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Garnhersteller : Kunden helfen Diolen aus der Krise

Traditionsreicher Garn: Diolen Bild: Diolen

Drei Monate hat das Traditionsunternehmen Zeit gehabt, den drohenden Kollaps abzuwenden. Nach der Eröffnung des Insolvenzverfahrens schlägt für die Diolen GmbH in Obernburg, aus deren Garn etwa die Takelage der Gorch Fock hergestellt ist, die Stunde der Wahrheit.

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          Drei Monate hat das Traditionsunternehmen Zeit gehabt, den drohenden Kollaps abzuwenden. Nach der Eröffnung des Insolvenzverfahrens zu Beginn dieses Monats schlägt für die Diolen Industrial Fibers GmbH in Obernburg im Kreis Miltenberg nun die Stunde der Wahrheit. Hajo Feldmann, der Aschaffenburger Insolvenzverwalter, sieht gute Chancen, schon bald einen Käufer präsentieren zu können. Während der vorläufigen Insolvenz habe „einfach alles geklappt“, berichtet er. Von 410 Arbeitsplätzen seien 350 gerettet worden. In den vergangenen drei Monaten habe man einen Überschuss von knapp 3,9 Millionen Euro erwirtschaftet.

          Ewald Hetrodt

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Wiesbaden.

          Seit 1924 werden in dem Werk, das im Industriecenter Obernburg angesiedelt ist, spezielle Garne hergestellt. Sie sind so hochwertig, dass sie für Produkte wie Sicherheitsgurte, Kinoleinwände, Werbeflächen, Lastwagenplanen und die Segel von Luxusyachten verwendet werden. Sogar die Takelage der Gorch Fock besteht aus dem Obernburger Garn.

          „In der Branche kennt man sich“

          Die Ursachen für die Krise sind in den Niederlanden zu suchen. Als der Mutterkonzern und die Schwesterfirma mit Bankschulden in Höhe von 50 Millionen Euro im Juni dieses Jahres den Insolvenzantrag stellten, musste das deutsche Unternehmen nachziehen. Am 1. Juni wurde die dreimonatige vorläufige Insolvenz eröffnet. Mit der Unterstützung der Arbeitsagentur und der Hypo-Vereinsbank in Stuttgart habe man Löhne und Gehälter weiterzahlen können, sagt Feldmann. Er lobt auch den Einsatz und die Fähigkeiten von Geschäftsführung und Belegschaft. Ganz außergewöhnlich war nach seinen Worten aber das Verhalten der Kunden.

          Diese hätten wegen ihres speziellen Bedarfs ein besonderes Interesse daran gehabt, dass ihnen ihr Obernburger Lieferant erhalten bleibe. Um ihm in seinem wirtschaftlichen Überlebenskampf zu helfen, hätten sie für die gelieferte Ware nicht wie üblich erst nach Wochen, sondern umgehend gezahlt. Bei vollen Auftragsbüchern habe man so jeden Tag die für Rohstoffe und Energieträger notwendige Summe von rund 250.000 Euro aufbringen können, obwohl die holländischen Banken jede Unterstützung verweigert hätten.

          Der Abbau von 60 Stellen ist nach Feldmanns Worten unvermeidlich, weil die Produktion unrentabler Produkte eingestellt wurde. Diolen setzt die Strategie der Spezialisierung fort. So will man zum Beispiel die Garne für gewöhnliche Gartenschläuche künftig nicht mehr liefern. Die Hersteller von hochwertigen Hightech-Hydraulikschläuchen hingegen sollen auch in Zukunft bedient werden. Im Übrigen wurden angesichts der Entwicklung auf den Rohstoffmärkten Preiserhöhungen durchgesetzt. Der Betriebsrat beklagt die Entlassungen. Doch die Gründe zum Aufatmen scheinen zu überwiegen. Denn von dem Erhalt des gesamten Werks profitieren auch Zulieferer und Abnehmer. Deren Kreis sei sehr überschaubar, erklärt Feldmann. Auch die Zahl der Konkurrenten sei klein. „In der Branche kennt man sich.“

          Kaufpreis bis zu 30 Millionen Euro

          Zu den Interessenten will der Insolvenzverwalter sich nicht äußern. Der Kaufpreis werde je nach den auszuhandelnden Bedingungen in der Größenordnung von 20 bis 30 Millionen Euro liegen. Die potentiellen Käufer hätten gegenwärtig die Gelegenheit, in die Bücher zu schauen, sagt Feldmann. Auch mit den Kalkulationen des Unternehmens für das Jahr 2009 könnten sie sich auseinandersetzen.

          Doch bevor die Pläne Wirklichkeit werden, muss Diolen beweisen, dass es seine Mitarbeiter auch ohne das Insolvenzgeld der Arbeitsagentur ernähren kann. Die für die nächsten drei Monate angestrebten Umsätze sollen bei 23 Millionen Euro liegen. Die Ansprüche der Gläubiger belaufen sich auf 40 bis 50 Millionen Euro. Feldmann zweifelt nicht daran, das Diolen im Wettbewerb bestehen werde. „Das Unternehmen ist organisatorisch und produktionstechnisch voll auf der Höhe.“

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