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Handel : Andrang im Second-Hand-Möbelhaus

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In den Hochhaussiedlungen am Frankfurter Stadtrand soll es das Gesprächsthema sein. Mit dem Jahreswechsel fallen die "einmaligen Beihilfen" für Sozialhilfeempänger weg - eine der vielen Auswirkungen der Reform "Hartz IV", bei der Sozial- und Arbeitslosenhilfe zusammengelegt werden.

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          In den Hochhaussiedlungen am Frankfurter Stadtrand soll es das Gesprächsthema sein. Mit dem Jahreswechsel fallen die "einmaligen Beihilfen" für Sozialhilfeempänger weg - eine der vielen Auswirkungen der Reform "Hartz IV", bei der Sozial- und Arbeitslosenhilfe zusammengelegt werden. In der monatlichen Pauschale soll künftig alles enthalten sein - extra Geld für Tische, Stühle und Sofas wie bisher wird es dann nicht mehr geben. Grund genug für viele Leistungsempfänger, notwendige Neuanschaffungen jetzt beschleunigt vorzunehmen.

          Aus einem der zwölf Frankfurter Sozialrathäuser ist zu hören, die Nachfrage nach Möbelzuschüssen habe sich verdoppelt. "Wir prüfen aber genau nach, ob tatsächlich ein Bedarf besteht", sagt Manuela Skotnik vom Sozialdezernat. Dabei arbeitet die Behörde mit den Sozialbezirksvorstehern zusammen, ehrenamtlichen Helfern, die von Ortsbeiräten bestellt würden und beispielsweise in den Wohnungen nachguckten, ob es das alte Sofa nicht noch tue, bevor ein neues bewilligt werde.

          Eingekauft wird allerdings nicht bei Helberger oder Kontraste - in der Regel nicht einmal bei Ikea. Vorrangig sollen die Sozialhilfeempfänger gebrauchte Möbel erwerben. Die gibt es zum Beispiel beim "Second-Hand-Warenhaus" der Werkstatt Frankfurt in Griesheim an der Lärchenstraße, in der Nähe des großen Toom-Marktes an der Mainzer Landstraße. Der Laden wirbt damit, daß dort nicht nur Sozialhilfeempfänger einkauften, sondern auch szenige Individualisten, Filmemacher für ihre Produktionen und auch die Ausstatter von ungewöhnlichen Bars. In letzter Zeit aber, so berichten die Mitarbeiter dort, spüre man eine deutlich gestiegene Nachfrage von Sozialhilfeempfängern nach Sitzmöbeln, Schränken und gebrauchten Betten - die Zahl der Bezugsscheine, die man mit dem Sozialamt verrechnen müsse, habe erheblich zugenommen. Im Second-Hand-Warenhaus kostet ein Couchtisch etwa zwischen 30 und 80 Euro - nicht geschenkt, aber in der Regel doch erheblich billiger als ein gleichwertiges neues Möbelstück.

          Zunächst arbeiten die Sozialämter offenbar immer mit Gutscheinen. Wenn der Leistungsempfänger in das Gebrauchtmöbelzentrum kommt und trotz des großen Angebots nicht das findet, was er braucht, muß er wiederkommen. Das macht den Möbelkauf für ihn offenkundig nicht ganz einfach. Erst wenn er ausreichend guten Willen demonstriert hat und mehrmals da war, ihm aber von den Second-Hand-Leuten kein den Anforderungen entsprechendes Möbelstück angeboten werden konnte, kann er auch ein neues kaufen. Dafür bezieht die Werkstatt Frankfurt nach offenbar aus wettbewerbsrechtlichen Gründen genau festgelegten Konditionen auch einige neue Möbelstücke von den landläufigen Herstellern.

          Beim Sozialdezernat heißt es, der Kauf von Second-Hand-Möbeln habe Vorrang, wenn nötig zahle man aber auch Bargeld an die Leistungsempfänger aus, damit sie sich beispielsweise einen neuen Kühlschrank kaufen könnten oder sonstige Möbel, die die Werkstatt Frankfurt nicht habe. Die Auszahlung von Bargeld werde auch dann als Weg gewählt, wenn ein Sozialhilfeempfänger als außergwöhnlich zuverlässig gelte und man einschätzen könne, daß er das Geld wirklich zu diesem Zweck einsetze.

          In Frankfurt soll es derzeit rund 21000 Haushalte geben, in denen mindestens eine Person Leistungen nach dem Bundessozialhilfegesetz bezieht. In dem Gesetz ist vorgesehen, daß neben der "Hilfe zum Lebensunterhalt", der traditionellen Sozialhilfe, auch solche einmaligen Beihilfen gewährt werden - nicht nur für Möbel, sondern beispielsweise auch für Kleider und Wäsche (in Frankfurt pauschaliert), für Schulbedarf, Waschmaschinen, Heizungsnachzahlungen und Fernseher, aber auch kleine Geschenke zu Weihnachten. Das Gesetz wird mit der Hartz-Reform als Anspruchsgrundlage vom Sozialgesetzbuch XII abgelöst, das die einmaligen Beihilfen nicht vorsieht. Nach der Umstellung wird es in Frankfurt voraussichtlich rund 32000 Bezieher der neuen Pauschale (Arbeitslosengeld II) geben. CHRISTIAN SIEDENBIEDEL

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