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Frankfurter Pharmakonzern : Merz will unabhängiger von Alzheimer-Mittel werden

Hochsicherheitstrakt: Medizinische Nervengift-Produktion bei Merz Bild:

Das Frankfurter Familienunternehmen Merz Pharma hat das beste Geschäftsjahr seit der Gründung hinter sich. Bis 2018 will es eine Milliarde Euro umsetzen. Bisher kleine Geschäfte sollen zu diesem Zweck deutlich wachsen.

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          Jochen Hückmann hält zwar gerne die Zügel mit in der Hand, bleibt selbst aber lieber im Hintergrund. Doch lässt es sich der Vorsitzende des Gesellschafterrats des Frankfurter Arzneimittelherstellers Merz vor der Präsentation der neuesten Konzernzahlen nicht nehmen, kurz vom erfolgreichsten Geschäftsjahr aller Zeiten zu sprechen, das vor allem einem Alzheimer-Mittel zu verdanken ist. Auch lobt er die Geschäftsführung um Martin Zügel für den Kauf von Bio-Form in Amerika. Das Biotech-Unternehmen liefert noch keine Gewinne ab, dient aber Merz als Türöffner für die Vereinigten Staaten, den größten Arznemittelmarkt der Welt.

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.

          Für Zügel ist der teuerste Zukauf der Geschichte des Familienkonzerns einer jener Fälle, in denen eins und eins mehr als zwei ergeben: „Bio-Form hatte einen großen Vertrieb, aber nur ein Produkt, wir hatten mehrere Produkte, aber in Amerika keinen Vertrieb.“ Mittlerweile vertreibt Merz auch ein eigenes Erzeugnis über die Tochter in Kalifornien, wo auch der Sitz des aufstrebenden Geschäftsfelds Aestheticals ist, das die sogenannte nichtoperative ästhetische Medizin etwa mit Faltenfüllern abdeckt.

          Überschuss deutlich gestiegen

          Auf diesem Feld hat Merz zwar einen Rückschlag hinnehmen müssen, weil ein Füller in Einzelfällen zu höchst unerwünschten Schwellungen führte. Das Mittel namens Novabel soll jedoch nicht dauerhaft vom Markt genommen werden. Vielmehr stellt Zügel die Wiedereinführung in Aussicht, wenn Merz ein probates Gegenmittel für Nebenwirkungen auf Lager haben wird. Zumal sich laut Zügel zahlreiche Ärzte beschwert haben, weil sie Novabel nicht mehr verwenden können.

          Dessen ungeachtet war der neu auf den Markt gebrachte Faltenfüller wirtschaftlich zu unbedeutend, um das Geschäftsjahr 2009/10 zu verhageln. So hat die Merz Pharma GmbH & Co. KGaA nicht nur den Umsatz um 14,2 Prozent auf 673,5 Millionen Euro gesteigert, sondern auch den Gewinn vor Zinsen und Steuern um 12,6 Prozent auf 153 Millionen Euro erhöht. Der Jahresüberschuss wuchs sogar, dank einer günstigen Steuerquote, um 18,6 Prozent auf 106,3 Millionen Euro. Noch stärker, um 25,6 Prozent, schwoll der Barmittelzufluss aus dem Tagesgeschäft (Cash flow) an – er betrug 181,8 Millionen Euro.

          Alzheimer-Mittel dominiert

          Deutlich aufwärts ging es auch mit der Zahl der Mitarbeiter. Zuletzt beschäftigte Merz Pharma 2131 Frauen und Männer, gut ein Fünftel mehr als ein Jahr zuvor. Dieser Sprung erklärt sich zum einen durch den Erwerb der 320 Beschäftigte zählenden Bio-Form, aber auch durch die Verpflichtung neuer Kräfte am Stammsitz. Wie Vorstand Hartmut Erlinghagen sagte, nahm das Unternehmen mit Sitz an den Eckenheimer Landstraße am Heimatstandort 60 Mitarbeiter neu an Bord und kommt dort nun auf 750 Beschäftigte; in Südhessen hat Merz weitere 200. Wie Vorstandschef Zügel sagt, sind weitere Neueinstellungen in Frankfurt nicht geplant, doch kann sich das auch ändern, hängt doch die Personalplanung auch vom Geschäftsverlauf ab.

          Beim genaueren Blick auf die Zahlen zeigt sich, wie sehr derzeit das Geschäft mit innovativen Arzneien dominiert. In diesem Segment kletterte der Umsatz um fast ein Fünftel auf 551,6 Millionen Euro, während Verbraucherprodukte wie Merz Spezial-Dragees oder Tetesept-Bäder auf knapp 103 Millionen Euro kamen, sechs Prozent weniger als im Jahr zuvor. Die kleine Dentalsparte steigerte die Erlöse leicht auf 19,2 Millionen Euro.

          In der Pharma-Sparte ragt weiterhin das Alzheimer-Mittel Memantine heraus, das hierzulande unter dem Markennamen Axura vertrieben wird. Die Eigenverkäufe und die Lizenzeinnahmen, die Merz-Vertriebspartner aus Amerika und Nordeuropa überweisen, summierten sich auf 348,2 Millionen Euro nach 305,5 Millionen Euro zuvor.

          Mehrere Pfeiler statt ein Standbein

          Die weltweiten Gesamtumsätze stiegen von 1,45 Milliarden Dollar auf 1,735 Milliarden Dollar. Auch in den nächsten Jahren dürften die Geschäfte mit dem weltweit einzigen gegen mittlere und schwere Alzheimer-Formen zugelassenen Mittel florieren, denn nach dem glücklichen Ausgang von Patent-Verfahren in Amerika bleibt Memantine dort bis 2015 ohne Nachahmer-Konkurrenz. In Europa genießt es noch bis 2014 Patentschutz. Zudem rechnet Merz mit der Zulassung im Pharmamarkt Japan, wo es bis 2018 geschützt wäre. Vor diesem Hintergrund soll der Konzernumsatz bis 2018 auf eine Milliarde Euro steigen.

          Gleichwohl will sich Merz künftig nicht mehr allein auf sein Standbein verlassen, sondern auf mehrere Pfeiler. Die Strategie sieht vor, in der nichtoperativen ästhetischen Medizin von der Nummer drei zur Nummer zwei, in Teilen des Markts für medizinische Haut-Arzneien und in bestimmten Segmenten bei freiverkäuflichen Produkten jeweils Nummer drei zu werden. Bei den Neurotoxinen, zu denen das eigene Mittel Xeomin zählt, das etwa gegen Schiefhals gegeben wird, will Merz der Zweite im Markt werden. Ein fünfter Pfeiler könnte hinzukommen, wenn die klinischen Tests mit dem Wirkstoff Neramexane sich bei Tinnitus bewähren. Der Zulassungsantrag könnte 2012 eingereicht werden, sagt Zügel.

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