https://www.faz.net/aktuell/rhein-main/wirtschaft/gastbeitrag-zu-rechenzentren-rechenzentren-brauchen-dialog-statt-ueberregulierung-18503556.html

Digitalministerin Sinemus : Rechenzentren brauchen Dialog statt Überregulierung

  • -Aktualisiert am

Mehr Daten heißt mehr Kabel: Im Rhein-Main-Gebiet werden immer neue Rechenzentren gebaut. Bild: Ilkay Karakurt

Hessens Digitalministerin Kristina Sinemus will Rechenzentren nicht nur unter Energie- und Klimaaspekten betrachten. Sie versteht sie vor allem als Innovationstreiber. Regulierungsvorschläge der Bundesregierung gehen ihr zu weit. Ein Gastbeitrag.

          4 Min.

          Unsere Rechenzentren sind der Maschinenraum der weltweiten digitalen Transformation. Kein Streaming, kein Internet, kein Homeoffice, keine Cloud, kein Datenaustausch und damit auch keine zeitgemäße Kommunikation liefen ohne sie. Und ihre Bedeutung nimmt mit jedem Tag zu, denn rechen- und datenintensive Anwendungen verbreiten sich beständig weiter.

          Hessen, und insbesondere die Region Frankfurt/Rhein-Main, hat sich in den vergangenen rund 25 Jahren zum führenden europäischen Hub für Datenspeicherung und -verarbeitung entwickelt. Wir sind das Silicon Valley Europas für Rechenzentren wie die IKT-Branche mit ihren 13.000 Arbeitsplätzen, die es mindestens zu sichern gilt. Der weltweit wichtigste Internetknoten DE-CIX befindet sich in Frankfurt, mittlerweile etwa 30 Prozent aller deutschen Rechenzentrumskapazitäten und 50 Prozent der Großrechenzentren oder Co-Location-Kapazitäten sind am Standort Rhein-Main.

          Die SPD-geführte Bundesregierung hat bislang jedoch mühelos den Eindruck vermieden, dass sie sich dieser zentralen Funktion und der Bedeutung von Rechenzentren ausreichend bewusst ist. Im Fokus der Ende August beschlossenen Digitalstrategie werden Rechenzentren nahezu ausschließlich unter Energie- und Klimaaspekten betrachtet, nicht aber unter Innovationssicherungsaspekten für unseren wie den europäischen Standort.

          Rechenzentren verbrauchen zwei bis drei Prozent des bundesweiten Stroms

          Angesichts der vielen quasi im Affekt getroffenen kurzfristigen Entscheidungen mit langfristigen Auswirkungen aus Berlin überrascht der kürzlich bekannt gewordene Referentenentwurf für ein sogenanntes Energieeffizienzgesetz nicht. Dieses soll am 7.12. im Bundeskabinett beschlossen werden. Würde dies konsequent umgesetzt, wäre dies zum einen praktisch nicht umsetzbar und würde branchenübergreifend Zukunftschancen verhindern.

          Mindestens 30 Prozent der Abwärme soll ab dem 1. Januar 2025 nachhaltiger Nutzung zugeführt sowie der Energiebedarf von 2025 an zu 100 Prozent aus Ökostrom gedeckt werden. Sind damit alle Probleme gelöst, oder fangen sie damit erst an?

          Dass Rechenzentren wahre Stromfresser sind, bezweifelt niemand, auch nicht die Branche. Allein in Frankfurt benötigen sie mehr Strom als der Flughafen. Bundesweit liegt der Anteil von Rechenzentren am Stromverbrauch bei etwa zwei bis drei Prozent. Die für uns alle völlig selbstverständliche Internetsuche, E-Mails, Messaging, Streaming oder Gaming: Alles landet im Rechenzentrum und wird dort verarbeitet. Das verbraucht zwangsläufig Strom und erzeugt Wärme, die bislang meist ungenutzt an die Umwelt abgegeben wird.

          Abwärme bietet Potential

          Vor dem Hintergrund der drastisch gestiegenen Energiepreise ist es im Interesse eines jeden Betreibers, eine nachhaltige Architektur in Planung und Umsetzung von Rechenzentren zu realisieren und dabei besonders auf die Versorgung mit regenerativ erzeugtem Strom und die mögliche Nutzung von Abwärme zu achten. Für diese Problematik sind wir insbesondere durch den Angriffskrieg gegen die Ukraine sensibilisiert, die Stromkosten im europäischen Vergleich lagen jedoch bereits vorher an der Spitze und zwangen zu einem vernünftigen Umgang mit Energie.

          Vor allem die in Rechenzentren entstehende Abwärme bietet großes Potential, ob für die Beheizung von Wohnanlagen oder den Einsatz in nahe liegenden Industrien. Ein besonderes Pilotprojekt hierfür ist das Wohnquartier Westville in Frankfurt. Hier werden 1300 Neubauwohnungen und Gewerbeeinheiten entstehen, die mindestens mit einem Anteil von 60 Prozent mit der Abwärme des benachbarten Rechenzentrums versorgt werden sollen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Der Commerzbank-Tower in Frankfurt am Main.

          Index-Rückkehr : Die Commerzbank kommt für Linde in den Dax

          Mit einer Hauruck-Aktion erfüllt die Commerzbank auf den letzten Drücker noch die Dax-Kriterien – sofern nichts Außergewöhnliches mehr dazwischenkommt. Für die Bank nähert sich schmerzhafte Zeit damit dem Ende.
          Eine Gruppe freigelassener Kriegsgefangener im November 2022 an einem unbekannten Ort auf einem Handout-Foto des russischen Verteidigungsministeriums

          Kriegsgefangene auf Youtube : Fragen an den Feind

          Der Blogger Wolodymyr Solkin verhört auf seinem Youtube-Kanal russische Kriegsgefangene. Die Videos erreichen ein Millionenpublikum und sollen in Russland einen Wandel bewirken.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.