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Hessische Chemie : Wie in einer Nebelwand

Derzeit 35 Stunden in der Woche statt 37,5: die Allessa-Chemie, größtes deutsches Chemieunternehmen in Frankfurt Bild: Wonge Bergmann

Chemiebetriebe in der Rhein-Main-Region verlängern die Ferien, senken wegen der Nachfrageschwäche die Wochenarbeitszeit auf 35 Stunden oder lassen gar kurz arbeiten. Ein Ausblick fällt schwer. Doch es gibt auch Hoffnungszeichen.

          Im Industriepark Frankfurt-Höchst, dem Herzen der regionalen Chemie- und Pharmaindustrie, prägen seit Monaten schon Bagger, Kräne und Bauarbeiter das Bild. Ein Großprojekt jagd das nächste. So entstehen derzeit für jeweils hunderte Millionen Euro die neue Fabrik des Kunststoffeherstellers Ticona und die Ersatzbrennstoffanlage des Hausherrn Infraserv Höchst. Zudem will Infraserv 70 Millionen Euro in eine neue Gasturbinenanlage stecken. Nachdem verschiedene Unternehmen 2008 rund 600 Millionen Euro investierten, erwartet der Betreiber für dieses Jahr den nächsten Investitionsrekord – obwohl sich die Wirtschaft in einer Talfahrt befindet.

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.

          Dies ist nicht zuletzt dem Umstand geschuldet, dass Großprojekte nicht von kurzfristigen Überlegungen abhängen. So wie der Bau des Werks der Ticona. Die Tochter des Celanese-Konzerns, der die Hälfte seiner Mitarbeiter in Frankfurt kurz arbeiten lässt (Kurzarbeit bei Celanese in Frankfurt), leidet derzeit unter einer schwachen Nachfrage aus der Automobilindustrie. Dem Vernehmen nach ist der Umsatz im vergangenen Jahr gegenüber 2007 eingeknickt. Kurzarbeit gibt es zwar noch nicht im Kelsterbacher Werk, das für die neue Landebahn des Frankfurter Flughafens aufgegeben und durch die Fabrik in Höchst ersetzt wird. Doch spricht die Unternehmensleitung schon mit dem Betriebsrat über mögliche Reaktionen auf rückläufige Aufträge, wie es heißt.

          „Jedes Auto, das nicht gebaut wird, macht sich bemerkbar“

          Vorgewarnt sind die 480 Mitarbeiter jedenfalls. In Briefen haben der Mutterkonzern und Ticona-Präsidentin Sandra Beach Lin verlautbart, es werde wohl weltweit zu einem Stellenabbau kommen. Ob und inwieweit die heimische Ticona davon berührt sein könnte, ist offen.

          Von solchen Schritten spricht Clariant in Frankfurt nicht, doch spürt auch die deutsche Tochter des Schweizer Konzerns mit knapp 2500 Mitarbeitern in der Region die Krise: „Jedes Auto, das nicht gebaut wird, macht sich bei uns bemerkbar.“ Clariant stellt Höchst außer Wachsen auch Pigmente her, die etwa in Automobilen verarbeitet werden. In Wiesbaden stoßen die Fabriken optische Aufheller aus, aber auch Waschmittelzusätze, deren Nachfrage nicht von der Wirtschaftsentwicklung abhängt und dem Geschäft ein gewisses Maß an Stabilität verleiht.

          Weihnachtsferien verlängert

          Vor diesem Hintergrund hat Clariant in Frankfurt Überstunden abbauen und Resturlaube nehmen lassen – und die Weihnachtsferien verlängert. „Das war es einstweilen“, sagt ein Sprecher. Clariant wolle nun bis Mitte Februar schauen, wie sich die Auftragslage entwickele. Dieses Datum ist kaum von Ungefähr gewählt: Am 17. Februar berichtet der Konzern der Börse über das vierte Quartal 2008 und bilanziert das vergangene Jahr. Bei solchen Gelegenheiten erwarten Anleger gemeinhin einen Ausblick – und diesmal gewiss eine Antwort auf die Frage, wie der Konzern durch die Krise steuere.

          Die Allessa-Chemie, mit 1000 Beschäftigten das größte deutsche Chemieunternehmen in Frankfurt, hat im Angesicht der Krise einen Einstellungsstopp verhängt und in Abstimmung mit dem Betriebsrat die Wochenarbeitszeit gesenkt: Seit Jahresbeginn arbeitet die Belegschaft nur noch 35 Stunden statt die im Tarifvertrag verankerten 37,5 – ohne Lohnausgleich, versteht sich. Das bedeutet einen Verzicht auf 6,6 Prozent Lohn und Gehalt. Schon im Dezember hatte die Firmenleitung die Beschäftigten bei einer Mitarbeiterversammlung über die Lage informiert und aufgefordert: „Kämpft um Eure Arbeitsplätze.“ Mit Erfolg, wie Karl-Gerhard Seifert, Inhaber und Aufsichtsratschef der Allessa, sagt: „Die Leute stehen voll hinter uns“.

          Sparvorschläge von leitenden Angestellten

          Die leitenden Angestellten unterbreiteten gar auf eigene Initiative hin Sparvorschläge zu Sach- und Reisekosten oder die Frage, wie organistorische Abläufe effizienter gestaltet werden könnten. „So etwas habe ich noch nicht erlebt“, hebt der frühere Hoechst-Vorstand hervor. Ähnlich wie Clariant, die von der Allessa beliefert wird, spürt Seiferts Unternehmen die Nachfrageschwäche aus der Industrie. Der Inhaber spricht von „massiven Umsatzeinbußen bei allem, was in Richtung Auto geht“. Die Geschäfte mit Vorprodukten für Agrarchemikalien, die Allessa für andere Unternehmen herstellt, laufen dagegen nach seinen Worten nach wie vor gut. Und der relativ junge Geschäftszweig mit eigenen Projekten liege sogar über Plan. „Wir sind im Moment noch relativ gut ausgelastet“, resümiert Seifert. Doch sollte sich die Lage nicht bessern, werde die Allessa im zweiten Quartal 2009 wohl Kurzarbeit einführen müssen.

          Davon ist bei Merck in Darmstadt keine Rede: „Es gibt Null Tendenzen in diese Richtung“, sagt Frieder Kaufmann, Chef des Gesamtbetriebsrats – eine Aussage, die ein Unternehmenssprecher bestätigt. Das Geschäft mit Flüssigkristallen stocke zwar. Die Laborchemikalien, ein „Butter-und-Brot-Geschäft“, seien jedoch gefragt wie eh und je, und die Pharmasparte sei „extrem konstant“. Im Höchster Solvay-Werk, wo gut 80 Beschäftigte etwa Treibmittel für Asthmasprays herstellen, wird zumindest noch nicht kurz gearbeitet.

          Akzo Nobel will in Höchst kräftig investieren

          Wieviele Chemiebetriebe, die zuletzt im Durchschnitt einen Auftragseinbruch von fast einem Fünftel hinnehmen mussten, noch zu Kurzarbeit greifen müssen, wird sich zeigen. „Die Unternehmer fühlen sich wie in einer Nebelwand“, heißt es dazu beim Arbeitgeberverband Hessen-Chemie. Immerhin wagt der Verband die Prognose, die hessische Chemie werde sich 2009 besser halten als die deutsche Chemieindustrie allgemein. Dies liegt am hohen Anteil an Arzneimittelherstellern, die 50 Prozent zum Umsatz der Gesamtbranche in Hessen beisteuern – doppelt so viel wie im Bund.

          Doch auch aus der klassischen Chemie kommen dieser Tage gute Nachrichten: Der niederländische Akzo Nobel-Konzern übernimmt LII Europe in Höchst – und will 100 Millionen Euro in den veralteten Chlorchemie-Betrieb stecken.

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