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Hessische Staatsweingüter : Fünf Prozent Umsatzwachstum im Jahr als festes Ziel

  • -Aktualisiert am

In seinem Element: Dieter Greiner in der Steinberg-Kellerei in Eltville Bild: Wolfgang Eilmes

Dieter Greiner führt seit zehn Jahren die Hessischen Staatsweingüter. An Selbstbewusstsein fehlt es ihm nicht: Die Kosten sind gesunken, der Umsatz ist bisher stetig gestiegen.

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          Erst hat er ihm kräftig die Flügel gestutzt und ihn dann auf die Größe einer Briefmarke reduziert: Der schwarze, streng gezeichnete preußische Adler, der über 143 Jahre das Erscheinungsbild der Weine der einst preußischen und heute hessischen Weinbaudomäne geprägt hat, ist zum optisch unauffälligen Gütesiegel geschrumpft. Das war die symbolträchtige Entscheidung eines Mannes: Dieter Greiner. Der von ihm im Alleingang durchgesetzte Abschied vom Adler als Werbefigur unterstreicht optisch die Akzentverschiebung beim Selbstverständnis des Staatsbetriebs: Die Hessischen Staatsweingüter haben sich zum landeseigenen Weingut Kloster Eberbach gewandelt.

          Oliver Bock
          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Rheingau-Taunus-Kreis und für Wiesbaden.

          Keiner seiner Vorgänger seit dem Zweiten Weltkrieg hat den verkrusteten Staatsbetrieb umfassender umgekrempelt als Greiner. Als der damals erst 30 Jahre alte Agrarwissenschaftler im Jahr 2000 als neuer Leiter des Landesbetriebs Hessische Staatsweingüter Kloster Eberbach vorgestellt wurde, waren die Erwartungen groß und die Bedingungen schlecht. Deutschlands größtes Weingut war ein Zuschussbetrieb der besonderen Art, der im Gegensatz zu seinen Mitbewerbern keine Mitarbeiter entlassen darf, der die Bearbeitung unrentabler Steillagen als Verpflichtung sieht, aber auf staatliche Zuschüsse verzichten muss, und der nicht auf Kosten anderer, privater Rheingauer Betriebe wachsen soll.

          „Kein Gerät war jünger als ich“

          Greiner stammt aus einer württembergischen Winzerfamilie. Er studierte in Hohenheim Wirtschafts- und Sozialwissenschaften des Landbaus. Sein Berufsweg führte ihn 1995 erst zur Wein- und Sektkellerei Deinhard nach Koblenz und 1997 als Länderreferent ins Deutsche Weininstitut nach Mainz. In Eltville ging Greiner seine Aufgabe vorurteilsfrei und unbelastet an, aber mit einer großen Portion Hartnäckigkeit und dem festen Willen, das Weingut nicht wie seine Vorgänger bloß zu verwalten, sondern tatsächlich zu führen. Greiner suchte den Kontakt zu den politischen Entscheidungsträgern, damit seine Mission nicht in den Mühlen der Ministerialbürokratie zerrieben wurde. Er nutzte den Generationswechsel im Betrieb, um ein junges Führungsteam zu formen. Und er erkannte früh, dass ohne Auflösung des immensen Investitionsstaus im Weinkeller die Staatsweingüter dauerhaft auf Zuschüsse des Landes angewiesen sein würden.

          „Als ich kam, war kein Gerät jünger als ich“, sagt Greiner, etwas überspitzt formuliert, über die Ausgangslage mit einer veralteten Kellerwirtschaft. Greiner richtete das Weingut neu aus und den Fokus auf Kloster Eberbach. Im Jahr nach seinem Amtsantritt trat er dann mit dem kühnen Plan an die Öffentlichkeit, am Steinberg für 15 Millionen Euro eine neue unterirdische Kellerei zu bauen. Es war der Beginn eines fast sieben Jahre dauernden, unerwartet heftigen Kampfes. Bis zur Eröffnung im Mai 2008 drohte das Projekt mehrfach zu scheitern. Greiner und sein Aufsichtsratsvorsitzender, Ministerpräsident Roland Koch (CDU), unterschätzten gründlich das Ausmaß des Widerstands in der Region. „Es hat sich gelohnt, doch der Preis war hoch“, gibt Greiner heute zu.

          Neue Flaschen, neue Etiketten und neue Schraubverschlüsse

          Ein Schritt nach vorn war die 2003 erfolgte Umwandlung des Eigenbetriebs in eine GmbH. Andere Weichenstellungen, die Greiner traf, verblassen zwar rückblickend gegen das Kellereiprojekt, doch waren sie nicht minder bedeutsam. Er gab den unrentablen Ökoweinbau in Hochheim auf und installierte ein Bewässerungssystem in Rüdesheim. Er straffte das unübersichtliche Weinsortiment, führte neue Flaschen, Etiketten und Schraubverschlüsse ein, pachtete den Wiesbadener Neroberg dazu und eröffnete eine Vinothek im Kloster Eberbach, das von Mai an auch wieder Unternehmenssitz sein wird.

          Die Zahl der Mitarbeiter hat Greiner binnen zehn Jahren von 100 auf 70 gesenkt, und es sollen noch weniger werden. Nur noch 40 Prozent des Umsatzes will Greiner für Personalkosten aufwenden – zu Beginn seiner Amtszeit waren es 60 Prozent. Die Rebfläche hat er seit 2000 um 30 auf 200 Hektar erweitert, und das Wachstum geht weiter. Seit 2004 müssen die Staatsweingüter keinen Wein mehr zu Niedrigpreisen im Fass an Wein- oder Sektkellereien verkaufen.

          Seit 2006 sind die Zahlen wieder rot

          Forciert wird das Geschäft mit dem Handel. 2002 wiesen die Staatsweingüter einen Umsatz von 5,1 Millionen Euro aus, im vergangenen Jahr waren es 8,3 Millionen Euro. Fünf Prozent Umsatzwachstum im Jahr sind eine feste Zielgröße.

          Das ist auch notwendig, um die schwierige finanzielle Lage der Staatsweingüter zu meistern. Zwar wies der Geschäftsbericht im Jahr 2005 erstmals eine schwarze Null aus, doch seither sind die Zahlen wieder rot. Der kreditfinanzierte Kellerei-Neubau belastet das Ergebnis in der Bilanz mit jährlich 1,6 Millionen Euro. Die Staatsweingüter werden für 2009 wohl ein Minus von rund einer Million Euro ausweisen. Die Liquidität seines Unternehmens bezeichnet Greiner aber als gut. Dass sein Unternehmen jemals größere Gewinne ausweisen wird, ist schon deshalb unwahrscheinlich, weil laut Gewinnabführungsvertrag 88 Prozent etwaiger Überschüsse in den Landeshaushalt fließen.

          Nach all den Umwälzungen der vergangenen Jahre seien die Staatsweingüter gut aufgestellt und sie spürten die gegenwärtige Wirtschaftskrise kaum, sagt der Chef. „Unsere Weine laufen extrem gut“, berichtet Greiner. Im Kloster Eberbach sieht er eine starke Marke. Er will in den nächsten Jahren vor allem die Feinjustierung forcieren. „Wir werden immer schneller und besser.“

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