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Handwerk : Wundersame Fliesenleger-Vermehrung

„Die letzten Jahre waren nicht sonderlich gut”: Schleyer Bild: F.A.Z. - Wohlfahrt

Von großen Umbrüchen im Handwerk berichtet Hanns-Eberhard Schleyer vom Zentralverband des Handwerks bei den „Wirtschaftsgesprächen am Main“.

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          „Das bißchen Wachstum“ in den vergangenen Jahren sei den Handwerksbetrieben kaum zugute gekommen, sagt Hanns-Eberhard Schleyer, der Generalsekretär des Zentralverbands des Deutschen Handwerks. Gleichzeitig hätten sie aber mit gewaltigen Herausforderungen zu kämpfen - etwa mit dem Zustrom von Konkurrenten aus den Beitrittsländern der Europäischen Union. „Vor einigen Jahren gab es in Frankfurt 340 Fliesenleger. Heute sind es 2500, davon etwa die Hälfte aus Mittel- und Osteuropa.“

          Christian Siedenbiedel
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Es war kein reines Klagelied, das Schleyer bei den „58. Wirtschaftsgesprächen am Main“ im Frankfurter Hotel Intercontinental anstimmte. Es gebe in dem seiner Ansicht nach „spannendsten Bereich der deutschen Wirtschaft“ durchaus Betriebe, die sich hervorragend entwickelten - man müsse sich nur das Unternehmen des Frankfurter Handwerkskammerpräsidenten Bernd Ehinger anschauen. Gleichwohl lasse sich nicht verbergen, daß Kostendruck und zunehmende Konkurrenz die zumeist zu „lebenslang Deutschland“ verurteilten Kleinbetriebe zu strukturellen Veränderungen zwängen.

          1,5 Millionen Arbeitsplätze verlorengegangen

          Bis Mitte der neunziger Jahre sei das Handwerk der wichtigste Arbeitgeber in Deutschland gewesen. In den vergangenen sieben Jahren aber seien bundesweit rund 1,5 Millionen Arbeitsplätze in diesem Teil der Wirtschaft verlorengegangen. Die billige Konkurrenz zwinge die Handwerker, ihre Kosten zu senken. Entsprechend habe sich die durchschnittliche Größe der Handwerksbetriebe fast halbiert. Die Zahl der Mitarbeiter je Unternehmen sei deutlich zurückgegangen; gleichzeitig habe die Zahl der Betriebe stark zugenommen - zum Teil durch sogenannte Ich-AGs, „also aus der Arbeitslosigkeit heraus“, zum Teil durch neue Kleinststrukturen bei mittel- und osteuropäischen Anbietern. „Das sind oft Scheinselbständige“, meinte Schleyer.

          „Da haben 100 Mittel- und Osteuropäer zusammen ein 30-Quadratmeter-Büro.“ Zum Teil arbeiteten diese Leute mit teuren deutschen Steuerberatern und Anwälten zusammen, plötzlich hätten alle die Rechtsform der BGB-Gesellschaft. „Da kann ein deutscher Handwerker, der immer brav seine Steuern zahlt, seine Abgaben zur Berufsgenossenschaft abführt und seine Fahrzeuge zum TÜV bringt, schnell nicht mehr mit.“ In der anschließenden Diskussion, die von F.A.Z.-Redakteur Manfred Köhler moderiert wurde, wurde Schleyer gefragt, ob er es richtig finde, daß die Stadt Frankfurt bei Ausschreibungen, soweit zulässig, lokale Handwerker bevorzugen wolle.

          „Ich halte das für kluge Politik“, meinte Schleyer. „Und es ist anderswo auch nicht unüblich.“ Niemand könne der Stadt verübeln, wenn sie im Rahmen der Möglichkeiten des Vergaberechts diejenigen Unternehmen, die an sie Steuern zahlten, bevorzugt behandele. Auf die Nachfrage, ob dieser Ausschluß von Konkurrenz nicht den einen oder anderen Handwerker im Stadtgebiet verleiten könnte, die Preise heraufzusetzen, meinte Schleyer: „Das glaube ich nicht. Ich kenne keinen Wirtschaftsbereich, wo der Wettbewerb so stark ist wie im Handwerk.“ Auch die landläufige Annahme, der Meisterbrief solle so etwas wie ein „Schutzzaun“ um das Handwerk sein, halte er für völlig verfehlt. „Der Meisterbrief hat für uns etwas mit Befähigung zu tun“, sagte Schleyer. Das Handwerk sei der „Ausbilder der Nation“.

          Sorge wegen der Mehrwertsteuererhöhung

          Wer aber selbst keine ausreichende Ausbildung genossen habe, der könne auch nicht ausbilden, so Schleyer. In der Wochenzeitung „Die Zeit“ habe er einmal zwei Artikel in derselben Ausgabe gelesen, die das Dilemma vor Augen führten: „Auf der ersten Seite des Wirtschaftsteils stand ein flammendes Plädoyer gegen den Meisterbrief. Auf der dritten Seite stand ein Artikel des Korrespondenten aus Washington, der beklagte: O hätten wir doch in Amerika einen deutschen Handwerker!“

          Mit der großen Koalition zeigte Schleyer sich zufrieden: „Endlich mal eine Politik, die nicht nur in Sonntagsreden den Mittelstand und das Handwerk lobt, sondern konkret etwas für die Betriebe tut.“ Sorgen bereite den Unternehmen allerdings die anstehende Mehrwertsteuererhöhung. Das werde die Handwerker besonders treffen, wenn die Kaufkraft sinke und in den Unternehmen weniger investiert werde. Das Handwerk setze hohe Erwartungen in die geplante Unternehmensteuerreform. Bei der Gesundheitsreform müsse darauf geachtet werden, daß man dem Faktor Arbeit nicht zu viele Kosten aufbürde: „Alle reden von der Frage, ob die Deutsche Börse uns hier erhalten bleibt“, meinte Schleyer. „Noch wichtiger für die deutsche Wirtschaft sind aber die Rahmenbedingungen für den Mittelstand.“

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