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Handel : Maßarbeit mit dem Laserstrahl

Nach dem Maßnehmen am Scanner folgt die Feinarbeit am Laptop Bild: F.A.Z. - Wonge Bergmann

Wem Ware von der Stange nicht paßt, der kann sich Bekleidung anfertigen lassen. Zwei regionale Anbieter von Maßkonfektion nutzen dafür Bodyscanner statt Maßband.

          Der Herr hat es beim Kauf eines Anzugs mitunter nicht leicht. Das Sakko in Größe 50 paßt gut, aber die Hose schlabbert um den Bauch. Wäre 48 fürs Beinkleid richtig oder 94? Die Gattin runzelt auch die Stirn. Schultern Größe 36, Oberweite 38, und die „Problemzone“ Hüften verlangt nach 42. Ein Kauf von der Stange gerät da zum Gedulds- und Puzzlespiel. Was tun?

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.

          Die Dienste eines Maßschneiders in Anspruch zu nehmen strapaziert das Budget erheblich. Mit dem Band auf traditionelle Art seine Maße nehmen zu lassen, kostet überdies Zeit. Doch die moderne Technik kennt eine Alternative: den 3-D-Bodyscanner der Vitronic GmbH, für den das Wiesbadener Unternehmen den hessischen Innovationspreis 2000 erhalten hat. Scanner-Service bietet in der Region außer Mplus in Mainz auch Maßkonfektion Krones in der hessischen Landeshauptstadt an - und hat selbst in Übersee Kunden gewonnen, wie Geschäftsführerin Katharina Krones sagt.

          Abtasten und vermessen

          Das Gerät hat sie in einer Kabine bei den Umkleiden einrichten lassen. Der Scanner besteht aus vier im Quadrat angeordneten Säulen mit jeweils einer Kamera und einem Lasergerät, mit denen ein menschlicher Körper von oben nach unten abgetastet und gleichsam vermessen wird. Wer auf diese Weise für einen Anzug oder ein Hemd, ein Kostüm oder eine Bluse seine Maße nehmen lassen will, stellt sich in Unterwäsche in die Mitte des Quadrats, die Füße nicht ganz schulterbreit auseinander, die Arme leicht angewinkelt und etwas vom Oberkörper entfernt gehalten. Der Scan dauert knapp zehn Sekunden.

          Was die Laser alles an Daten erfassen, mag Laien erstaunen: Der Computer spuckt die Körpergröße, den Handgelenks-, Oberarm- und den Ellenbogenumfang ebenso aus wie die Schritt- und die Seitenlänge links und rechts sowie die Schulterneigung. Und den Bauchumfang natürlich. Das ist auch notwendig - und ganz im Sinne der Kunden. Denn: „Männer können phänomenal den Bauch einziehen“, meint Katharina Krones mit einem Lachen. Was beim Anprobieren vielleicht nicht auffällt, fördert der Scan zutage, wie sie sagt: „Ich bitte den Mann dann, mal tief auszuatmen . . .“

          Maßarbeit per Bodyscanner

          Sind die Maße genommen, folgt die Feinabstimmung am Laptop. Eine Reihe von Fragen ist zu klären: Welcher Kragen wird beim Hemd gewünscht und welche Leiste? Soll im Rücken eine Falte eingenäht und das gute Stück mit einem Monogramm bestickt werden? Ist das Kleidungsstück dergestalt komponiert, hat Katharina Krones alle Kontrollmaße genommen und der Kunde die Stoffe ausgesucht, sind die Daten und der Scan reif für den Versand per E-Mail an einen der beiden Betriebe, die für Krones an vier Standorten in Deutschland nähen. Dort, in Goslar, Hamburg, Mönchengladbach und Saarbrücken, werden die Einzelteile von Maschinen anhand der Computerdaten genau zugeschnitten. Das Nähen ist aber Menschen vorbehalten.

          Fertigen lassen können sich Männer und Frauen alles außer T-Shirts und Jeans. Zwar sind Jeans schwer in Mode, die in Belgien und Italien ansässigen Stofflieferanten von Krones bieten aber keinen Denim an, wie sie berichtet. Auch Kunstfasern sind nicht zu haben, auch wenn es manche aus der Kundschaft wünschen. Wer sich einen Anzug fertigen lassen will, muß mit 450 Euro rechnen. Die meisten Anzüge, die bestellt werden, kosten indes um die 1200 Euro, wie Krones sagt. Zwar wächst die Nachfrage von Frauen, doch ihre Kundschaft besteht noch zu 70 Prozent aus Männern. Sie kommen nicht nur aus dem Rhein-Main-Gebiet, aus ganz Deutschland. Auch international ist die Maßarbeit per Bodyscanner gefragt: Zwei Kunden sitzen in London, ein Abnehmer wohnt sogar in Toronto.

          Auf den Millimeter genau

          Krones hat sich nach einer Testphase, in der auch ein 2-D-Scanner von Vitronic zum Einsatz kam und sie mit dem Band nachmaß, für das 3-D-Gerät entschieden. Den Einsatz der Technik begründet sie ähnlich wie Markus Pfeiffer von Mplus, der nach eigenen Worten als erster weltweit vor acht Jahren die 2-D-Variante kaufte und ebenfalls nur den Scanner maßnehmen läßt. Das Gerät spart nicht nur Zeit. Es mißt auch auf den Millimeter - „so genau geht es mit der Hand gar nicht“, hebt Pfeiffer hervor. Ihm genügt der 2-D-Scanner, auch wenn dieser nicht den Körper räumlich abbildet.

          Unumstritten sind die neuen Geräte aber nicht. Carin Wagner von der Maßschneiderei Feinschnitt in Frankfurt zieht nach wie vor das Maßband vor. Begründung: „Mein Blick bietet mehr.“ Während bei der Maßkonfektion zum Beispiel bei Anzügen die schlanke italienische Linie zugrunde gelegt wird, schneidert sie den Kunden ein Kleidungsstück individuell auf den Leib. „Die Sachen, die ich abstecke, gebe ich ungern aus der Hand“, erläutert sie.

          Einen Anzug von Hand anzufertigen, also auch die Einzelteile nicht maschinell, sondern selbst zuzuschneiden, kann 40 bis 60 Arbeitstunden benötigen. Auf diese Weise werden weniger Teile produziert als beim Scanner-Einsatz. Umgekehrt ist Handarbeit wegen des Aufwands erheblich teurer als Maßkonfektion. 1500 Euro kostet ein Anzug von Feinschnitt schon.

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