter dann an den Finanzinvestor Montagu. Kalle zählte fünf Jahre zu Montagu, bis das Unternehmen im August 2009 für 212,5 Millionen Euro wiederum den Besitzer wechselte. Der neue Eigentümer Silverfleet Capital ist ebenfalls eine Private-Equity-Gesellschaft.

          Kalle hat es bisher nicht geschadet, in den Händen von Finanzinvestoren gewesen zu sein: Seit 1997 hat Kalle den Umsatz auf zuletzt mehr als 200 Millionen Euro vervierfacht und die Zahl der Mitarbeiter auf 1300 verdoppelt; in Wiesbaden zählt die Firma etwa 700 Beschäftigte inklusive Leiharbeiter. Derzeit steuert sie in Nordamerika auf Expansionskurs, nachdem sie binnen vier Jahren den Umsatz mit Wursthüllen verzehnfacht und die Marktführerschaft erlangt hat.

          Lob vom Betriebsrat

          Für Umsatz sorgen aber nicht nur Wursthüllen, sondern auch Schwammtücher. Nach eigenen Worten hat Niederstätter dieses Geschäft einst für „eine Mark“ aus Hoechst herausgekauft – zuletzt setzte Kalle mehr als 20 Millionen Euro mit Schwammtüchern um und hat sich auch in Japan als Marktführer etabliert. Auf die Idee, es im Land der aufgehenden Sonne zu probieren, ist er bei einem Besuch gekommen: Als er sah, wie Hydranten vor Häusern morgens von Hand geputzt wurden. „Da habe ich gedacht, das wär’ doch was für uns.“ Er schickte eine Mitarbeiterin nach Japan, die binnen einiger Monate erste Aufträge an Land zog. Wenn der Mann mit den silbrigen Haaren und den wachen Augen hinter der rahmenlosen rechteckigen Brille solche Geschichten erzählt, versprüht er Begeisterung – als gäbe es nichts Tolleres als Wursthüllen und Schwammtücher.

          Im Betriebsrat gilt Niederstätter als angenehmer Gesprächspartner und „sehr menschlich“. „Wenn man ihm aber mit Problemen von Kollegen kommt, verweist er erst einmal an die zuständigen Stellen im Betrieb“, merkt ein Arbeitnehmervertreter an, fügt jedoch hinzu: „Er hat oft gar nicht die Zeit dazu, sich selbst darum zu kümmern, denn er muss ja Aufträge hereinholen.“ In den vergangenen Wochen war Niederstätter gleich zweimal in Amerika, um mit Kunden zu reden. Im Sinne seiner Prognose, auch 2010 den Umsatz um fünf Prozent zu steigern.

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