https://www.faz.net/-gzg-9p2vy

Toleranz in Unternehmen : Buntes Werben mit dem Regenbogen

Bunt statt blau: Bei der Gay Parade in New York vor zwei Wochen zeigte sich die Deutsche Bank mit eigenem Wagen und umgefärbtem Logo. Bild: Liz Ligon

Unternehmen nutzen den Christopher Street Day am Wochenende, um sich offen gegenüber sexuellen Minderheiten zu präsentieren. Geht es da wirklich um Toleranz. Oder eher um Marketing?

          4 Min.

          28 Jahre lang hatte Holger Reuschling Angst. Dass er schwul ist, habe er gewusst, seit er 16 ist, sagt er heute. Und doch zögerte er, es allen zu erzählen. Er wuchs im ländlichen Mittelhessen auf, die Familie besteht aus Mann und Frau, wurde ihm beigebracht. Schwule gab es in diesem Weltbild nicht. Er machte eine Banklehre, bekam einen Job bei der Commerzbank und wurde Filialdirektor in Frankfurt, Friedberg, Fulda und Bad Homburg. Er heiratete, bekam eine Tochter. Die Ehe ging in die Brüche. Danach konnte er immerhin sagen, er habe erst einmal genug von Frauen, wenn ihn jemand nach seiner Urlaubsbegleitung fragte. Dabei zog er mit einem Mann zusammen und baute mit ihm ein Haus. Erst 2014, mit 44, traute er sich, sich im Unternehmen zu outen. Er war gerade zum Leiter der Geschäftskundenberatung Hanau befördert worden. Als sein Team zur Kennenlernrunde zusammensaß, ergriff er als letztes das Wort. „Ich bin stolz, dass ich mit einem Mann zusammenlebe und mich nicht mehr verstellen muss.“ Es war sein Wowereit-Moment.

          Falk Heunemann

          Wirtschaftsredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          „Mir hatten die Vorbilder gefehlt“, sagt Reuschling heute. Damit dies nicht mehr passiert, ist er Arco beigetreten, dem Netzwerk schwullesbischer Mitarbeiter der Commerzbank. 450 Mitarbeiter gehören dem Netzwerk an, das sind knapp ein Prozent der Belegschaft. Sie unterstützen Veranstaltungen zu Toleranz und Führungskräfteschulungen, helfen Kollegen beim Coming-Out. Auf ihr Betreiben wird der Commerzbank-Tower, Deutschlands größtes Hochhaus, bald in den Farben des Regenbogens beleuchtet, dem weltweiten Zeichen der Toleranz gegenüber sexuellen Minderheiten. Und zur Christopher-Street-Day-Parade (CSD) werden sie T-Shirts anziehen, mit dem Commerzbank-Logo auf dem Rücken und den Regenbogenfarben an den Ärmeln.

          Testen Sie unsere Angebote.
          Jetzt weiterlesen

          Testen Sie unsere Angebote.
          F.A.Z. PLUS:

            FAZ.NET komplett

          : 65% günstiger

          Diese und viele weitere Artikel lesen Sie mit F+

          Angela Merkel mit Markus Söder und Michael Müller (im Vordergrund)

          Neue Corona-Beschlüsse : Der zweite Lockdown, der keiner ist

          Dieses Mal folgen die Länder dem harten Kurs der Kanzlerin. Auch wer das ablehnt, kann nicht wollen, was ohne Beschränkungen droht: ein Kontrollverlust, der über das Gesundheitswesen hinausgeht.