https://www.faz.net/-gzg-ydfb

IBM-Chef über moderne Technik : Watson in der Landarztpraxis oder Verkehrszentrale

Intelligenz im Großformat: Hinter „Watsons” Antworten stecken neunzig Server mit sechzehn Terabyte Arbeitsspeicher Bild: AFP

Ob aufziehende Infektion, zu hoher Stromverbrauch oder Dauerstau in der Stadt, für viele Schwierigkeiten gibt es technische Lösungen, meint IBM-Deutschlandchef Martin Jetter. In Deutschland sieht er aber ein „Handlungsdefizit“.

          2 Min.

          Wenn von Watson die Rede ist, denkt so mancher an den etwas dusselig erscheinenden Assistenten des Meisterdetektivs Sherlock Holmes. Doch nur in den meisten filmischen Bearbeitungen des Stoffs wirkt er einfältig. In den zugrundeliegenden Erzählungen erscheint der Mediziner dagegen als gebildeter Mann. Watson kann sogar für Ingenieure und Ärzte sehr hilfreich sein, wie Martin Jetter, Vorsitzender der Geschäftsführung von IBM Deutschland, meint. Allerdings nicht die literarische Figur, sondern vielmehr die Schöpfung des Technologiekonzerns: Der nach dem IBM-Gründer benannte Superrechner Watson hat bei dem Wissensquiz „Jeopardy“ in Amerika die Konkurrenz aus Fleisch und Blut abgehängt und ist dadurch zum Fernsehstar aufgestiegen.

          Thorsten Winter
          Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.

          Nun ist Watson in der Landarztpraxis noch Zukunftsmusik – doch in einer Klinik im kanadischen Toronto überwacht eine IBM-Technologie schon Vitalfunktionen von Säuglingen. Dies verdeutlichte Jetter bei den 78. Wirtschaftsgesprächen im Hotel Intercontinental in Frankfurt mit einem Kurzfilm: Neugeborene senden fortlaufend Informationen aus: Abertausende, die von Computerprogrammen mit dem Ziel verarbeitet werden, etwa Infektionen früher zu behandeln.

          Kooperation mit Krebsforschungszentrum

          Gerade im Sinne der Volksgesundheit ist eine solche Software aus Sicht des Managers sinnvoll. Rund ein Drittel aller weltweit gesammelten Daten stamme schon jetzt aus dem Gesundheitswesen. Um die menschlichen Gene richtig lesen und mit anderen abgleichen zu können, seien gewaltige Rechnerkapazitäten notwendig. Der Speicherplatz auf 100 Smartphones reiche gerade einmal für das Erbgut eines Menschen. Vor diesem Hintergrund und angesichts der Tatsache, dass jährlich etwa 450.000 Personen in Deutschland an Krebs erkrankten, habe IBM mit dem Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg einen Rahmenvertrag über eine Erbgut-Datenbank geschlossen. Da nicht jedem Krebs der gleichen Art mit derselben Therapie beizukommen sei, werde personalisierte Medizin bedeutender, sagte Jetter weiter. Auf diesem Gebiet arbeitet IBM in Frankfurt mit dem Biotechnologie-Unternehmen Biologis zusammen.

          Technik-Prophet: IBM-Deutschlandchef Martin Jetter plädiert dafür, Chancen aggressiv zu nutzen.
          Technik-Prophet: IBM-Deutschlandchef Martin Jetter plädiert dafür, Chancen aggressiv zu nutzen. : Bild: Frank Röth

          Doch erschöpfen sich die Einsatzmöglichkeiten von Watson nicht auf diesem Gebiet. Auch in Logistik und Verkehr oder in der Energieerzeugung wachse die zu verarbeitende Datenmenge jeweils enorm. Dabei hätten Raum und Zeit durch die moderne Technologie längst an Bedeutung verloren. Nicht nur mehr Menschen, auch Geräte kommunizierten über das Internet. „Alles wird intelligenter“, meinte Jetter und sagte voraus: „Die Integration der Welt steht erst am Anfang und kann nicht mehr aufgehalten werden.“ Daraus folgt für ihn die Frage: „Was können wir uns leisten, nicht intelligent zu vertreten?“

          Er selbst gab seine Antwort durch Beispiele aus dem Unternehmensalltag: In Mannheim arbeite IBM mit dem Stromerzeuger MVV Energie AG an einem Modell, wie nichtverbrauchte Energie wieder zurückgeführt und gespeichert werden könne. In Stockholm habe das Unternehmen durch ein „intelligentes Mautsystem“ den Ausstoß des Treibhausgases Kohlendioxid um einen zweistelligen Prozentsatz gesenkt, 14 000 Menschen am Tag mehr in Busse und Bahnen gebracht, für eine schnellere Abfolge der Fahrten gesorgt und in der Folge die Wartezeit an den Haltestellen verkürzt. In London sei durch die Verkehrssteuerung der tägliche Stau auf das Ausmaß der achtziger Jahre zurückgeführt worden.

          „Kein Erkenntnisdefizit“

          All dies seien Beispiele, „wie moderne Technologie das Leben besser macht“. In Deutschland tue sich in dieser Hinsicht allerdings zu wenig, befand der Manager, der weniger Bedenkenträgertum forderte: „Vergraben wir uns lieber in der Frage ,Was passiert mit unseren Daten?‘ – oder nutzen wir aggressiv die Chancen?“, fragte er. Technologisch sei Letzteres kein Problem, sagte er und hob auf diese Weise seinen Standpunkt hervor.

          In der Diskussion nach seinem Vortrag gestand Jetter ein, dass moderne Technik gegen kriminelle Energie nicht gefeit sei. Auch stimmte er der Annahme zu, viele Menschen könnten die technologischen Möglichkeiten nicht erfassen. Dessen ungeachtet meinte er, in Deutschland gebe es mit Blick auf die Einsatz moderner Technologien „kein Erkenntnis-, sondern ein Handlungsdefizit“.

          Weitere Themen

          Pionierleistungen Video-Seite öffnen

          Upländer Molkerei : Pionierleistungen

          Die Geschäftsführerin der Upländer Bauernmolkerei. Katrin Artzt-Steinbrink, spricht über die eigenen Pionierleistungen und den Weg in die Zukunft.

          Topmeldungen

          Deutscher Sieg über Portugal : Ein Abend, an dem Funken sprühen

          Mit der überwältigenden Mischung aus Wucht und Wille erfüllt die DFB-Elf ihren Auftrag gegen Portugal. Auch die Konkurrenz in Fußballeuropa dürfte diese deutsche Verwandlung mit einigem Staunen gesehen haben.

          Deutsche Einzelkritik : Müller nervt Portugal, Gosens ragt heraus

          Beim Sieg über Portugal macht Robin Gosens wohl die Partie seines Lebens. Auch andere DFB-Akteure zeigen sich deutlich verbessert. Aber einer scheint nicht der Lieblingsspieler von Bundestrainer Joachim Löw zu sein.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.