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: Für einen Tag war die Pferderennbahn auch Ausbildungsbörse

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Nur einige wenige wirklich ausgefallene Hüte ließen für einen Augenblick an das britische Ascot denken, den Ort besonders traditionsreicher Pferderennen und besonders extravaganter Kopfbedeckungen. Ansonsten ...

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          Nur einige wenige wirklich ausgefallene Hüte ließen für einen Augenblick an das britische Ascot denken, den Ort besonders traditionsreicher Pferderennen und besonders extravaganter Kopfbedeckungen. Ansonsten bestimmten auf der Pferderennbahn in Niederrad eher Latzhosen, Schweißerbrillen, "Blaumänner" und die schwarze Arbeitskluft der Schornsteinfeger den Charakter der Veranstaltung. Und das aus gutem Grund, denn das Handwerk hatte zum vierten Mal zum Renntag geladen. Ob Königin ElisabethII. "amused" gewesen wäre, muß offenbleiben. Den Frankfurtern und ihren Nachbarn aus dem Umland jedenfalls hat es sichtlich große Freude bereitet, einmal ganz ungezwungen in die Welt der schnellen Pferde und des schnellen Geldes - oder der schnellen Verluste - einzutauchen. Auch das Wechselspiel von Regenwolken und Sonne hinderte sie daran nicht.

          Um das Amüsement der Gäste alleine ging es der Handwerkskammer natürlich nicht: Da wurde nach Kräften mit Vorführungen, Ausstellungen und in Gesprächen für die Leistungen und Produkte der Innungen geworben. Da versuchten Meister junge Leute davon zu überzeugen, daß das Handwerk auch die Chance zu einer Karriere biete. Und bei dieser Gelegenheit konnte die Kammer auch gleich noch einmal einem großen Publikum mitteilen, was man von der Novelle der Handwerksordnung und der Aufhebung des Meisterpflicht in zahlreichen Berufen hält, nämlich nichts. In diesem Sinn durfte auch der Satz von Kammerpräsident Jürgen Heyne verstanden werden, den er zur Eröffnung des Renntages formulierte: "Ohne Handwerk läuft nichts".

          Doch Worte alleine sind die Sache der Innungen nicht, schließlich zeigt sich in der Praxis der Meister. Und so demonstrierten beispielsweise Schüler der Metallfachschule Hessen in Oberursel wie sich mit Autogenschweißgerät, Hufnägeln, großem Können und einer Menge Fingerspitzengefühl filigrane Figuren herstellen lassen. "Wir nutzen das hier natürlich auch zur Präsentation der Metall-Innung, vor allem auch, um junge Leute darauf hinzuweisen, daß es bei uns noch Ausbildungsplätze gibt", sagte Schulleiter Georg Erb. Gerade in der gegenwärtigen Lehrstellensituation sei dies besonders wichtig. Seine Innung habe beispielsweise noch Plätze für Jugendliche frei, die Metallbauer der Fachrichtung Konstruktionstechnik oder Metallgestaltung werden wollten. Die Adressen der Ausbildungsbetriebe konnten sich Interessierte gleich am Stand mitnehmen.

          Das Gespräch mit Jugendlichen auf der Suche nach dem richtigen Beruf stand auch für Volkmar Mendl, seit kurzem Innungsmeister des Schreinerhandwerks, im Mittelpunkt des Renntages in Niederrad. "Wir haben hier sehr viele Anfragen, in denen es um die Ausbildung geht", berichtete Mendl, der selbst einen Betrieb mit fünf Mitarbeitern führt. Um Interessenten sozusagen gleich eine Rundumberatung bieten zu können, hatten sich die Schreiner in diesem Jahr mit Gerolf Stein erstmals einen Lehrer der Frankfurter Philipp Holzmann Schule an den Stand geholt. Er informierte über den schulischen Teil der dualen Berufsausbildung.

          Was die konjunkturelle Lage betrifft, so sieht Innungsmeister Mendl ein wenig Licht am Ende des Tunnels: In den vergangenen drei Monaten habe sich die Auftragslage ein Stück weit gebessert. Mendl ist sich dabei aber sicher, daß der Handwerker dem Kunden künftig "Paket-Lösungen" bieten müsse. Nicht mehr der Kunde sollte seiner Auffassung nach den Schreiner, Maler, Fliesenleger und andere Handwerker koordinieren müssen, sondern die Handwerker selbst sollten diese zusätzliche Dienstleistung erbringen.

          Wenn es um professionelle Beratung und Hilfe bei der Suche nach einer Arbeits- oder Ausbildungsstelle geht, dann lassen auch der Frankfurter Arbeitsamtsdirektor Hans-Peter Griesheimer und seine Kollegen keine Gelegenheit aus, um auf die Dienstleistungen ihres Hauses hinzuweisen: Interessierte konnten auf dem Renntag online auf die Suche nach einem Job oder einer Lehrstelle gehen. Neben den Hauptsponsoren des Renntages, der Frankfurter Volksbank und der R+V Versicherung, kooperierte auch das Arbeitsamt mit dem Handwerk bei der Ausrichtung der Veranstaltung.

          "Wir haben hier immer einen sehr guten Zulauf", sagte Christa Wagner vom Arbeitsamt. Als die Idee des Handwerksrenntages vor vier Jahren aufgekommen sei, habe man zunächst ein wenig Skepsis gehegt, ob das Publikum einer solchen Veranstaltung mit dem etablierten Rennbahnpublikum harmoniere. Inzwischen haben die passionierten Rennbahnbesucher und die Gelegenheitsgäste durch rege Anteilnahme Christa Wagner und ihre Kollegen davon überzeugen können, daß auch Menschen unterschiedlicher Herkunft oder Interessenlage einen solchen Renntag bestens gemeinsam nutzen und genießen können.

          Was die vierbeinigen Hauptdarteller des Renntages betraf, so gingen sie augenscheinlich mit derselben Anspannung und Leistungsbereitschaft zur Startbox, wie sie das auch an gewöhnlichen Renntagen tun. Nicht zu erkennen war gestern, ob die Nervosität der teilnehmenden Pferde noch etwas größer wurde, als es zum "Rennen der Fleischer-Innung für dreijährige sieglose Pferde" ging. JOCHEN REMMERT

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