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Einkaufszentrum : Gemeinsam gegen das UEC

Strittig: der Bau des UEC neben der Messe Bild: ddp

Investoren wollen neben der Frankfurter Messe das „Urban Entertainment Center“ (UEC) bauen, doch der Einzelhandel nimmt das nicht hin. Verbandschef Frank Albrecht kündigt ein Bündnis dagegen an.

          3 Min.

          Der Frankfurter Einzelhandel, allen voran Verbandschef Frank Albrecht, zeigt sich enttäuscht von der Koalition aus CDU und Grünen im Römer. Der Grund ist die weitgehende Zustimmung zu den jüngsten Plänen der Investoren Vivico und ECE zum Bau des „Urban Entertainment Center“ auf dem ehemaligen Güterbahnhofgelände nahe der Frankfurter Messe.

          Jochen Remmert

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung, zuständig für Flughafen und Offenbach.

          Doch Albrecht, der früh gegen das Projekt argumentiert hatte, weil es dem Handel in der Innenstadt schade, ist nicht untätig geblieben. Ein Bündnis von Einzelhändlern, Gastronomen, Kinobetreibern und Hausbesitzern gegen das Bauvorhaben habe sich bereits formiert, sagte er gestern.

          Appelle an die Frankfurter Politik

          Getrieben sei das Bündnis von der Sorge, dass die Investoren nun doch ihr Ziel erreicht hätten und ein ganz simples Einkaufszentrum bauen dürften. Um das zu verhindern, werde das Bündnis über die negativen Folgen des UEC aufklären und weiter Appelle an die Frankfurter Politik richten, die Entscheidung noch einmal zu überdenken. Zudem müsse sich der Handel überlegen, ob er weiter in Arbeitskreisen mit der Stadt zusammenarbeite, wenn seine Ratschläge letztlich doch unberücksichtigt blieben.

          Norbert Richter, Geschäftsführer der Galeria Kaufhof an der Hauptwache, äußerte, dass es gegen die ursprünglich vorgeschlagene Variante mit einem über die Region hinaus ausstrahlenden Kulturangebot keinen solchen Widerstand gegeben hätte. Da aber in der verbliebenen Variante nun nichts dergleichen vorgesehen sei, werde es auch niemanden aus der Ferne anlocken. Was bleibe, sei ein verschärfter Wettbewerb um die Kunden aus der Region.

          Richter hält es für möglich, dass vor allem Geschäfte in Seitenstraßen der Zeil unter Druck geraten könnten. Die Folgen könnten Leerstände und der Wertverlust bei Immobilien sein. Und irgendwann müsse man dann womöglich versuchen, die in dieser Weise verödeten Areale mit staatlicher Hilfe notdürftig wiederzubeleben. Außerdem seien von leidenden Einzelhändlern auch keine nennenswerten Gewerbesteuereinnahmen zu erwarten. Andere Städte hätten die Gefahr einer solchen Kannibalisierung längst erkannt – Frankfurt offenbar nicht.

          „Schädliche Mutation“

          Den Sinneswandel in der Römer-Koalition hat, wie berichtet, die Nachricht der Investoren bewirkt, sich nun doch mit gut 30.000 Quadratmeter Einkaufsfläche zufriedenzugeben. Zuletzt hatten sie eine Aufstockung um ein Drittel auf 40.000 Quadratmeter Einkaufsfläche als unabdingbare Voraussetzung für einen rentablen Betrieb bezeichnet.

          Das aber hätte ein Abweichen vom städtebaulichen Vertrag zum Bau des UEC bedeutet. Eine konkrete Verpflichtung, ein überregional wirksames Kulturangebot in dem Einkaufszentrum zu bieten, ist in dem Vertrag nie enthalten gewesen, lediglich ein vager Satz, wie es heißt. Albrecht sprach von „erfolgreicher Salamitaktik der Investoren“. Im Grunde sei es Erpressung.

          Etwas weniger drastisch, aber nicht weniger klar bezog Dietmar Schott, Hauptgeschäftsführer der hessischen Dependance der Bundesarbeitsgemeinschaft der Mittel- und Großbetriebe des Einzelhandels, Stellung gegen die „abgespeckte Variante“ des UEC. Mit dem richtigen Konzept könnte das Einkaufszentrum Frankfurt im internationalen Wettbewerb der Metropolen nützen, sagte er. Dazu müsste es aber eine echte Attraktion aufweisen. Zugleich dürfe es nicht die bestehende Einzelhandelsstruktur aus dem Gleichgewicht bringen. Die nun verbliebene „Mutation“ zu einem gewöhnlichen Einkaufszentrum hält Schott für schädlich.

          Zur Rentabilität bräuchte es neue Einwohner

          Dieter Schoenfeld, Hauptgeschäftsführer des Einzelhandelsverbands Frankfurt/Hochtaunus/Maintaunus, rechnete vor, dass in Frankfurt die im Einzelhandels- und Zentrenkonzept aus dem Jahr 2003 errechnete Obergrenze von 130.000 Quadratmeter Verkaufsfläche schon heute – ohne das UEC – um mehr als 20.000 Quadratmeter überschritten sei.

          Berücksichtigt seien dabei das im Bau befindliche Innenstadtzentrum „Frankfurt Hoch Vier“, weitere Geschäfte auf dem „Rundschau“-Gelände und die Einzelhandelsflächen in den Flughafenterminals I und II. Rechne man die weiteren in Planung befindlichen Projekte wie das Versorgungszentrum Ostbahnhof, das UEC und Gateway Gardens hinzu, seien 2015 dann die im Gutachten als Obergrenze definierten 130.000 Quadratmeter um 100.000 Quadratmeter überschritten, so Schoenfeld weiter.

          Damit ein Quadratmeter Verkaufsfläche betriebswirtschaftlich rentabel betrieben werden kann, ist den Handelsexperten zufolge ein Umsatz in Höhe von 5000 Euro im Jahr notwendig. Das entspricht dem, was ein einzelner Kunde im Jahr durchschnittlich im Einzelhandel – für Kleidung, Nahrung oder Möbel – ausgibt. Für den Einzelhandelsverband ist daher klar, dass ein solcher Flächenzuwachs für den existierenden Handel nur dann unbeschadet zu verkraften wäre, wenn Frankfurt 100.000 neue Einwohner hätte oder zusätzliche Kunden aus dem Umland anlocken könnte – beides scheint dem Verband nicht sehr wahrscheinlich.

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