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Leuchtenhersteller Zumtobel : „Da wird viel Blut fließen“

Streitfall: das Leuchtenwerk des österreichischen Konzerns Zumtobel in Usingen Bild: Cornelia Sick

Der Leuchtenhersteller Zumtobel sucht einen „Kooperationspartner“ für seine Fabrik in Usingen. Das Werk sei nicht ausgelastet und solle gestärkt werden. Die IG Metall befürchtet aber eine Werksschließung.

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          Von einer „Schweinerei“ ist die Rede. „Da wird viel Blut fließen“, sagt einer, der mit der Angelegenheit vertraut ist. Wörtlich zu nehmen ist Letzteres zwar nicht, aber die Aussage dient als Hinweis, wie angespannt die Stimmung im Usinger Werk von Zumtobel ist. Der an der Börse gelistete Leuchtenhersteller hat im Oktober wissen lassen, die annähernd 200 Mitarbeiter zählende Fabrik sei nicht ausgelastet. Im Zuge des Umbaus seines weltweiten Vertriebsnetzes will der in Österreich ansässige Konzern den Standort stärken, wie es hieß. Zu diesem Zweck suche Zumtobel nun einen strategischen Kooperationspartner für die Produktion. Arbeitnehmervertreter wie die IG Metall befürchten jedoch einen Personalabbau bis hin zur Schließung des Standorts. Für heute ist deshalb eine ganztägige Betriebsversammlung angesetzt.

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.

          Die Zusammenkunft soll dazu dienen, mehr Klarheit zu erlangen, wie der Geschäftsführer der auch für Zumtobel zuständigen Frankfurter IG Metall, Michael Erhardt, sagt. Da die Beschäftigten in dieser Zeit nicht arbeiten, wird die Produktion für diese Stunden ruhen müssen. Erhardt kennt die Leuchtenbranche aus eigener Anschauung. Er hat früher bei Osram gearbeitet, bevor er eine Unternehmensberatung gründete und schließlich 2008 bei der Gewerkschaft am Main anheuerte. Mit dieser Erfahrung ausgestattet, sagt Erhardt über die Vorgänge um Zumtobel in Usingen, er habe einen solchen Umgang mit einer Belegschaft lange nicht mehr erlebt.

          Das Usinger Werk wird von allen Seiten gelobt

          Nun lobt der Arbeitgeber seine Belegschaft im Hintertaunus ausgiebig. Sie sei „sehr engagiert“, verfüge über eine „hohe Expertise und umfassende Technologiekompetenz“, heißt es in einer Erklärung. Es heißt darin aber auch, Auslastung und Wettbewerbsfähigkeit seien „noch immer nicht zufriedenstellend“. Weiter: „Hier besteht dringender Handlungsbedarf.“ In der Hinzunahme eines strategischen Kooperationspartners sehe Zumtobel große Möglichkeiten, den Standort zu stärken, wurde Deutschland-Geschäftsführer Markus Kronenwett zitiert.

          Diese Aussagen kontrastieren mit den Geschäftszahlen, die diese Zeitung von einer Person mit Einblick in die Betriebsabläufe erfuhr. Demnach hat das Usinger Werk im vergangenen Jahr eine Umsatzrendite von 18 Prozent erwirtschaftet. Mit dem Standort Lemgo habe die Belegschaft aus dem Hintertaunus zuletzt einen Jahresgewinn vor Zinsen und Steuern von 18 Millionen Euro erzielt – nach vier Millionen Euro im Vorjahr. In den vergangenen Jahren sei das Werk in Usingen stets in den schwarzen Zahlen gewesen.

          Der hessische Standort sei überdies die Benchmark, also das Maß der Dinge, für Zumtobel überhaupt gewesen. Dies gelte unter anderem für die Qualität der dort hergestellten Leuchten sowie für die Liefer- und Termintreue. Von einem Wegbrechen der Umsätze könne nicht die Rede sein. Auch IG-Metall-Geschäftsführer Erhardt lobt das Usinger Werk. Die Leuchten seien von höchster Qualität und so etwas wie „Sahne für die Augen“. Gleichwohl gebe es klare Anzeichen für eine Schwächung des Standorts. So baue das Unternehmen in Lemgo eine Fertigungslinie für Leuchten auf, die in Usingen produziert würden. In Lemgo seien nach der Restrukturierung und dem Abbau von Dutzenden Arbeitsplätzen nun Flächen frei – „ganz einfach“.

          Zumtobel zieht Gewinnziel für 2015/16 zurück

          Darauf angesprochen, teilte eine Konzernsprecherin am Sitz in Dornbirn mit: „Die Werke Lemgo und Usingen sind innerhalb des Produktionsnetzwerkes der Zumtobel Group organisiert und unterstützen sich bei spezifischen Aufträgen gegenseitig.“ Das bedeute im Gegenzug auch, dass das Werk Usingen bei Bedarf Produkte aus Lemgo übernehme – „wie das in der Vergangenheit bereits der Fall war“. Wie sie weiter erläuterte, läuft die Suche nach einem Kooperationspartner noch. „Allerdings ist in der Kürze der Zeit ein solch komplexes Thema nicht abzuarbeiten. Wir können aber mitteilen, dass es erste recht positive Signale gibt.“

          Arbeitnehmervertreter argwöhnen, Usingen könnte nicht nur wegen der neuen Linie in Lemgo in Frage gestellt werden. Ein Viertel des Umsatzes erziele die Fabrik mit Produkten der Klinikbedarf-Sparte. „Die Frage ist, ob ein Käufer gefunden wird“, sagt Erhardt. Andere Stimmen geben zu bedenken, Klinikbedarf könnte als Türöffner für Lichtsysteme dienen, wie sie Zumtobel ebenso herstellt – auch für Hospitäler. Der Vorstand habe aber weniger den Umsatz als die Kosten im Blick. Angesichts dessen sorgen Gerüchte, Zumtobel sehe sich in Tschechien nach Standorten um, für weiteren Unmut, wie zu hören ist. Eine Konzernsprecherin beharrt aber darauf, Zumtobel suche für Usingen einen Kooperationspartner. „Es gibt keine Beschlussvorlage im Unternehmen, die etwas anderes vorsieht.“

          Erhardt vermutet, der Kursverlauf der Zumtobel-Aktie sei Anlass der Vorgänge. Der Wert ist im Spätsommer stark gefallen und läuft seitwärts. Überdies kassierte Zumtobel gerade sein Gewinnziel für 2015/16. Der Konzern drücke die Kosten langsamer als gedacht, hieß es.

          Mit Blick auf die Vorgänge ums Werk Usingen meint Erhardt: „Das wirkt so, als solle es heißen, der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr kann gehen.“

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