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Strom und Gas : Al-Wazir und die Höhe der Energiepreise

Fan der Energiewende: Hessens Wirtschaftsminister Al-Wazir (Die Grünen) eröffnet die erste Schnellladestation für Elektroautos im Land. Bild: obs/Unternehmensgruppe ALDI Süd

Unternehmer werfen Hessens Wirtschaftsminister vor, er blende hohe Strompreise für die Industrie als Problem aus. Nun kontert Tarek Al-Wazir die Vorhaltungen. Die Belastung sei differenziert zu betrachten.

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          Tarek Al-Wazir ist einiges an Kritik gewöhnt, wenn er mit Unternehmern über die Energiewende in Hessen spricht. Noch im Ohr haben dürfte er den Vorwurf aus dem Industriepark Höchst, die Energiewende habe die Versorgung weder sicherer noch bezahlbarer oder gar ressourcenschonender gemacht.

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.

          Und nun hält ein Mühlheimer Unternehmer aus der Kunststoffbranche dem erklärten Energiewende-Fan Al-Wazir vor, die Höhe der Preise für Industriestrom in Deutschland als belastenden Faktor auszublenden. Das jedoch will der Grünen-Politiker nicht auf sich sitzen lassen. Der Minister habe das Problem sehr wohl im Blick, lässt ein Sprecher wissen.

          „Differenziert betrachten“

          Während aber Manager von Industriebetrieben vor allem darauf verweisen, dass ihre Unternehmen hierzulande doppelt so viel für Strom zahlen müssten wie die Konkurrenz in Frankreich, Polen und den Vereinigten Staaten, will der Minister das Blickfeld geweitet wissen.

          „Der Landesregierung sind die Klagen vieler Unternehmen über die Energiepreise in Deutschland bekannt. Die Situation ist jedoch differenziert zu betrachten“, heißt es. So schaut das Ministerium etwa auf die Gaspreise für Industriekunden. Sie lägen international im Mittelfeld und seien im Vergleich zu den Strompreisen nur geringfügig mit Abgaben belastet. Die niedrigeren Gaspreise in Amerika „sind in hohem Maß auf Fracking zurückzuführen“, wie das Ministerium feststellt.

          Strom nur in Italien teurer

          Angesichts der Aussage stellt sich die Frage, ob der Hinweis auf niedrigere Preise durch Fracking als politischer Trost für all jene gelten soll, die hierzulande mehr für Gas bezahlen müssen, das nicht durch die umstrittene Fördermethode gewonnen wird. Zur Erinnerung: Beim Fracking wird ein Mix aus Sand, Wasser und Chemikalien in den Grund gepresst, um Gesteinsschichten aufzubrechen und dadurch an dort verborgenes Öl und Gas zu kommen.

          Deshalb wird Fracking in Deutschland quer durch die meisten Parteien und von vielen Bürgern abgelehnt. Der eine oder andere mag deswegen gerne persönlich mehr für Gas zahlen. Doch im internationalen Wettbewerb stehende Unternehmen sehen auch die nackten Fakten. Demnach kostet die Kilowattstunde Erdgas laut Statistischem Bundesamt derzeit nur in Spanien mehr als in Deutschland (siehe Grafik). Und Strom ist nur in Italien teurer.

          Mit Blick auf die Höhe der Strompreise merkt das Ministerium an, der Großhandelspreis für dieses Gut sei hierzulande in den vergangenen Jahren stark gefallen und liege im europäischen Vergleich auf einem niedrigen Niveau. Er unterscheide sich kaum von dem in Amerika. Unternehmen, die von der EEG-Umlage befreit seien, mit der Stromkunden den Ausbau der erneuerbaren Energie unterstützen, „zahlen je nach Menge nur wenig mehr als den Großhandelspreis“, heißt es dazu in Wiesbaden weiter. Dabei seien lediglich 43 Prozent des deutschen Industriestroms mit der vollen EEG-Umlage von 6,17 Cent je Kilowattstunde belastet.

          Vier Prozent der Industrieunternehmen, bei denen die Stromkosten 16 Prozent ihrer Bruttowertschöpfung (Umsatz minus Vorkosten) übersteigen und die mehr als die Hälfte des Industriestroms verbrauchten, seien von der Umlage befreit. Für die verbleibenden Firmen wie für die privaten Haushalte wird sich die Belastung aus der EEG-Umlage schrittweise entspannen, wie das Ministerium vorhersagt.

          Derweil klagen aber auch von der EEG-Umlage befreite Betriebe wie der Zellstoffverarbeiter SE Tylose aus Wiesbaden über die Stromkosten: In Hessen müsse das Unternehmen für Strom faktisch sieben Cent einschließlich Steuern und Netzentgelten zahlen, in Amerika dagegen nur 3,5 Cent je Kilowattstunde. Auch deshalb baut SE Tylose eine neue Fabrik nicht im Industriepark Wiesbaden, sondern in Louisiana. Michael Trapp, Geschäftsführer der Sattler Kunststoffwerk GmbH in Mühlheim, klagt, allein die EEG-Umlage und die Stromsteuer kosteten den Mittelständler 75.000 Euro im Jahr. Das Geld fehle für Investitionen.

          Auch Morton Extrusionstechnik, ein Hersteller von Fasern für Kunstrasen aus dem südhessischen Abtsteinach, hadert mit den Stromkosten. Nach Angaben des Geschäftsführers Jürgen Morton-Finger hat der 220 Mitarbeiter zählende Mittelständler zuletzt 10,5 Cent je Kilowattstunde gezahlt – obwohl er als energieintensiver Betrieb eingestuft und von der EEG-Umlage weitgehend befreit sei. So musste er 398.000 Euro an Umlage überweisen, wie Morton-Finger erläutert. „Wenn wir die volle EEG-Umlage zahlen müssten, würden sich die Kosten auf 1,53 Millionen Euro erhöhen“, ergänzt er.

          Diesen Kostennachteil könnte Morton trotz hochmoderner Anlagen nicht mehr ausgleichen. „Die Konsequenz wäre die Verlagerung der Produktion in die Vereinigten Staaten“, sagt der Chef. Also dorthin, wo schon die Hälfte seiner Produktion landet.

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