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Gelbe Seiten im Internet : Vom Hausflur auf das Handy

Aus analog wird digital: Noch werden die Gelben Seiten als Buch verteilt. Doch die App wird immer wichtiger. Bild: Andreas Müller

Fast jeder kennt die Gelben Seiten als Nachschlagewerk für Adressen von Handwerkern, Restaurants und Floristen. Doch der Dienst ist ins Internet gewandert.

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          Das gelbe Buch war immer schnell zur Hand. Es lag unter dem Telefon, in einer Schublade im Wohnzimmer, stand in einem Regal in der Küche. Über Jahrzehnte hinweg waren die Gelben Seiten in fast jedem Haushalt zu finden. Ein Schlüsseldienst, ein Elektriker, ein Arzt, eine Pizzeria: Das dicke Buch mit den dünnen Seiten war seit den Sechzigerjahren über Jahre hinweg das Standard- und Nachschlagewerk für alle Fälle und stand als Synonym für Branchenverzeichnisse – zudem noch weitgehend konkurrenzlos.

          Daniel Schleidt
          Koordinator der Wirtschaftsredaktion in der Rhein-Main-Zeitung.

          Noch heute würden 95 Prozent der Menschen über 16 Jahre in Deutschland das Produkt kennen, sagt Stephan Theiß. Von seinem Büro aus blickt der Geschäftsführer der Gelbe Seiten Marketing Gesellschaft auf den Frankfurter Westhafen; hier schlägt das Herz eines Produktes, das in den vergangenen Jahren den schwierigen Schritt von der analogen in die digitale Welt vollzogen hat.

          30 Millionen Deutsche verwenden das gedruckte Buch

          „Jahrzehntelang liefen die Gelben Seiten gut, solange es nur Bücher gab“, sagt Theiß. Doch das Suchen von Adressen in einem Buch ist, ähnlich wie bei Telefonbüchern, fast schon eine anachronistische Handlung, denn: Im Google-Zeitalter ist „Restaurant im Gallusviertel“ oder „Orthopäde in Bornheim“ schnell ins Suchmaschinenfenster eingegeben. Doch die allein aus diesen Begriffen hervorgehenden Ergebnisse verschwinden in der Regel weit hinter bezahlten Treffern. Genau bei diesem für den Nutzer verzerrten Bild wollen die Gelben Seiten ansetzen: Die Bücher gibt es zwar immer noch und stapeln sich nach wie vor in Hausfluren und in Supermärkten; nach Angaben der Marketinggesellschaft verwenden nach wie vor über 30 Millionen Deutsche das gedruckte Buch. Doch im Zuge des digitalen Wandels ist das Produkt längst auch ins Internet und auf mobile Endgeräte gewandert. Rund zwei Millionen Mal wird die Seite pro Tag angeklickt, um dort nach Handwerkern, Hotels oder kleinen Unternehmen zu suchen.

          Als Ergebnis finden Nutzer eine schnelle Übersicht über die wichtigsten Informationen: Telefonnummer, Website, Adresse mit Karte, Erfahrungsberichte und Mail-Adresse. Mehr als die Hälfte der Suchenden nehme anschließend Kontakt zu einem oder mehreren Anbietern auf, berichtet Stephan Theiß zufrieden. 87 Prozent davon kauften dann auch etwas ein, dabei würden im Schnitt 753 Euro für Waren und Dienstleistungen ausgegeben.

          Die Gelbe Seiten Marketing GmbH in Frankfurt ist ein erklärungsbedürftiges Unternehmen. Deutschlandweit gibt es 16 Verlage, die für ihre jeweiligen Verbreitungsgebiete die Einträge der Firmen erstellen, aktualisieren und natürlich Pakete verkaufen, durch die einzelne Anzeigen prominenter dargestellt werden als andere. Um das Produkt weiterzuentwickeln, haben die Verlage gemeinsam mit der Telekom-Tochter DeTeMedien das Unternehmen gegründet, das heute 17 Mitarbeiter beschäftigt – bis Ende des Jahres sollen es nach den Plänen von Theiß 25 sein.

          Zwei zentrale Anforderungen

          Während in den Verlagen Mediaberater ihre Kunden – derzeit finden sich rund 3,4 Millionen Einträge auf den Gelben Seiten, die Apps wurden bisher über 3,1 Millionen Mal heruntergeladen – mindestens einmal pro Jahr besuchen, koordiniert die Marketinggesellschaft den Markenauftritt und entwickelt das Produkt weiter. Dabei gilt es, zwei zentrale Anforderungen zusammenzubringen: Erstens müssen die Nutzer über das Buch, die Website oder die App schnell und einfach einen Dienstleister, zweitens die Inserenten auf diesem Weg Kunden finden. Dabei zielen die Gelben Seiten vor allem auf jene kleineren Unternehmen, die häufig gar keinen eigenen Auftritt im Netz haben. „Wir handeln im Interesse kleiner und mittelständischer Unternehmen, müssen unseren Dienst aber vom Nutzer her denken“, sagt Theiß.

          Für das Unternehmen und das Traditionsprodukt gilt: Wer die Digitalisierung als Modeerscheinung betrachtet und verschläft, wird im Wettbewerb abgehängt – für diese These gibt es längst zahllose Beispiele. Deshalb möchte Theiß mit seinem Angebot dem Nutzer von Suchmaschinen deutlich machen, dass er auf den im Wortsinn gelben Seiten weiterführende Informationen und einen vollständigen Überblick darüber findet, welche Friseure, Schuhgeschäfte oder Heizungsbauer es am Wohnort oder im Umkreis gibt. Deshalb zeigen sich die einst auf ein Printprodukt konzentrierten Gelben Seiten längst bei Facebook und Twitter.

          Doch dabei soll es nicht bleiben. Die Marketinggesellschaft widmet sich neuen Themen, zum Beispiel dem sogenannten Location Based Advertising. Die Idee: Wer die Gelbe-Seiten-App auf dem Smartphone installiert hat, kann sich ortsbezogene Werbung zusenden lassen. Was auf den ersten Blick wie ein unerwünschtes Angebot klingt, das dem Nutzer keine Vorteile bringt, kann für Nutzer auf den zweiten Blick durchaus interessant sein. So können Kunden sich zum Beispiele Gutscheine für nahe liegende Restaurants, Sonderangebote für Geschäfte im unmittelbaren Umkreis oder Gewinnspiele zukommen lassen. „Dieses Thema wollen wir weitertreiben“, sagt Theiß. Zudem prüft sein Team derzeit, wie sich neue Dienste wie die Sprachassistenten Alexa (Amazon), Cortana (Windows) und Siri (Apple) nutzen lassen.

          Ganz nebenbei will Stephan Theiß auch noch etwas anderes erreichen: Er will Menschen wie dem Schreiner, dem Notar, dem Autohändler, dem Neurologen und dem Café-Betreiber eine Plattform bieten, die sie sonst ohne eigenen Internetauftritt in der digitalen Welt nicht hätten. Dabei scheut er auch vor Überzeugungsarbeit bei diesen Betrieben nicht zurück: „Wir müssen bei unseren Kunden stetig präsent sein.“

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