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Frankfurter Sparkasse : Weit weg von der Normalität

Vor 200 Jahren gegründet: Die Zentrale der Frankfurter Sparkasse 1822 in der Innenstadt Bild: Marcus Kaufhold

Die Frankfurter Sparkasse steckt mitten im Jubiläumsjahr in einer gewaltigen Transformation. Die Folgen des Ukrainekriegs sind noch nicht absehbar.

          3 Min.

          Neue Normalität? Ingo Wiedemeier wollte in diesem Frühjahr für die Frankfurter Sparkasse die Phase nach Corona einläuten. In der Pandemie herrschte auch in dem öffentlich-rechtlichen Institut ein Sonderbetrieb, in dem Filialen geschlossen waren, Mitarbeiter von zu Hause arbeiteten und Rückstellungen gebildet wurden aus Sorge, dass viele Unternehmen die Pandemie und ihre Einschränkungen nicht überstehen würden.

          Daniel Schleidt
          Koordinator der Wirtschaftsredaktion in der Rhein-Main-Zeitung.

          Doch nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine ist bei der Frankfurter Sparkasse wieder nichts mehr normal, wie Wiedemeier sagte, „es hat eine neue Ära begonnen“. Zwar wird das Unternehmen nicht unmittelbar betroffen sein, doch geht der Vorstandsvorsitzende davon aus, dass indirekte Effekte auch das Ergebnis der Sparkasse belasten werden, wenn Unternehmen in Schieflage geraten oder die Wirtschaft in Gänze betroffen sein oder gar in eine Rezession rutschen sollte. „Wir gehen davon aus, dass der Krieg das Geschäft vieler unserer gewerblichen Kunden belasten wird“, sagte Wiedemeier. Eine Prognose über den Umfang traute er sich noch nicht zu.

          Der Krieg trifft die Sparkasse in einer Phase, in der sich das Unternehmen grundlegend verändert. Seit Jahren war abzusehen, dass sich die Bankkunden heute anders verhalten als vor Jahrzehnten und dass sich daraus neue Antworten auf die Frage ergeben, wie und wo die Bank mit ihnen in Kontakt tritt. Corona hat die Digitalisierung des Bankgeschäfts nochmals beschleunigt, wie auch Zahlen belegen. So haben im vergangenen Jahr rund 100.000 Kunden des Geldhauses die Sparkassen-App genutzt, das waren 20 Prozent mehr als im Vorjahr; und die Internetseite, über die Kunden auf ihr Konto zugreifen, hat mit 21 Millionen so viele Zugriffe wie noch nie verzeichnet.

          Bild: Unternehmen/FAZ-Grafik pir.

          Mit diesen Bedürfnissen verändert die Sparkasse ihr Gesicht. Fand der Kontakt zwischen Bank und Kunden noch vor wenigen Jahren überwiegend persönlich in einer Filiale statt, wollen Kunden inzwischen über Smartphones Überweisungen tätigen und Wertpapiere handeln, nur noch jeder fünfte Kontoinhaber wird ausschließlich in einer der Filialen betreut, die deshalb an Bedeutung verlieren. Im Sommer verkündete die Frankfurter Sparkasse, in der Stadt jede dritte Geschäftsstelle schließen zu wollen, bis 2024 werden dieser Strategie 17 vor allem kleinere Standorte zum Opfer fallen. Einige von ihnen waren während der Pandemie geschlossen und haben seitdem erst gar nicht mehr geöffnet.

          Stattdessen investiert das Haus in zentrale Beratungscenter, wo Kunden feste Ansprechpartner zugeteilt bekommen. Darauf lege die Sparkasse Wert, sagte Wiedemeier: „Sie sollen ihre Finanzgeschäfte nicht anonym, sondern mit vertrauten Beratern abwickeln“, hob er hervor. Im Dezember haben die ersten 15 Mitarbeiter des Unternehmens in dieser neuen virtuellen Filiale die Arbeit aufgenommen, die derzeit 12 000 Kunden betreuen; insgesamt sollen dort künftig 50 Berater tätig sein. Wiedemeier sagte, schon jetzt sei spürbar, dass unter den Kunden der virtuellen Filiale die Geschäftstätigkeit steige.

          Hoher Beratungsbedarf

          Das könnte aber auch daran liegen, dass sie derzeit vermutlich hohen Beratungsbedarf haben. Einerseits sehen viele offenbar in den niedrigen Zinsen immer noch eine Gelegenheit, in Immobilien zu investieren, wie die Zahlen der Bank beweisen. So stieg die Zahl der zugesagten Kredite und Darlehen im vergangenen Jahr um 42,5 Prozent auf 2,2 Milliarden Euro. Haupttreiber dieses Wachstums waren abermals Bau- und Immobilienfinanzierungen.

          Doch auch die Nachfrage nach Wertpapieren steigt unter den Kunden, wie Wiedemeier berichtete und wie sich am Provisionsergebnis ablesen lässt, das mit 3,8 Prozent Wachstum deutlich über den Erwartungen lag. Vor allem nachhaltige Fonds seien unter den Kunden begehrt gewesen, der Absatz dieser Anlageklasse vervierfachte sich gegenüber 2020 und lag zuletzt bereits bei einem guten Drittel aller Wertpapiergeschäfte – Tendenz steigend. Vor dem Hintergrund niedriger Zinsen und einer hohen Inflationsrate stieg der Gesamtumsatz im Wertpapiergeschäft 2021 um 11 Prozent auf 3,5 Milliarden Euro, das Depotvolumen erreichte mit insgesamt 72 Milliarden Euro einen neuen Rekordwert.

          Angesichts des von 15 auf 18 Millionen Euro gesteigerten Jahresüberschusses sollte die Sparkasse das Jubiläumsjahr ausgelassen feiern können, etliche Sonderaktionen sind geplant. Doch wirft der Ukrainekrieg einen Schatten auch auf die Situation der Fraspa. In den vergangenen Tagen hätten viele ukrainische Flüchtlinge ein Konto eröffnet, berichtete Wiedemeier. Die Bank sagte zu, im ersten Jahr dafür die Kontoführungsgebühren zu erlassen. „Der Gedanke an die Menschen, die mitten in Europa so viel Leid erfahren müssen, erschüttert uns zutiefst“, so Wiedemeier.

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