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Hessens Industrie : So wenig gearbeitet wie lange nicht

Hitzewallung: Die Corona-Folgen dürften in der anstehenden Tarifrunde der Metallbranche für Zündstoff sorgen Bild: dpa

Die hessische Industrie hat ihr schlimmstes Jahr hinter sich, wie aktuelle Zahlen zeigen. Völlig erholt haben sich die Betriebe noch nicht.

          3 Min.

          In 41 Millionen Stunden lässt sich sicher einiges unternehmen. Für ein Menschenleben ist so viel Zeit viel zu viel, schließlich entspricht dies 1,7 Millionen Tagen oder fast 4700 Jahren. Aber diese Zeitmenge haben – oder mussten – im vergangenen Jahr die Industrieunternehmen ihre Beschäftigten weniger arbeiten lassen als noch 2019. Auf insgesamt 494 Millionen Arbeitsstunden kamen die Beschäftigten im verarbeitenden Gewerbe im Jahr 2020, das war so wenig Arbeitszeit wie seit Jahrzehnten nicht. Selbst in früheren Wirtschaftseinbrüchen der jüngeren Zeit, der Lehman-Krise und der Eurokrise, wurde mehr geschafft.

          Falk Heunemann

          Wirtschaftsredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Die Jahresbilanz der hessischen Industrie, die das Statistische Landesamt zusammengetragen hat, ist an sich nicht überraschend, schließlich waren die Folgen der Pandemie und des Lockdowns für jeden unmittelbar und sofort zu spüren. Doch immer neue Zahlen zeigen das messbare Ausmaß des Corona-Effekts auf die Wirtschaft. Und sie dürften auch in den Tarifverhandlungen in der Metall- und Elektrobranche für neuen Zündstoff sorgen. Diese Woche erst hatten die Vertreter von Arbeitgebern und Arbeitnehmern der größten Industriebranche Hessens die Gespräche abgebrochen, weil man sich nicht einig wurde, ob es eine Lohnerhöhung in diesem Jahr geben kann. Nun drohen Warnstreiks.

          Autoproduzenten am stärksten betroffen

          Die Statistik gibt dabei beiden Seiten Argumentationshilfen. Die Arbeitgeber etwa können auf die Umsatzentwicklung im Jahr verweisen: Um teilweise mehr als ein Viertel waren die Umsätze im April und Mai gesunken, und auch im Sommer lagen sie deutlich unter den Vorjahreswerten. Zum Jahresende 2020 hatten die Unternehmen insgesamt sieben Milliarden weniger erlöst als im Jahr 2019. Vor allem weil der Export drastisch eingebrochen war, aber auch infolge wochenlanger Reise- und Lieferbeschränkungen. Mit Abstand am stärksten hatte dieser Einbruch die Metall- und Elektrobranche getroffen und da speziell die Autoproduzenten, deren Zulieferer sowie die Maschinenbauer. Diese Branche stellt, je nach Zählweise, mehr die Hälfte der 360.000 Industriebeschäftigten in Hessen. Über die Geschäftsentwicklung nicht klagen konnten nur die Pharmaunternehmen, die 23.000 Hessen beschäftigen.

          Bild: F.A.Z.

          Die Gewerkschaften dagegen dürften vor allem die jüngeren Zahlen zitieren: Nicht nur wurde im letzten Quartal fast wieder so viel gearbeitet wie in den letzten drei Jahren des Jahres 2019. Auch die Umsätze und Auftragseingänge haben im Monatsvergleich wieder deutlich angezogen (siehe Grafik). Gegen Jahresende waren beide Indikatoren wieder auf dem Niveau der Vorjahre oder sogar leicht darüber. Und: So stark der Einbruch des Umsatzes im Frühling auch war, das Jahr war für die hessische Industrie, wenn man alle Branchen zusammenfasst, immer noch eins der drei umsatzstärksten der vergangenen zwanzig Jahre, nur 2018 und 2019 wurde mehr erlöst. Laut der Statistik hat 2020 im Schnitt jeder Beschäftigte einen Umsatz von 306.000 Euro erwirtschaftet.

          Kein Vergleich zu Lehman-Krise

          Und im Gegensatz zu früheren Jahren können die Unternehmen ihre Produktion schnell wieder hochfahren, sobald die Bestellungen aus dem In- und Ausland zunehmen. Denn weil der Staat die Kurzarbeiterregelung deutlich ausgeweitet hatte, konnten mehr Unternehmen mit Hilfe dieser Subventionen ihre Personalkosten zeitweise deutlich drücken, ohne Mitarbeiter in großer Zahl entlassen zu müssen. So ist die Zahl der Beschäftigten im verarbeitenden Gewerbe von Januar bis Dezember nur um die vergleichsweise moderate Zahl von 5000 gesunken. Nach der Lehman-Krise 2008 waren mehr als 20.000 Stellen abgebaut worden, und es dauerte fast sieben Jahre, bis der Vorkrisenstand wieder erreicht war.

          Allerdings sind die Manager in den Unternehmen bislang nur verhalten zuversichtlich, was die künftige Entwicklung betrifft. In der Konjunkturumfrage, die die hessischen Industrie- und Handelskammern vor wenigen Tagen veröffentlichten, sind zwar erstmals nach einem Jahr wieder etwas mehr Manager optimistisch als skeptisch, vor allem vom Export versprechen sie sich einen baldigen Aufschwung. Doch weiterhin geht eine Mehrheit von ihnen davon aus, dass 2021 gespart werden muss und Stellen gestrichen werden. Den Tiefpunkt der Konjunktur sehen sie hinter sich. Aber bis die Verluste der Vergangenheit ausgeglichen sind und es wieder aufwärtsgeht, dürfte es ihrer Ansicht nach noch einige Zeit dauern.

           

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