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Im Gespräch: „Mr. Dax“ Dirk Müller : „Es geht heute an der Börse um Nanosekunden“

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Zeit zur Entspannung hat Aktienhändler Dirk Müller, genannt Mr. Dax, zumeist nicht Bild: dpa

Er ist Deutschlands berühmtester Börsenmakler. Mit der Reform des Parketthandels geht der Job, der Dirk Müller bekannt gemacht hat, verloren. Wie er darüber denkt, sagt er im folgenden Interview.

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          Er ist Deutschlands berühmtester Börsenmakler. Mit der Reform des Parketthandels geht der Job, der Dirk Müller bekannt gemacht hat, verloren. Wie er darüber denkt, sagt er im folgenden Interview mit der Rhein-Main-Zeitung.

          Herr Müller, Sie gelten als das Gesicht des Frankfurter Parketts. Hat Sie der Beschluss des Börsenrats, den Handel von dort auf das Computersystem Xetra zu übertagen, getroffen?

          Der Beschluss kam ja nicht überraschend. Das Thema hängt seit Jahren in der Luft. Aus Händlersicht ist es sinnvoll, nicht zwei Systeme parallel laufen zu lassen. Mit der Zeit hat der Computer immer größere Teile des Handels übernommen. Da geht es inzwischen um Milli- und Nanosekunden. Der Mensch kann da immer schwieriger mithalten.

          Das heißt die Skontroführer, die derzeit noch auf dem Parkett sitzen, sind inzwischen überflüssig?

          Nein, das nicht. Der Parketthandel steht zwar inzwischen nur noch für sechs Prozent der Handelsumsätze in Frankfurt. Aber das liegt vor allem daran, dass die großen Dax-Werte, mit denen viel Umsatz gemacht wird, natürlich über Xetra laufen. Dennoch gibt es eine Vielzahl kleinerer und ausländischer Papiere, die selten gehandelt werden, und für die einfach ein Makler benötigt wird, um den Preis zwischen Verkäufer und Käufer zu bestimmen.

          Mit dem neuen Spezialistenmodell, das bis Juni ausgearbeitet werden soll, versucht die Börse beides unter einen Hut zu bringen.

          Für viele kleinere Maklerfirmen wird die Umstellung sicher problematisch, und sie wird Arbeitsplätze kosten. Wie das neue System funktionieren soll, müssen wir erst noch sehen. Ungeklärt ist zum Beispiel noch, wie die Makler entlohnt werden sollen. Auf Xetra sind keine Courtagen mehr vorgesehen. Der Makler muss aber ein gewisses Maß an Liquidität zur Verfügung haben, wenn zum Beispiel mehr Anbieter Papiere verkaufen wollen, als Käufer da sind, muss er sie erstmal in seine Bücher nehmen.

          Werden Sie den Parketthandel in seiner heutigen Form vermissen?

          Es ist ja schon lange nicht mehr so, wie es einmal war. Als ich 1992 auf dem Frankfurter Parkett angefangen habe, waren noch viel mehr Leute dort unterwegs, es wurde noch richtig gehandelt und geschrieen. Das hat damals noch Spaß gemacht.

          Zuletzt nicht mehr?

          Seitdem immer mehr Handel auf Xetra gewandert ist, sitzt jeder einsam vor seinem Computer, viel Zeit geht für die Verwaltungsarbeit drauf. Auch die Investoren haben sich geändert. Früher haben sie Aktien gekauft, um sie lange zu behalten. Da haben sie eine Order beim Makler abgegeben und der hat erstmal seine Zigarette aufgeraucht, bis er an seinen Rechner gegangen ist. Das ist heute natürlich nicht mehr denkbar.

          Das klingt nach Wehmut.

          Ich habe in den achtziger Jahren den Film „Wallstreet“ gesehen, und von da an wusste ich, dass ich Börsenmakler werden wollte - natürlich nicht so einer wie Gordon Gekko, sondern eine moralisch einwandfreie Variante. Mich hat diese Welt fasziniert.

          Aber die Bühne scheint Sie auch zu reizen. Morgen geben Sie eine Art Anlageberatungs-Show in Köln. Werden Sie jetzt Entertainer?

          Die Show in Köln ist erstmal ein einmaliges Experiment. Ich versuche, den Leuten zu zeigen, dass Wirtschaft und Geldanlage auch Spaß machen kann, dass sie dabei aber einiges beachten müssen.

          Können Kleinanleger bei dem Nanosekunden-Spiel denn überhaupt noch mithalten?

          Die Zeiten des Börsengurus Kostolany sind vorbei, der gesagt hat: Kaufen Sie eine Aktie, nehmen Sie eine Schlaftablette und wenn Sie wieder aufwachen sind Sie ein reicher Mann. Heute muss man eine Aktie schon sehr genau angucken, um ein gutes Unternehmen zu finden, in das es sich zu investieren lohnt.

          Wir kennen Sie vor allem als Mr. Dax, der in guten Börsenzeiten lacht und in schlechten skeptisch bis grimmig dreinschaut. Werden Sie uns als Gesicht des Frankfurter Handelssaals erhalten bleiben?

          Ja, ich werde meinen Arbeitsplatz nach wie vor im Handelssaal der Börse haben. Ich arbeite dort inzwischen als eigenständiger Händler für MWB Fairtrade, bin also von der Abschaffung der Skontroführer nicht direkt betroffen. Das Parkett ist noch wie am ersten Tag ein magischer Ort für mich.

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