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Handwerk : Aufträge für 24 Stunden am Tag

Glücklich, wer zur Zeit einen Dachdecker findet Bild: F.A.Z. - Wohlfahrt

Derzeit sucht mancher Kunde vergebens nach einem Handwerker, der im nächsten Vierteljahr noch Termine frei hat. Die Konjunktur im Handwerk brummt derzeit so, daß es sogar Engpässe bei Gerüsten gibt. Ursache ist nicht alleine die Mehrwertsteuererhöhung.

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          Wer dieser Tage kurzfristig einen Handwerker sucht und tatsächlich einen findet, der einen Auftrag annimmt, darf sich noch etwas glücklicher schätzen als für gewöhnlich. Denn vor allem in den Gewerken des Baus und Ausbaus brummt das Geschäft inzwischen so sehr, daß viele Unternehmen auch unter größter Anstrengung nicht mehr allen Kundenanfragen nachkommen können: „Unsere Auftragsbücher sind voll, und wir könnten 24 Stunden am Tag arbeiten“, heißt es bei der Heizungs- und Lüftungsbaufirma Wasmayr aus Schlangenbad im Taunus.

          Jochen Remmert
          Flughafenredakteur und Korrespondent Rhein-Main-Süd.

          Nicht anders das Bild bei der Wiesbadener Firma Gruen und Speer. Der Meisterbetrieb hat sich auf den Verkauf und Einbau von Türen und Fenstern spezialisiert. Wieder die Auskunft, daß man eigentlich Tag und Nacht zu tun haben könnte, wenn man sämtliche Anfragen als Auftrag annehmen würde, wie Birgit Gruen sagt. Sie führt das Büro, wenn ihr Mann, Geschäftsführer Dieter Gruen, unterwegs ist - und das ist er zur Zeit eben fast unentwegt.

          „Es gibt keinen Grund zur Klage“

          Dirk Kornau, Sprecher der Handwerkskammer Wiesbaden, sieht mit diesen Meldungen einzelner Betriebe den gesamten Trend der jüngste Konjunkturumfrage seiner Kammer bestätigt: „Es zeigt sich, die Betriebe sind voll ausgelastet. Es gibt derzeit in dieser Hinsicht keinen Grund zur Klage.“ Sein Haus vertritt gut 22.500 Handwerksbetriebe mit rund 118.000 Beschäftigten und einem jährlichen Umsatz von gut 9,1 Milliarden Euro.

          Es ist natürlich auch im Handwerk die nahende Mehrwertsteuererhöhung von 16 auf 19 Prozent, die die Konjunktur antreibt. Aber es ist nicht nur diese, wie Lars Bökenkröger, Sprecher der Handwerkskammer Rhein-Main, sagt. Er spricht für rund 28 000 Betriebe, in denen gut 160 000 Männer und Frauen angestellt sind und die einen Umsatz von zwölf Milliarden Euro erwirtschaften. Außer der kommenden Steuererhöhung wirkt Bökenkröger zufolge auch das in diesem Jahr erweiterte Programm zur „energetischen Gebäudesanierung“ als Nachfragetreiber. Dabei können Hauseigentümer nicht nur zu niedrigen Zinssätzen Geld von der KfW-Bankengruppe bekommen, sondern auch die Arbeitsstunden, die die Handwerksbetriebe in Rechnung stellen, bis zu maximal 600 Euro vom zu versteuernden Einkommen absetzen, wie der Sprecher erläutert.

          Die KfW hat nach Angaben des Bundesbauministeriums bis Ende August bereits Darlehen in Höhe von 2,8 Milliarden Euro für die Gebäudesanierung bewilligt. Von Januar an sollen außerdem Kommunen mit verbilligten Krediten in einem Volumen von jährlich 200 Millionen Euro versorgt werden, um die Sanierung von Kindergärten, Schulen und Schulturnhallen zu ermöglichen. Mancher Handwerker kann also auch nach der Mehrwertsteuererhöhung mit vollen Auftragsbüchern rechnen.

          Einbruch der Auftragslage für 2007 befürchtet

          Viele Betriebsinhaber befürchten für 2007 allerdings erst einmal einen deutlichen Einbruch der Auftragslage - zumindest dann, wenn sie nicht bereit sind, die aufzuschlagenden Mehrwertsteuer-Prozente selbst zu tragen, anstatt sie an den Kunden weiterzugeben. Das, so ist allenthalben zu hören, lassen Kunden ziemlich unverblümt durchblicken, wenn Handwerker notgedrungen auf das nächste Jahr vertrösten müssen. Der Vorschlag, man könne ja auch die Rechnung vordatieren, ist, wie es weiter heißt, ebenfalls bei vielen Kundengesprächen rasch Gegenstand der Verhandlungen.

          Trotzdem scheut sich mancher Handwerker, beispielsweise einen weiteren Gesellen einzustellen, um die gegenwärtige Nachfrage befriedigen zu können. Das Blatt könne sich schließlich rasch wieder wenden, heißt es zur Begründung. Dieses Risiko gehen die meisten Betriebe nach wie vor lieber nicht ein. Dabei dürfte auch die oft zu dünne Eigenkapitaldecke deutscher Handwerksbetriebe eine Rolle spielen. Auftragsrückgänge und hohe Personalkosten führen dann rasch zu einer ernsthaften wirtschaftlichen Bedrohung des Betriebes.

          Gleichwohl ist die Auftragslage im Rhein-Main-Gebiet zur Zeit offenbar so gut, daß ein Kunde selbst dann, wenn er einen Dachdecker mit freien Terminen gefunden hat, noch längst nicht sicher sein kann, daß das Dach seines Hauses noch vor dem ersten Schnee neu gedeckt wird. Der Grund: Im Moment ist die Nachfrage so groß, daß kaum mehr ein Gerüst zu bekommen ist, wie es heißt. Und ohne dieses kann auch der beste Dachdecker nicht arbeiten.

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