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Kantinen im Lockdown : Tütenfutter für die Mittagspause

Leerstand: Die Tische in der Kantine der F.A.Z. dürfen auch mit Abstand nicht mehr genutzt werden. Bild: Finn Winkler

Wer nicht zu Hause arbeitet, der muss einpacken: Brötchen, Apfel, Thermoskanne. In der Kantine gibt es nur noch Mitnehm-Menüs. Für die Betreiber ist das keine gute Lösung.

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          Auf dem Fenstersims des geschlossenen Lokals an der Mainzer Landstraße sitzen drei Männer in Arbeitskluft mit mäßigem Abstand. In den Händen halten sie Plastikgefäße und löffeln Dampfendes. Sie sind Arbeiter einer Großbaustelle am Güterplatz und hocken dort fast jeden Mittag, denn in der Nähe gibt es einige Schnellimbisse und Bäckereien.

          Patricia Andreae

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Falk Heunemann

          Wirtschaftsredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Manfred Köhler

          Stellvertretender Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und verantwortlicher Redakteur des Wirtschaftsmagazins Metropol.

          So wie ihnen ergeht es immer mehr Beschäftigten, die nicht im Homeoffice arbeiten können. Kantinen dürfen seit Beginn des zweiten Lockdowns nur in Ausnahmefällen – in Kliniken oder anderen systemrelevanten Einrichtungen – ihr normales Programm anbieten. Die Hoffnung, von Montag an wieder öffnen zu können, hat sich zerschlagen. Also lautet die Devise auch hier: „Nur noch to go!“ Denn, wie es in der Verordnung des Landes heißt: „Zulässig bleibt die Abgabe von mitnahmefähigen Speisen und Getränken. Ein Verzehr vor Ort ist untersagt.“ Für viele Arbeitnehmer ist das immer noch besser, als nur Stullen von daheim. Denn wenn sich Menschen möglichst wenig begegnen sollen, ist es auch schwierig, sich Mitgebrachtes in der Teeküche oder im Aufenthaltsraum aufzuwärmen. Warteschlangen vor der Mikrowelle soll es schließlich auch nicht geben.

          Bei der Frankfurter Sparkasse etwa können die Mitarbeiter in der Zentrale an der Neuen Mainzer Straße in Frankfurt ihr Mittagessen abholen. Alles sei gut verpackt, sagt ein Sprecher, und die Kollegen nähmen das Essen dann in ihrem eigenen Büro zu sich. Ohnedies sei nur ungefähr die Hälfte der Belegschaft im Haus. In der Zentrale arbeiten gemeinhin etwa 600 Frauen und Männer. Auch bei Sanofi in Höchst wird seit Mitte Dezember in der Kantine des Betreibers Eurest nur noch Essen zum Mitnehmen angeboten. Bei dem Pharmaunternehmen arbeitet der größte Teil der Verwaltung von zu Hause aus. Eine Mitarbeiterin berichtet, schon im Herbst sei sie bei ihren wenigen Bürotagen kaum noch in die Kantine gegangen, weil dort jeder an einem Einzeltisch gesessen und höchstens den Rücken des Nächsten gesehen habe – „wie in der Schule“. Da sei ihr der Appetit vergangen.

          „Ein attraktives ,Take Away‘-Menü anbieten“

          Eine Lufthansa-Mitarbeiterin, die ebenfalls nur dann, wenn es sich gar nicht vermeiden lässt, ihren Arbeitsplatz in der Zentrale aufsucht, erzählt belustigt, dass man im Betriebsrestaurant zuletzt eigentlich nur noch Leute aus den Chefetagen gesehen habe. Sorgen um die Gesundheit hätte man sich da nicht machen müssen.

          Beim Flughafenbetreiber Fraport sind nur noch sechs der sieben Mitarbeiter-Kantinen auf dem Flughafengelände geöffnet und bieten Essen zum Abholen. Der Frankfurter Technikkonzern Samson schränkt das Kantinenangebot von Montag an ein, das bisher von etwa einem Drittel der Belegschaft genutzt wurde, wie ein Sprecher schätzt. Künftig werde „unser Kantinenteam ein attraktives ,Take Away‘-Menü anbieten“.

          Keine einheitliche Rechtslage für Kantinen

          Auch im Frankfurter Nestlé-Haus setzt man nach Angaben eines Sprechers weitgehend auf Heimarbeit. „Wer trotzdem im Büro arbeiten muss, für den werden kostenlos kleine Speisen und Getränke zum Mitnehmen an den Arbeitsplatz angeboten.“ Die Sitzbereiche der Kantine seien von Montag an geschlossen. An den Werksstandorten der Produktion hingegen seien die Kantinen weiterhin offen, Speisen und Getränke gebe es dort für die Mitarbeiter kostenfrei.

          Unterschiedliche Anforderungen in einzelnen Betrieben und eine uneinheitliche Rechtslage machen den Betreibern der Kantinen das Leben schwer. Ulrich Höngen, Geschäftsführer der Wisag Catering Holding fasst das so zusammen: „Wir sind bundesweit aktiv und jedes Bundesland hat seine eigene Corona-Schutzverordnung. Daher sind auch die Auswirkungen der jüngsten Beschlüsse auf unseren Betrieb sehr unterschiedlich.“ Neu sei, dass seit dem 5. Januar bundeseinheitlich der Verzehr von Mahlzeiten in den Betriebsrestaurants vor Ort nicht mehr erlaubt und nur Abholung und Lieferung noch zulässig sei. Darauf sei man gut vorbereitet.

          Mittagessen per App bestellen und liefern lassen

          Schwierig werde es aber in Produktionsbetrieben. „Hier ist das Betriebsrestaurant häufig auch gleichzeitig der einzige Pausenraum.“ Dafür suche man derzeit mit den Behörden coronakonforme Lösungen zu finden“, sagt Höngen. Zudem arbeite man an neuen Verpflegungskonzepten und digitalen Lösungen. An ausgewählten Standorten von Wisag Catering könnten sich die Gäste künftig ihr Mittagessen über eine App bestellen und liefern lassen.

          Beim Kantinenkonzern Sodexo heißt eine der Antworten auf die Corona-Herausforderungen: „Heute koche ich.“ In den Kantinen wird eine Tüte mit allen Zutaten für ein Gericht angeboten, zum Beispiel ein Curry für zwei Portionen. Das sei nicht nur etwas für die Tage im Homeoffice, sondern auch im Normalbetrieb ein Angebot etwa für Abendessen, berichtet ein Unternehmenssprecher.

          Auch wenn die Kantinenbetreiber sich flexibel zeigen und neue Angebote machen, spüren sie die Folgen der Einschränkungen durch die Corona-Pandemie erheblich. Der Umzug vieler Beschäftigter ins Homeoffice sorgt für geringe Frequenz. Im Profiköche-Fachportal „Küche“ heißt es: „Homeoffice und Kurzarbeit schwächen die Betriebsgastronomie“, zudem fehlten externe Gäste. „Obwohl Mitarbeiter auch im Homeoffice von der Betriebsgastronomie verpflegt werden könnten, ist der Boom des Arbeitens von zu Hause aus keine gute Nachricht für die Kantinen-Teams.“ Unternehmen wie Sodexo haben längst Teile ihrer Belegschaft in Kurzarbeit. In Branchenkreisen wird befürchtet, in manchem Betrieb könnte es statt einer Kantine künftig nur noch Snack-Automaten geben.

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