https://www.faz.net/-gzg-9c52r

Frankfurter Start-Up : Durchblick im Krypto-Dschungel

Herr der Daten: Pascal Lauria will mit Coin Analyst wachsen. Bild: Helmut Fricke

Initial Coin Offerings sind eine noch junge Erscheinung in der Finanzwelt. Das Frankfurter Start-up Coin Analyst will gleichwohl den Markt der digitalen Wertpapiere verändern.

          Pascal Lauria kam sich vor wie ein Looser. Viele seiner Freunde, fast alle, hatten in digitale Krypto-Währungen und -Gutscheine investiert, und alle hatten sie viel zu erzählen darüber: Von satten Gewinnen, auch von einigen undurchsichtigen Anbietern, von stundenlanger Suche nach Informationen, um beim Handel mit Krypto-Geld die richtigen Entscheidungen treffen zu können. „Und ich? Ich konnte gar nicht mitreden“, erinnert sich Lauria. Das ist erst ein paar Monate her, und eigentlich wäre das Gefühl, bei einem Thema nicht mitsprechen zu können, für den 42 Jahre alten gebürtigen Darmstädter nicht tragisch gewesen.

          Daniel Schleidt

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Aber in diesem Fall war das anders, und dafür gibt es drei Gründe: Lauria ist, wie er sagt, ein „Techie“, also äußerst technologie-begeistert; er ist ein Experte, wenn es um „Big Data“, um große Datenmengen geht; und er trägt das Gründer-Gen in sich.

          Initial Coin Offerings

          Also setzte sich Lauria hin und verband zwei Welten zu einem Geschäftsmodell. Denn der Markt der Kryptogelder – das bekannteste ist Bitcoin – ist unübersichtlich. Wer damit handeln will, muss viel Zeit aufbringen, um sich Informationen über jene Unternehmen zu besorgen, die im Rahmen von Initial Coin Offerings (ICOs) selbst erstellte Krypto-Gutscheine ausgegeben haben. Wer über diese Hintergründe nicht verfügt, kann schnell viel Geld verlieren: Der junge Markt ist enormen Schwankungen ausgesetzt und birgt somit große Gefahren, bis hin zum Totalverlust der eingesetzten Investition.

          Um das zu verhindern – und um mitreden zu können – entwickelte Pascal Lauria ein Informationssystem für den Kryptomarkt. Daraus ist mehr geworden, viel mehr: Das von ihm mitgegründete Start-up Coin Analyst, eine Tochter der Frankfurter Cogia GmbH, erhofft sich nichts geringeres, als damit den Markt zu verändern. Das Handeln mit Krypto-Währungen und -Wertpapieren soll mithilfe künstlicher Intelligenz revolutioniert werden und jene Transparenz bekommen, die potentielle Anleger derzeit noch vermissen.

          Empfehlungen für Händler

          Die Idee ist kompliziert und einleuchtend zugleich. Die Software von Coin Analyst durchsucht automatisch Blogs, Nachrichtenseiten und soziale Netzwerke nach Informationen über Unternehmen und bereitet sie auf. Wenn also bei Facebook, Twitter oder Telegram plötzlich zehn Prozent mehr Kommentare über eine Kryptowährung zu finden sind als einige Tage zuvor, dann nimmt das die Plattform nicht nur wahr. Sie analysiert auch automatisch, ob die Gespräche darüber positiv oder negativ konnotiert sind – und gibt so Händlern auf der kostenpflichtigen Plattform Empfehlungen, ob sie eine Währung eher halten, verkaufen oder sich eben neue Coins zulegen sollten. Lauria sagt, derzeit gebe es Studien zufolge weltweit etwa zehn Millionen Menschen, die mit Kryptopapieren handeln. Experten vermuten, dass diese Zahl in den nächsten Monaten stark wachsen wird. Für Coin Analyst würde sich die Zahl potentieller Nutzer dadurch sukzessive erhöhen.

          Zudem erhofft sich das Frankfurter Unternehmen Öffentlichkeit durch eine naheliegende Maßnahme: Denn was läge für eine Plattform, die sich mit dem Kryptomarkt befasst, mehr auf der Hand, als sich das geplante Wachstum selbst mit der Herausgabe einer eigenen Währung zu finanzieren? Seit Samstag läuft der „Main Sale“ für den ICO der Frankfurter, und Coin Analyst hofft, durch den Verkauf seiner Tokens bis zu 20 Millionen Euro einzusammeln.

          ICOs sind vom Namen her an Initial Public Offerings (IPO) angelehnt, also an klassische Börsengänge. Allerdings erwerben Anleger keine Aktien von einem Unternehmen, sondern einen Token, der so etwas wie einen Gutschein für eine Dienstleistung des Herausgebers darstellt, ohne Anspruch auf Dividende oder Mitspracherechte. Bei Coin Analyst können die Gutscheine eingesetzt werden, um die Analyse-Software zu nutzen, die Anfang 2019 für die breite Öffentlichkeit freigeschaltet werden soll. Wer den Token kauft, spekuliert meist darauf, diese Wertmarken später zu einem höheren Preis wieder auf Handelsplattformen im Internet verkaufen zu können.

          Für 20 Euro im Monat

          Bei der Mutter des Start-ups, der Cogia GmbH, geht es um künstliche Intelligenz. Für namhafte Kunden durchsucht Cogia automatisiert das Netz, um Daten zur Kundenzufriedenheit zu sammeln. Die Analyse-Plattform findet etwa heraus, wie über das neueste Modell einer Automarke bei Twitter, in Blogs und Foren gesprochen wird. Für den Hersteller ist das Wissen darüber ein wahrer Schatz. Zudem kann das System herausfiltern, wie die Sicherheitslage von Unternehmen an potentiell gefährdeten Standorten in der Welt ist.

          Lauria will mit Coin Analyst und seinen Mitgründern Tobias Schnorr und Simon Hentschel nun möglichst schnell wachsen, denn der Kryptomarkt entwickelt sich in hohem Tempo. Derzeit gibt es eine Testversion von Coin Analyst, und wer in das Wertpapier des Start-ups investiere, erhalte automatisch Zugang dazu, heißt es. Normale Nutzer sollen pro Monat 20 Euro bezahlen, institutionelle Kunden 1500 Euro. Wie groß das Interesse an Kryptogeldern ist, spürt Pascal Lauria fast täglich. Der Unternehmer ist weltweit auf Messen und Veranstaltungen zu dem Thema unterwegs: Mal spricht er in Zypern auf einer Krypto-Konferenz, mal wirbt er auf einer Blockchain-Messe in den Vereinigten Staaten. Mitreden kann er auf diesem Gebiet längst schon.

          Weitere Themen

          Waldsterben in Deutschland Video-Seite öffnen

          Trockenheit und Hitze in den Wäldern : Waldsterben in Deutschland

          Im Stadtwald Frankfurt geht es den befallenen Bäumen an den Kragen, während Forstwirte und Wissenschaftler der Goethe-Universität versuchen, südländische Baumarten anzusiedeln. Eine neue Hoffnung? Ein Ortsbesuch.

          Wie Facebook für Libra werben will

          Geplante Digitalwährung : Wie Facebook für Libra werben will

          Facebook plant mit Libra eine Digitalwährung, die das Bezahlen revolutionieren soll. Die Kritik daran ist groß – besonders in Washington. Nun will der Konzern seinen Skeptikern entgegenkommen. Und zugleich eine Warnung aussprechen.

          Topmeldungen

          Missbrauchsfall Lügde : Angeklagter zu Bewährungsstrafe verurteilt

          Der Mann soll nicht direkt an dem Missbrauch beteiligt gewesen sein, sondern per Webcam zugeschaltet. Ein Gutachter hatte ihn für voll schuldfähig erklärt. Die Vorsitzende Richterin nannte die Taten „schäbig und menschenverachtend“.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.