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Generationswechsel in Unternehmen : Die Kunst, aus der Sonne zu gehen

Zwischen Emanzipation und Demut: Jörg und Werner Döpfner (rechts) haben den Generationswechsel gemeistert.

Zwischen Emanzipation und Demut: Jörg und Werner Döpfner (rechts) haben den Generationswechsel gemeistert. Bild: Cornelia Sick

Tausende von Familienunternehmern müssen in den nächsten Jahren den Generationswechsel meistern. Wollen Senior und Junior zusammenfinden, müssen sich beide anstrengen.

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          Am 2. Mai 2008, seinem ersten freien Tag, machte er mit den drei Enkeln einen Ausflug an den Main. Das Ziel lag so nah, und doch war es für den ehemaligen Chef wie ein lange gewünschter Urlaub. In seinem Rücken, nur einige hundert Meter entfernt, wirbelte nun sein Sohn durch Hotel und Restaurant, genau wie er es zuvor 49 Jahre lang getan hatte. Werner Döpfner muss zufrieden grinsen.

          Mona Jaeger
          Stellvertretende verantwortliche Redakteurin für Nachrichten und Politik Online.

          Fast ein halbes Jahrhundert lang die Geschicke eines Unternehmens lenken, das ist eine lange Zeit. Um diesen Jahren nachzutrauern, hat sich Werner Döpfner weniger Zeit gegeben. „Ich freue mich jeden Morgen auf diesen anderen Teil meines Lebens“, sagt er. Mitte 2008 gab er die Geschäftsführung des Hotels Maingau mit dazugehörigem Restaurant in Frankfurt-Sachsenhausen an seinen Sohn Jörg und dessen Ehefrau ab. Damit trat die vierte Generation an.

          Der Vater wollte nicht mehr in die erste Reihe zurück

          In den nächsten vier Jahren steht für 8700 hessische Familienunternehmen der Generationswechsel an, wie eine Untersuchung des Bonner Instituts für Mittelstandsforschung ergab. Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag ergänzt, dass jeder dritte Unternehmer Probleme habe, einen passenden Nachfolger zu finden. Und tatsächlich ist es nicht selten ein Kraftakt, wenn Junior und Senior zusammenfinden wollen.

          Dass Karlheinz und Jörg Brömer Vater und Sohn sind, sieht man auf den ersten Blick. Beide haben die Statur von Bauunternehmern, die gleiche hohe Stirn und die schmalen Augen. Auch bei ihnen stand 2008 der Wechsel an. Der Auslöser war ein Bandscheibenvorfall des Vaters, der ihn ein Vierteljahr außer Gefecht setzte. Erst im Krankenhauszimmer, später dann im tagsüber stillen Haus zum Nichtstun verdonnert und abseits der lauten Lastwagen und des Betonstaubs, hatte Karlheinz Brömer erstmals Zeit und Ruhe, sich zu überlegen, wie es mit seinem Wiesbadener Unternehmen weitergehen sollte. Zwei Töchter und einen Sohn hat er mit seiner Frau. Die beiden Töchter sind Bankkauffrau und Ergotherapeutin, der Sohn fand schon als kleiner Junge Bagger ganz toll, nichts Ungewöhnliches eigentlich. Er war während der Krankenzeit seines Vaters, nachdem er sein Diplom als Wirtschaftsingenieur gemacht hatte, Prokurist im Unternehmen geworden und irgendwann, das stand ohne genaue Absprachen fest, würde er das Unternehmen weiterführen. Dass sein Vater nach dem Bandscheibenvorfall aber gar nicht mehr zurück in die erste Reihe wollte, hat ihn überrascht. „Es ist wichtig, dass man daraus kein Tabuthema macht. Man muss über die Nachfolge offen sprechen. Mein Vater hat mich nie richtig in die Geschäftskreise eingeführt. Das habe ich bei meinem Sohn anders gemacht“, sagt Karlheinz Brömer. Er blickt zur Seite, auf seinen Sohn. „Ich wäre dir keine Sekunde böse gewesen, wenn du Metzger geworden wärst.“

          „Wer behauptet, ein Generationswechsel verlaufe komplett harmonisch, der lügt“

          Trotzdem stellt es für die meisten Familienunternehmer den Idealfall dar, wenn die Kinder weitermachen. Die Bindung, der Rückhalt, das Vertrauensverhältnis – das sind die Eigenschaften, die ein Familienunternehmen stark machen. Aber auch gefährdeter als andere.

          Aus der Perspektive des Sohnes sagt Jörg Döpfner: „Wer behauptet, ein Generationswechsel verlaufe komplett harmonisch, der lügt.“ Irgendwo zwischen Emanzipation und Demut liegt vermutlich die optimale Einstellung. „Es geht natürlich um Finanzen, Steuern und rechtliche Fragen. Aber eigentlich viel wichtiger sind die menschlichen“, sagt Friedemann Götting-Biwer, Justitiar der IHK Wiesbaden. Die Döpfners haben für sich gut funktionierende Regeln gefunden: „Ich darf einmal in der Woche mitarbeiten“, sagt der Vater, und beide lachen ehrlich. Die Gäste in den vom Sohn umbenannten Restaurant „Döpfner’s“ freuen sich, wenn sie den Senior sehen, wenn der das Essen serviert. Der Sohn kann sich so mit seiner Familie sogar den Luxus leisten, ein Wochenende wegzufahren. Kurzurlaub, Papa und Mama, die mit im Haus wohnen, können ja einspringen. Jörg Döpfner sagt: „Das ist toll.“

          Es ist wichtig, klare Verhältnisse zu schaffen

          Der Vater genießt die Freiheit des Nicht-Müssens. Nun hat er Zeit zum Laufen und für Fahrradtouren, drei Sätze Fahrradschläuche hat er schon plattgefahren. Er und seine Ehefrau, die die Buchhaltung machte, lernen sich jetzt, mit der vielen neuen Zeit, noch einmal ganz neu kennen. „Das ist spannend.“

          Ein Bauunternehmer handelt mit dem Geld und den Träumen seiner Kunden. Da ist es wichtig, klare Verhältnisse zu schaffen, auch für die Banken. Vater Brömer ist gleich nach der Geschäftsübergabe an seinen Sohn in ein kleineres Büro umgezogen, als Zeichen an seine Mitarbeiter, aber vor allen Dingen als Zeichen an sich selbst. Er sei jeden Tag da, dränge sich nicht auf, stehe aber immer zur Verfügung. Es klingt so, als müsse Karlheinz Brömer jeden Tag daran bewusst arbeiten, dass es auch genau so ist. Es ist ein Kampf gegen alte Gewohnheiten, die in Fleisch und Blut übergegangen sind. Und ein paar Sätze später sagt er: „Ich freue mich auch, wenn man mich konsultiert.“

          Kleineres Büro und neue Visitenkarten

          Der Sohn kennt andere Unternehmen, bei denen es nicht so gut geklappt hat und der Vater auch nach vielen Jahren aus falscher Eitelkeit dem Sohn nichts zutraute. Wenn der Junior auch nach langer Zeit noch im Schatten des Seniors steht und dieser nicht aus der Sonne gehen will, kann das dem Betrieb und der Familie schaden.

          Karlheinz Brömer wollte noch mehr Zeichen setzen und es nicht nur beim kleineren Büro belassen. Gleich nach Abgabe der Geschäfte ließ er auch neue Visitenkarten drucken. Statt Geschäftsführer steht jetzt Generalbevollmächtigter drauf. Das klingt auch nicht schlecht.

          „Fünf bis zehn Jahre muss man für einen geregelten Generationswechsel schon einplanen“

          Friedemann Götting-Biwer von der IHK empfiehlt, jeden Tag das Loslassen ein bisschen zu üben. „Fünf bis zehn Jahre muss man für einen geregelten Generationswechsel schon einplanen.“

          Sonntags schnappt sich Jörg Brömer manchmal seinen zwei Jahre alten Sohn, setzt sich mit ihm auf den Radlader und fährt über die Baustelle. „Ich freue mich jeden Morgen aufs Neue, wenn er zu mir kommt und mir ganz stolz erzählt, wo überall der Bagger auf der Baustelle zu finden ist.“ Vielleicht, in 30 Jahren, will er ja auch mal das Unternehmen weiterführen. Vielleicht. Denn als kleiner Junge Bagger toll zu finden ist wirklich nichts Ungewöhnliches.

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