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Holocaust-Überlebende : Die letzte Zeugin

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Ehrenbürgerin: Trude Simonsohn kennt keinen Hass, obwohl sie die Hölle durchlebt hat. Sie sprach in der Goethe-Universität Frankfurt über das KZ Theresienstadt. Bild: Wolfgang Eilmes

Trude Simonsohn hat Schreckliches erlebt. Das Schrecklichste hat ihr Gedächtnis verdrängt. Die Holocaust-Überlebende sprach noch einmal über ihre Zeit im KZ Theresienstadt. Sie sagt: „Fragt uns, wir sind die Letzten.“

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          Früher ist Trude Simonsohn häufig mit ihrer Freundin Irmgard Heydorn aufgetreten. Sie erzählte den Nachgeborenen vom Lager Theresienstadt, Heydorn von ihrer illegalen Arbeit im sozialistischen Widerstand in Hamburg. Nun, da die mittlerweile fast 100 Jahre alte Heydorn nicht mehr aus dem Haus gehen kann, steht Simonsohn im Hörsaal V der Goethe-Universität Bockenheim allein vor ungefähr tausend Zuhörern. Sie ist die letzte Zeugin.

          70 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz durch die Rote Armee hat die Welt in dieser Woche noch einmal zurückgeblickt auf die Menschheitskatastrophe Holocaust. Bei der Gedenkveranstaltung in Auschwitz haben die Politiker geschwiegen und den Überlebenden, von denen es immer weniger gibt, zugehört. In Auschwitz hätte Simonsohn allerdings nicht sprechen können, obgleich sie auch diese Hölle überlebt hat. Doch die Erinnerung daran ist aus ihrem Gedächtnis verschwunden. Vollständig – als ob ihre Seele damals aus Selbstschutz auf Vergessen geschaltet hat. „Nach Auschwitz müssen Sie mich nicht fragen“, sagt sie deshalb. Da sei sie die Falsche.

          Lehrer erzogen Kinder, als ob es das KZ nicht gab

          Umso mehr Erinnerungen hat Simonsohn an Theresienstadt. Am liebsten erzählt sie von den Kindern dort. Und das ist genau das richtige Thema für die vielen angehenden Pädagogen im Hörsaal, die in einer Vorlesungsreihe des Pädagogikprofessors Benjamin Ortmeyer heute einer Frau lauschen, die ihnen offenbar mehr sagen kann als jeder Klassiker ihres Faches. Gebannt lauschen sie den Geschichten, die Simonsohn wie immer ohne jede Spur von Wichtigtuerei vorträgt.

          Die Pädagogik, mit der Simonsohn und ihre Mitstreiter von der zionistischen Jugendbewegung sowie die vielen Lehrer und Erzieher aus dem Heer der Häftlinge 15.000 Mädchen und Jungen im Lager Theresienstadt zu verantwortungsvollen Menschen zu machen versuchten, hat sich in einer Extremsituation bewähren müssen, in der es um Leben oder Tod ging. Es war, wie Simonsohn sagt, eine „Als-ob-Pädagogik“: Die Lehrer hätten die Kinder erzogen, als ob in Theresienstadt die normalen Maßstäbe von Recht und Unrecht gegolten hätten. Stundenlang hätten sie damals darüber diskutiert, ob Kinder, die in der Gartenarbeit eingesetzt waren, Tomaten oder Kartoffeln mitgehen lassen und ins Lager schleusen dürften. Sie gewöhnten sich dadurch an Diebstahl und seien damit moralisch verloren für die künftigen Kibbuz-Gemeinschaften in Palästina, habe ein besonders strenger Erzieher argumentiert. Andere hätten widersprochen mit dem Argument, es sei kein Diebstahl, wenn man dem Feind, der einen töten wolle, etwas wegnehme.

          Alte Leute mussten hungern

          Wie in allen Lagern herrschte auch in Theresienstadt Hunger. Weil es nicht genügend Nahrungsmittel gab, um alle Insassen satt zu machen, fällte, so erinnert sich Simonsohn, der Ältestenrat der Häftlinge eine äußerst schwierige Entscheidung: Zugunsten der Kinder und Jugendlichen ließ er die Nahrungsmittelzuteilung an die Alten kürzen.

          Es sei den Kindern von Theresienstadt durchaus bewusst gewesen, dass alte Leute hungern mussten, damit die Jungen halbwegs genug Essen bekamen, berichtet Simonsohn. Aus eigenem Antrieb hätten sich deshalb viele junge Leute in ihrer freien Zeit um die Betagten im Lager gekümmert. „Ich habe keinen Großvater, und du hast keinen Enkel, willst du mein Opa werden“, habe damals ein Junge einem alten Mann vorgeschlagen. Sie sei auf weniges aus jener Zeit im Lager stolz, sagt Simonsohn, aber auf dieses Handeln der Kinder und Jugendlichen blicke sie mit großer Genugtuung zurück.

          Lernte ihren Mann in Theresienstadt kennen

          Aber auch sie, die Standhafte und Menschenfreundliche, hat – zumindest nach ihren Maßstäben – Schuld auf sich geladen. Durch Beziehungen konnte sie ihre Mutter von der Transportliste streichen lassen, ein anderer Unglücklicher musste dafür in den Zug nach Auschwitz steigen. „Keiner kommt mit sauberen Händen durch eine Diktatur“, lautet Simonsohns Erkenntnis aus dieser Situation.

          Später hat sie ihre Mutter doch noch verloren. Aber sie hat in Theresienstadt auch Berthold Simonsohn kennengelernt. Eine Zigeunerin, eine Mitgefangene, hatte ihr, als sie vor Theresienstadt mehrere Monate wegen angeblicher kommunistischer Tätigkeit in Einzelhaft im Gefängnis saß, eine große Liebe prophezeit. Nach Begutachtung ihrer Handlinien habe die Frau wahrgesagt, dass sie bald aus dem Gefängnis entlassen und den Mann ihres Lebens kennenlernen werde, erinnert sie sich. Und so ist es tatsächlich auch gekommen, weshalb die an und für sich keineswegs abergläubische Simonsohn noch heute nicht so recht weiß, was sie von der damaligen Handleserei eigentlich halten soll.

          Kurz vor ihrer beider gemeinsamen Deportation nach Auschwitz hat sie Berthold Simonsohn dann rituell geheiratet. Kennengelernt hatte sie den Juristen und Sozialpädagogen bei einem Vortrag im Lager. Dass sie beide Auschwitz überlebten, muss man als ein Wunder bezeichnen. Nachdem Berthold Simonsohn 1962 Professor für Sozialpädagogik an der Goethe-Universität in Frankfurt geworden war, hielt er übrigens häufiger Vorlesungen in ebenjenem Hörsaal V, in dem seine Frau nun noch einmal von einer Welt berichtet, die den jungen Zuhörern als ferne, unbegreifliche Vergangenheit erscheinen muss.

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