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Fraport und Deutschen Bahn : Vom Rollfeld ans Gleis

Weg von Fraport: Melanie Kühner wechselte zur Deutschen Bahn und konnte sich leichter als gedacht von ihrem alten Arbeitgeber trennen. Bild: Laila Sieber

Nach dem Stellenabbau bei Fraport gehen viele einstige Flughafenmitarbeiter zur Deutschen Bahn. Doch auch dort herrscht Krise.

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          Mancherorts bilden sie sich wieder, die Warteschlangen vor den Check-in-Schaltern am Frankfurter Flughafen. Die Tafeln zeigen zwar nur wenige außereuropäische Flüge an, sind aber ansonsten üppig bestückt. Doch nicht nur die Masken in den Gesichtern der Menschen zeigen, dass die Corona-Pandemie noch nicht vorbei ist, sondern auch, dass man kaum Bodenpersonal der Fluggesellschaften sieht.

          Johanna Christner
          Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Im Corona-Jahr 2020 war es das erste Mal seit fast zwanzig Jahren, dass der Flughafenbetreiber Fraport keinen Gewinn gemacht hat. Während 2019 noch ein Ergebnis in Höhe von 454,3 Millionen Euro erzielt wurde, entstand im Corona-Jahr ein Verlust von 690,4 Millionen. Um zu sparen, setzt Fraport auch auf Stellenabbau. Rund 80 Prozent der 22.000 Beschäftigten waren seit dem zweiten Quartal 2020 zu durchschnittlich etwa 50 Prozent in Kurzarbeit.

          Eine von ihnen war Melanie Kühner. 19 Jahre arbeitete sie für die Fraport, begann dort nach der Schule eine kaufmännische Ausbildung als Luftverkehrs-Kauffrau und arbeitete sich hoch bis zu einer Leitungsfunktion im Terminal-Management. Die Maschinen auf dem Rollfeld ließ die Neununddreißigjährige im Oktober vergangenen Jahres allerdings hinter sich – und wechselte, nachdem sie von einem Recruiter angesprochen worden war, zur Deutschen Bahn.

          Strukturell sehr ähnlich gestrickt

          Fraport nach fast zwei Jahrzehnten zu verlassen sei ihr leichter gefallen als gedacht. „Der Flughafenbetrieb und das Bahnhofsmanagement sind strukturell sehr ähnlich gestrickt“, sagt Kühner, die nun als Leiterin der Produktionsvorbereitung und Steuerung im Bahnhofsmanagement Frankfurt arbeitet. „Dennoch ist es ein interessanter Kulissenwechsel für mich und rückt mich näher an das Produkt: den Bahnhof.“

          Die Luftfahrt wird Jahre brauchen, um sich von der Corona-Pandemie zu erholen. Menschen wie Melanie Kühner, die vom Rollfeld ans Gleis wechseln, sind daher keine Seltenheit: Laut der Deutschen Bahn gingen in den vergangenen Monaten mehr als 350 Bewerbungen von Mitarbeitern aus der Luftfahrtbranche ein. Trotz der Pandemie stellte das Unternehmen 2020 etwa 25.000 Mitarbeiter ein, darunter 4700 Nachwuchskräfte. Auch dieses Jahr soll die Einstellungsoffensive mit 18.000 neuen Mitarbeitern fortgesetzt werden, davon 4000 in Hessen, heißt es. Gesucht seien etwa Ingenieure, Elektroniker, Quereinsteiger – und jeweils speziell Frauen.

          Rund 50.000 Frauen beschäftigt die Deutsche Bahn, das ist knapp ein Viertel der Belegschaft. Im Mai 2020 beschloss das Unternehmen zudem, auch in Führungspositionen stärker auf weibliches Personal zu setzen, der Anteil soll von 21 Prozent auf 30 Prozent 2024 steigen. Um weibliche Führungskräfte anzulocken, wirbt die Bahn etwa mit flexiblen Arbeitszeitmodellen wie Jobsharing und Teilzeitförderung. Zudem bietet sie Plätze für den Nachwuchs in einer eigenen Kindertagesstätte in Frankfurt an, so wie an weiteren 259 Standorten auch.

          Angebote wie diese sind auch für die zweifache Mutter Melanie Kühner attraktiv gewesen. Ihr Wechsel zur Deutschen Bahn war unabhängig von der Pandemie: „Wenn das Jobangebot zu einem anderen Zeitpunkt gekommen wäre, hätte ich genauso zugegriffen“, sagt Kühner. „Es war die Verknüpfung zweier glücklicher Momente für mich: der Wille zur Veränderung und das richtige Angebot zur rechten Zeit.“ In puncto Digitalisierung sei die Deutsche Bahn zudem weiter als Fraport. Ihr Chef unterstütze auch das Thema flexibles Arbeiten und überlasse ihr es, den Tag gemeinsam mit ihrem Team zu strukturieren. „Diesbezüglich sehe ich die Deutsche Bahn sehr gut entwickelt“, sagt Kühner. „Was es nur braucht, sind Transparenz, Offenheit, klare Absprachen sowie Vertrauen.“

          Keine Insel der Glückseligen

          Eine Insel der Glückseligen ist die Deutsche Bahn dennoch nicht. Das Corona-Jahr brockte dem Staatskonzern durch den auch dort entstandenen Einbruch der Passagierzahlen einen Verlust von 5,7 Milliarden Euro ein – es war der höchste Verlust in seiner Geschichte. Konzernkreisen zufolge fuhren 2020 nur noch 81 Millionen Menschen im Fernverkehr mit der Bahn, fast halb so viele wie noch ein Jahr zuvor. Im Nahverkehr gingen die Passagierzahlen um nahezu 40 Prozent zurück.

          Eine Trendwende ist auch im Jahr 2021 nicht in Sicht, der Bahnvorstand erwartet eine Rückkehr in die Gewinnzone erst für das Jahr 2022. Kritiker aus der Politik und von konkurrierenden Bahnunternehmen monieren, die Pandemie sei für die wirtschaftlichen Verluste der Deutschen Bahn keine Erklärung – vielmehr habe die Krise den wirtschaftlichen Sinkflug der Bahn nur beschleunigt.

          Berufliche Sorgen mache sich Kühner allerdings nichts. Sie habe viel Begeisterung für ihren Beruf, sagt Kühner, deren Mann ebenfalls für die Deutsche Bahn arbeitet, als Data Scientist. Sie reize die Kombination von Mensch und Technik. „Und meine Denkweise ist ohnehin: Ich lande sowieso immer auf meinen Füßen.“

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