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Handel : Vorbild Rewe

Vorreiter: Fast 75 Prozent der Rewe-Märkte öffnen nach 20 Uhr Bild: AP

In manchen Supermärkten gibt es abends eine eigenartige Stimmung. Die Frau an der einzigen geöffneten Kasse liest ein Buch, ein Kollege dreht Flaschen im Sektregal. Rewe macht in Hessen flächendeckend bei den späten Öffnungszeiten mit. Nur: Lohnt sich das?

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          In manchen Supermärkten gibt es abends eine eigenartige Stimmung. Die Frau an der einzigen geöffneten Kasse liest ein Buch mit Kochrezepten, ein junger Mann dreht die Flaschen im Sektregal alle wieder so, dass man das Etikett von vorn sehen kann, zwei junge Frauen im Arbeitskittel stehen bei einer Tasse Kaffee zusammen.

          Christian Siedenbiedel

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Für Späteinkäufer ist das ein Paradies. Das Notwendige nach der Arbeit ohne Stress besorgen. Vielleicht noch eine schöne Flasche Wein mitnehmen, wenn sich Besuch angekündigt hat, statt teures Bier von der Tankstelle zu holen. Aber wird das so bleiben? Kann man sich vorstellen, dass eine so auf Effizienz getrimmte Gesellschaft sich auf Dauer lange geöffnete Supermärkte für versprengte Vielarbeiter leistet?

          Ein Experiment

          Wenn man die Verkäuferinnen fragt, gibt es meistens ein Schulterzucken. Es sei ein Experiment, dass Rewe in Hessen fast flächendeckend bei den längeren Ladenöffnungszeiten mitmache. Eine erzählt, Mitte März gebe es eine Sitzung, auf der besprochen werde, ob es dabei bleibe. „Für die Kunden ist das natürlich gut - aber für uns?“, meint sie.

          Rewe, lass die Späteinkäufer nicht im Stich, halte die Fahne hoch für die Liberalisierung im deutschen Einzelhandel, wir wollen auch jeden Abend etwas kaufen. Auf Nachfrage in der Zentrale erfährt man allerdings, dass nicht alle Märkte standhaft geblieben sind. Zum Teil sind die Supermärkte Filialen des Kölner Konzerns, zum Teil arbeiten sie als eigenständige Franchise-Betriebe. Vor allem bei den selbständigen Kaufleuten wird offenbar streng gerechnet. Bei den Filialen denkt man längerfristig.

          Erfolg hängt vom Standort ab

          „Es hat ein halbes bis ein Jahr gedauert, bis die Verlängerung der Öffnungszeiten bis 20 Uhr akzeptiert war“, sagt Rewe-Sprecherin Anja Krauskopf. Sie sitzt in Hungen in Mittelhessen und hat das Experiment „Abendeinkauf“ im Bundesland genau verfolgt. Knapp 75 Prozent der Rewe-Märkte in der Region Mitte, zu der Hessen gehört, machten bei den längeren Öffnungszeiten mit. Das seien 292 Supermärkte, davon 234 Filialbetriebe und 58 Märkte, die von selbständigen Rewe-Kaufleuten betrieben würden. Dazu kämen etwa 15 Penny-Märkte. Der Großteil davon habe bis 22 Uhr geöffnet, einige bis 21 Uhr.

          Wie es läuft, hängt offenbar sehr vom Standort ab. Vor der Liberalisierung der Ladenöffnungszeiten war spekuliert worden, es werde sich ähnlich wie in Amerika eine eigene Form von Einzelhandel an den großen Ausfallstraßen entwickeln, wo weniger Beratung und spezielles Angebot im Vordergrund stünden, sondern vielmehr eine gewisse Grundversorgung nahezu rund um die Uhr geboten werde. Bei Rewe heißt es hingegen, gut entwickelten sich Filialen wie die am Oeder Weg in Frankfurt. Dort, in der Nähe des Großkinos Metropolis, am Rande von Wohngebieten und doch mitten in der Stadt, habe man eine hohe Frequenz auch nach 20 Uhr.

          Mehr Arbeitsplätze - vor allem für Aushilfen

          Schlechter sieht es offenbar „auf dem Land“ aus, in weniger zentral gelegenen Märkten. „Da prüfen wir ständig an jedem Standort, ob genug Bedarf da ist“, heißt es bei Rewe. Einige Märkte hätten die längeren Öffnungszeiten schon wieder zurückgenommen. „Insgesamt aber wird das Angebot recht gut angenommen“, meint Krauskopf. Maßstab scheint allerdings noch nicht zu sein, dass ganz streng betriebswirtschaftlich die Erträge aus den Späteinkäufen die Kosten für die längere Öffnung (Personal, Strom, Sicherheit) übersteigen müssen. Vielmehr achtet Rewe darauf, wo sich die Sache gut entwickelt - in der Erwartung, dass Konsumentengewohnheiten eine Zeit brauchen, bis sie sich verändern. Im Dezember sei ein Ausstieg zunächst für keinen Markt, der einmal dabei war, möglich gewesen. Seither aber nehmen man die Situation in jeder einzelnen Filiale unter die Lupe: „Es gibt allerdings eine positive Grundeinstellung. Wenn es unklar ist, ob es sich an einem Standort rechnet, machen wir lieber noch zwei bis drei Monate weiter.“

          Bei Rewe habe die Liberalisierung Arbeitsplätze geschaffen, heißt es beim Konzern - zunächst allerdings vor allem für Aushilfen. Je nach Supermarkt wurde der zusätzliche Personalbedarf unterschiedlich organisiert. So findet man an so mancher Kasse jetzt abends eine Schülerin oder einen Studenten. In anderen Rewe-Märkten wurden Schichten so umgelegt, dass Verkäuferinnen morgens später kommen können und dafür abends länger bleiben müssen. Wenn man mit welchen spricht, sind die Reaktionen unterschiedlich: Wenn abends wenig los sei, sei es langweilig, sagen die einen. Besser als im Stress zu den Stoßzeiten, sagen die anderen. Bei den Filialbetrieben hat Rewe die längeren Arbeitszeiten mit dem Betriebsrat zentral vereinbart - für die Partnerbetriebe gab es Gespräche von Standort zu Standort. Die Vorläufigkeit der Regelung stand überall im Vordergrund.

          „Wir hoffen auf den Sommer“, meint Rewe-Sprecherin Krauskopf. Wenn es abends länger hell sei, gingen die Menschen lieber noch mal nach acht zum Einkaufen aus dem Haus. Außerdem sei die Grillsaison immer ein Anlass, spontan noch ein Steak zu holen, Bratwürste, Bier - oder einen Sack Holzkohle.

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