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IHK Frankfurt im „Dritten Reich“ : Verrat der Kaufmannsehre

Ohne Distanz: Die Industrie- und Handelskammer in zeitgenössischem Fahnenschmuck aus Anlass einer Speisung des Winterhilfswerks 1942. Bild:

Noch im Mai feiert die Industrie- und Handelskammer Frankfurt die 200. Wiederkehr des Tages ihrer Gründung. Aus diesem Anlass hat die Kammer ihre Geschichte im „Dritten Reich“ aufgearbeitet. Es ist eine Geschichte von Anpassung und Opportunismus.

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          An kraftvollen Worten fehlt es Carl Lüer nicht. „Wir wollen Sauberkeit nach innen und Sauberkeit nach außen, damit man dereinst wieder von dem deutschen Kaufmann sagen kann, er habe die Welt erobert“, schrieb der neue Präsident der Industrie- und Handelskammer Frankfurt im Oktober 1933. „Aber nicht durch rohe Waffengewalt und nicht durch jüdisches Ränkespiel und nicht durch marxistische Weltverbrüderung, sondern durch die Kraft und die Würde und die Ethik seiner Persönlichkeit und seines ehrlichen Wollens.“ So klang es, nachdem im ersten Jahr der nationalsozialistischen Herrschaft auch die Frankfurter Kammer erobert worden und ihr bisheriges Präsidium am 31. März auf Druck des Gauleiters, zugleich als Zeichen des Protests, geschlossen zurückgetreten war.

          Manfred Köhler

          Stellvertretender Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und verantwortlicher Redakteur des Wirtschaftsmagazins Metropol.

          Die wechselvolle Geschichte der IHK in den folgenden zwölf Jahren ist jetzt erstmals vom Historiker Dieter Rebentisch in der Festschrift skizziert worden, die aus Anlass des zweihundertjährigen Bestehens dieser Organisation im Societäts-Verlag erscheint. Es ist eine Geschichte den Nachgebens, des Opportunismus, der Anpassung, der Beihilfe zur Ausbeutung und des fehlenden Willens, an der selbst von Lüer beschworenen Ehrbarkeit festzuhalten, wie Rebentisch und der Frankfurter Wirtschaftshistoriker Werner Plumpe im Vorwort des von ihnen gemeinsam herausgegebenen Buches konstatieren.

          Nicht von Anfang an ausgeliefert

          Die IHK hatte sich den Nationalsozialisten nicht von Anfang an ausgeliefert. Die Frankfurter Industrie lebte vom Export, konnte also mit dem kruden Vorstellungen der Nationalsozialisten von einer Autarkie des Reiches wenig anfangen. Anfang der dreißiger Jahre hatte IHK-Präsident Otto Hauck, Teilhaber der Bank gleichen Namens, einen öffentlichen Aufruf gegen den Antisemitismus unterschrieben. Vor dem Boykott jüdischer Geschäfte durch die Nationalsozialisten am 1. April 1933 hatte die IHK diese Kaufleute eingeladen, um sie zu einem einheitlichen Vorgehen zu ermutigen.

          Als allerdings ein SS-Kommando, von einem Denunzianten informiert, während dieser Sitzung den Saal stürmte, 35 Mitglieder der IHK festnahm und demonstrativ durch die Schillerstraße und an der Hauptwache vorbei zum Polizeipräsidium führte, wurden die neuen Machtverhältnisse überdeutlich. Der erst 35 Jahre alte Lüer, Parteimitglied seit 1927, der daraufhin auf Betreiben von Gauleiter Jakob Sprenger zum Nachfolger Haucks ernannt wurde, wies der Kammer einen neuen, bescheideneren Ort im nationalsozialistischen Kosmos zu; die schon damals beachtliche Behörde mit mehreren Dutzend Angestellten war nicht mehr die Stimme der Wirtschaft in einer pluralistischen, lebhaft streitenden Stadtgesellschaft wie in den zwanziger Jahren, sondern mehr und mehr ausführendes Organ in der zunehmend vom Staat gesteuerten Ökonomie, die die Nationalsozialisten sukzessive auf den Krieg vorbereiteten.

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