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Im Gespräch: Wisag-Gründer Claus Wisser : „Ich musste arbeiten wie ein Tier“

  • Aktualisiert am

Erfolgreicher Unternehmer in der Dienstleisterbranche: Wisag-Gründer Claus Wisser mit einem Porträt des SPD-Politikers Carlo Schmid im Hintergrund Bild: F.A.Z. - Foto Wolfgang Eilmes

Claus Wisser ist ein erfolgreicher Unternehmer. Er weiß aber auch, wie sich Pleiten und Schulden anfühlen. Im Interview spricht er über das Scheitern seines Vaters, die Lust am Erfolg, das Rheingau Musik Festival und Roland Koch.

          Sie sind jetzt 68, arbeiten noch immer und werden das auch noch länger tun. Was halten Sie als Sozialdemokrat von der Rente mit 67?

          Sie brauchen mich gar nicht als SPD-Mitglied zu fragen. Ich habe für mich schon früh entschieden, dass ich in erster Linie Mensch, in zweiter Linie Unternehmer und erst in dritter Linie Mitglied einer politischen Partei bin. Insofern ist meine Antwort auf Ihre Frage auch nicht politisch, sondern entspringt dem ganz normalen Menschenverstand: Es gibt gute Gründe dafür, das Renteneintrittsalter zu erhöhen. Obwohl das nun gerade für viele Jobs auf den Gebieten, auf denen ich tätig bin, nicht gilt.

          Warum?

          Wenn einer dreißig, vierzig Jahre lang Fenster putzt, muss er nicht noch bis 67 arbeiten. Aber davon abgesehen, würde ich das System völlig umstellen.

          Claus Wisser ist ein lebendiger Erzähler...

          Nämlich wie?

          Ich würde eigentlich am liebsten jedem selbst die Entscheidung darüber überlassen, wie lange er arbeiten will. Ich würde die Altersgrenze von 65 beibehalten und vorschlagen, dass jeder, der früher in den Ruhestand tritt, eine niedrigere Rente bezieht. Jemand, der bis 70 arbeitet, soll mehr bekommen.

          Und wo soll die Obergrenze sein?

          Da würde ich gar keine ziehen, das soll jeder selbst entscheiden.

          Und was ist mit den Jobs für die nachwachsenden Generationen?

          Na, es zeichnet sich doch ohnehin ab, dass wir weniger Menschen als Jobs haben werden.

          Für Sie persönlich ist Arbeit ein Quell der Freude?

          Ja, ich wundere mich immer über Menschen, die mich fragen, wie lange ich noch arbeiten müsse. Ich könnte heute ökonomisch sicher auch ohne Arbeit auskommen, aber sie macht mir einfach Spaß. Ich wüsste auch nicht, was ich sonst tun sollte. Es ist doch alles spannend und interessant, was ich mache.

          Wie würden Sie einem Laien in einfachen Worten die Tätigkeit Ihres Unternehmens beschreiben?

          Wir sind Dienstleister für Industrie, Verwaltungen und Flughäfen und erledigen eigentlich alles, was nicht deren Kerngeschäft ist, also Reinigung, Bewachung, Haustechnik, Catering und für Fluggesellschaften und Flughäfen die sogenannten bodennahen Verkehrsdienstleistungen.

          Ihr Unternehmen haben Sie vor einiger Zeit in die Hände Ihres Sohnes gelegt.

          Ja, ich bin jetzt Aufsichtsratsvorsitzender, aber es geht bei uns wohl ein bisschen anders zu als in einer börsennotierten Aktiengesellschaft mit strikter Trennung zwischen Vorstand und Aufsichtsrat - nicht so formal. Aber mein Rückzug vom Operativen war für mich interessant: Ich sehe aus der Distanz die Dinge anders, ich kann Rat geben, bin wie ein interner Dienstleister, nutze meine gute Vernetzung nach innen und außen und versuche, dem Unternehmen mit meinem Rat und meinem Netzwerk zu helfen.

          Sie bekommen, wenn Sie mit Ihrem Sohn sprechen, auch nicht so ein seltsames väterlich-erzieherisches Tremolo in die Stimme?

          Nein, ich kann meinen Sohn nicht erziehen, Michael ist 39 und mindestens so eigenwillig wie ich. Wir achten uns gegenseitig - auch deshalb, weil wir ganz unterschiedliche Fähigkeiten haben: Er ist strukturierter, und ich bin emotionaler. Wir haben ein gutes Klima auch in der Firma, wir hören aufeinander.

          Sie selbst haben früh nicht auf Ihren Vater gehört, sind mit sechzehn ausgezogen.

          Ich konnte schon deshalb nicht auf den Rat meines Vaters hören, jedenfalls nicht auf den geschäftlichen, weil er da kein gutes Beispiel gab.

          Er war nicht erfolgreich?

          Das ist freundlich ausgedrückt. Er hatte in Wiesbaden ein Lebensmittelgeschäft, das er 1956 schließen musste.

          Sie hatten ein gespanntes Verhältnis?

          Nein, mein Vater war ein ganz Lieber, vielleicht war er ein bisschen zu lieb, zu traditionell, um mit den Zeitläuften mithalten zu können. Er stand halt mit weißem Kittel im Laden in der Kirchgasse und hat gewartet, dass seine Kunden kamen. Ich stand schon mit acht an der Kasse und habe mit zehn Waren per Fahrrad zum Kunden gebracht - war 'ne schöne Zeit.

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