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Glücksspiel : Selbst beim Traum von Lottomillionen sitzt das Geld nicht mehr so locker

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Die Bürger sparen nicht nur beim Lokalbesuch, Kleider- oder Autokauf, sie tun es inzwischen selbst beim Traum von raschem Reichtum und sorglosem Leben - nämlich beim Lotto-Spielen: Zwar meldet die Lotto-Treuhandgesellschaft ...

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          Die Bürger sparen nicht nur beim Lokalbesuch, Kleider- oder Autokauf, sie tun es inzwischen selbst beim Traum von raschem Reichtum und sorglosem Leben - nämlich beim Lotto-Spielen: Zwar meldet die Lotto-Treuhandgesellschaft mbH Hessen an der Wiesbadener Rosenstraße für das Jahr 2003 einen Gesamtumsatz von 600 Millionen Euro und damit das drittbeste Ergebnis überhaupt. Das lag im Vorjahr aber bei 618 Millionen Euro und schon das war ein Rückgang gegenüber dem Jahr davor um 2,3 Prozent. Im wesentlichen blieben die Kunden Lotto-Hessen zwar treu, sagt Geschäftsführer Hans-Georg Sundermann, "wir müssen aber feststellen, daß sich unsere Kunden weniger leisten können". Die wählen zwar weiter die bekannten Produkte, reduzierten aber den Einsatz beim Tippen. 48 Prozent des Umsatzes im Vorjahr erzielte die Treuhandgesellschaft mit dem klassischen Zahlenlotto "6 aus 49" am Samstag, weitere etwa 18 Prozent mit der Ziehung am Mittwoch. Um bei "6 aus 49" auf einen Gewinn hoffen zu können, zahlten die Hessen-Lotto-Kunden 392,7 Millionen Euro ein. Dazu kamen noch die Umsätze vor allem aus dem Fußballtoto, der Sportwette Oddset, der Zusatzlotterie Super 6, dem Spiel 77 und der Rubbellos-Lotterie. Seit dem Februar 2004 ist das Spiel Keno im Angebot, bei dem man täglich aufs Neue eine gewisse Chance hat, Millionär zu werden. Das alles sind staatliche Lotterien, die die Hessische Lotterieverwaltung veranstaltet, die wiederum vom hessischen Finanzministerium bestimmt wird. Daneben veranstaltet Lotto Hessen noch in eigenem Namen als Privatlotterie die Glücksspirale.

          Daß die Menschen 2003 etwas weniger Tippfreude entwickelt haben, nimmt Lotto-Chef Sundermann gelassen. Für das laufende und die folgenden Jahre setzt er große Hoffnungen in das neue Keno-Spiel. Das biete jene täglichen Gewinnchancen und weitere Wahlmöglichkeiten, die besonders jüngere Leute bei den herkömmlichen Spielangeboten vermißten. Richtig ärgerlich wird der promovierte Jurist, wenn er auf Firmen wie Sportwetten Gera und andere rein kommerzielle Anbieter zu sprechen kommt. "Es ist klar, daß ein Gesamtumsatz in Deutschland in Höhe von rund 8,5 Milliarden Euro Begehrlichkeiten weckt", so Sundermann. Aber gewerbliche Spielevermittler wie Faber oder auch der Sportwettenanbieter "Bet and Win" verfügten beispielsweise in Hessen gar nicht über die notwendige Konzession, ihr Angebot habe somit "keine legale Grundlage". Das gelte auch für türkische Heimatvereine, die immer öfter als Anbieter fungieren, wie Sundermann weiß. Daran hat aus seiner Sicht auch die jüngste Eilentscheidung des hessischen Verwaltungsgerichtshofes nichts geändert, in der im Februar eine Untersagungsverfügung der Stadt Kassel gegen einen privaten Sportwettenanbieter aufgehoben worden war. Der Verwaltungsgerichtshof hatte in seiner Eilentscheidung argumentiert, ein solches Verbot sei mit dem europäischen Recht auf Niederlassungs- und Dienstleistungsfreiheit nicht vereinbar.

          Sundermann geht davon aus, daß das Gericht im Hauptverfahren zur selben Auffassung kommt wie er, daß nämlich auch nach europäischem Recht eine Beschränkung dieser Märkte dann rechtmäßig sei, wenn es dem Schutz der Verbraucher und der Sozialordnung diene. Diese Auffassung teilt auch das hessische Innenministerium, dessen EU-Rechtsexperten "zur Auffassung neigen, daß die hiesigen Regelungen so bleiben können, wie sie sind", wie es aus dem Ministerium heißt. Die Eilentscheidung der Verwaltungsrichter widerspreche "allen bisherigen Entscheidungen der Gerichte". Für den Fall einer Liberalisierung dieses Marktes rechnet man im Innenministerium zudem mit einer "drastischen Zunahme von Straftaten wie etwa den Betrugsdelikten", so ein Ministeriumssprecher.

          Ganz anders sieht das der Geschäftsführer von Sportwetten Gera, Andreas Pietsch. Mit ihrem Vorgehen wollten die staatlichen Lotteriegesellschaften lediglich eine unliebsame Konkurrenz ausschalten. "Letztlich steckt da doch nur ein fiskalisches Interesse dahinter", so Pietsch, dessen Haus sich auf eine Lizenz aus der Zeit kurz vor der deutschen Wiedervereinigung beruft. Wenn sich deutsche Privatunternehmen nicht im Markt etablieren dürften, dann stießen über kurz oder lang eben ausländische dorthin vor.

          Daß solche Firmen mit zum Teil deutlich höheren Gewinnquoten locken als beispielsweise Lotto Hessen, bestreitet auch Geschäftführer Sundermann nicht. Die Erklärung ist einfach: Im Gegensatz zu Lotto Hessen sind gewerblich Anbieter nicht gesetzlich der Gemeinnützigkeit verpflichtet. Und die drückt sich bei Hessen Lotto in stattlichen Zahlen aus: Neben knapp 294 Millionen Euro, die die Lotteriegesellschaft an die Tipper ausgezahlt hat, profitierten von Lotto Hessen 2003 die Sportförderung, die Wohlfahrtspflege, die Jugend-, und Kulturarbeit sowie die Denkmalpflege mit mehr als 104 Millionen Euro, die man an das Land abführte. Außerdem zahlte die Gesellschaft an der Wiesbadener Rosenstraße mehr als 103 Millionen Euro an Wett- und Lotteriesteuer in die Landeskasse. Zusätzlich gingen noch einmal 37,8 Millionen Euro als direkte Förderungen unter anderem an den Landessportbund, das Landesjugendamt und an die Wohlfahrtspflege. Der Landessportbund finanziert sich nach Sundermanns Angaben zu etwa 85 Prozent aus Lotto-Geldern, bei der Denkmalpflege sei die Größenordnung ähnlich. Für den Lotto-Chef ist daher klar: "Würden die Lotto-Einnahmen wegfallen, könnte das Hessen schlichtweg nicht verkraften." Eine Einschätzung, die auch das Innenministerium teilt.

          Der Traum, via Tippschein Millionär zu werden, ist 2003 für sieben Spieler in Hessen wahr geworden. Auch ein Frankfurter war darunter, er konnte 5,6 Millionen Euro einstreichen - und das gegen jede statistische Wahrscheinlichkeit. Denn die sieht für den Gewinn des Jackpots lediglich eine Chance von eins zu 140 Millionen. Jochen Remmert

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