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Frankfurter Bauern unter Druck : „Flächenversiegelung kein Kavaliersdelikt“

Kreislandwirt Matthias Mehl ist wegen der anhaltenden Dürre besorgt. Bild: Wolfgang Eilmes

Frankfurt zählt immer weniger Landwirte. Gefallene Getreidepreise setzen viele unter Druck, hinzu kommt das starke Wachstum der Stadt. Alternativen zu Neubaugebieten werden zu wenig genutzt, meint Kreislandwirt Mehl.

          Auf der Äckern rund um Frankfurt tanzt in diesen Tagen so manch ein Staubteufel. Wärme und Sonnenschein begünstigen diese kleinen Luftwirbel. Zieht eine größere Wolke mit puderfeiner Erde durch die Luft, fährt gewiss ein Traktor über ein Feld. Ist der Boden doch nach den Monaten ohne ergiebige Regenfälle im Wortsinne staubtrocken. Bauern wie Matthias Mehl sprechen mittlerweile von einer Dürre. Das Wort „Katastrophe“ möchte der Frankfurter Kreislandwirt nicht in den Mund nehmen. Dazu ist die Getreideernte doch zu gut gelaufen – mit einem Minus von nur 15 Prozent im Vergleich zum Durchschnitt der vergangenen fünf Jahre. Aber die fortdauernde Trockenheit bereitet ihm und seinen Berufskollegen Sorgen: „Wir können nicht aussäen“, sagt Mehl.

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.

          Der auf Saatgut spezialisierte Bauer aus dem Stadtteil Nieder-Erlenbach vergleicht diese Wochen mit dem heißen Sommer von 2003 und dem legendären Schönwetterjahr 1976. „Und ein älterer Kollege hat mir gesagt, 1947 war es auch so warm“, sagt er. Wie die Bauern seinerzeit mit der Trockenheit klarkamen, entzieht sich seiner Kenntnis, schließlich ist Mehl Jahrgang 1967. Als promovierter Agrarwissenschaftler weiß er aber: Raps sollte spätestens Ende der dritten Augustwoche ausgesät sein. Mangels Regens sei die Ölfrucht jedoch höchstens auf einer halb so großen Fläche ausgebracht worden wie 2017. An so manchem Standort in der Region gebe es gar keinen Raps. Nächstes Jahr wird das Auge dort kein hellgelbes Feld sehen und keine Biene die Rapspollen sammeln können.

          Die Äcker bleiben allerdings nicht leer. Denn für die Aussaat von Gerste und Weizen ist noch genügend Zeit. Allerdings brauchen die Landwirte dann im Herbst ausreichend Regenfälle, wie es sie im vergangenen Jahr gab. In der Folge konnten die guten heimischen Böden, deren Güte in Deutschland nur noch im Raum Magdeburg und um Hildesheim übertroffen werden, genügend Feuchtigkeit speichern und später in der Wachstumsperiode an die Jungpflanzen abgeben. Nur deshalb ist die Ernte im Frankfurter Raum und in der Wetterau sowie Teilen Südhessens nicht ganz so schlecht ausgefallen, wie es beim Bauernverband heißt. Vor diesem Hintergrund kommen die meisten heimischen Bauern nicht in den Genuss der ausgelobten staatlichen Nothilfen. Weil angesichts der über Deutschland und Europa hinaus schwachen Getreideernte die Erzeugerpreise an den Warenterminbörsen gestiegen sind, gleicht der Preisauftrieb die Mengeneinbußen aus, wie Mehl zugibt. Allerdings seien die Preise für Getreide und Zuckerrüben, die Frankfurter Landwirte gerne anbauten, schon seit 2014 eher mäßig.

          „Dieses Jahr wird nicht ohne Folgen bleiben“

          Deshalb sei die Stimmung „schon schwierig“, sagt er und orakelt: „Dieses Jahr wird nicht ohne Folgen bleiben.“ Nun ist die Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe in der Stadt seit der Jahrtausendwende ohnedies schon von 100 auf 75 gefallen. Geht es jetzt weiter abwärts? Mehl verneint die Frage, ob sich derzeit Frankfurter Bauern vom Markt verabschiedeten. Doch meint er auch: „Mittelfristig wird es hier weniger Höfe geben.“ Das liegt nach seinen Worten an den unklaren Berufsaussichten. So mancher Frankfurter Bauer wisse nicht, ob er seinen Kindern raten solle, Landwirt zu lernen.

          Ein Grund dafür ist das, was sie „Flächenfraß“ nennen. Wenn sich die Stadt Frankfurt beiderseits der A 5 im Nordwesten ausdehnen sollte, gingen beste Böden verloren. Nun gibt Mehl zu bedenken, dass Städte ehedem auf guten Böden errichtet worden seien, weil auf ihnen die Nahrung für die Stadtbevölkerung gewachsen sei. Die Folge: „Flächen, die am Stadtrand liegen, werden bebaut.“ So wie das nun mit der sogenannten Josefstadt geplant sei. Mehl mahnt mit Blick auf die Güte der Böden: „Freie Flächen zu versiegeln ist kein Kavaliersdelikt.“ Das CDU-Mitglied gibt sich keinen Illusionen hin: Der SPD-Rathauschef sei mit dem Versprechen in den Wahlkampf gezogen, für mehr Wohnungen zu sorgen, der Planungsdezernent gehöre derselben Partei an wie der Oberbürgermeister – „und dann wird halt gebaut“.

          Viele Verbraucher erkennen die Problematik nicht

          Karlheinz Gritsch stößt solch ein Automatismus sauer auf. „Es kann ja nicht sein, dass die Stadt Frankfurt weiter in die Fläche wächst, aber Wald und Grüngürtel als unantastbar gelten“, sagt der Vorsitzende des Frankfurter Landwirtschaftlichen Vereins, der sich bis Samstagabend mit dem Erntefest auf dem Roßmarkt dem Publikum vorstellt. Zu dem Widerspruch, dass viele Verbraucher landwirtschaftliche Erzeugnisse aus der Region wollten, aber das geplante Neubaugebiet nicht als Bedrohung der Bauernhöfe dort auffassten, sagt Gritsch: „Viele Verbraucher sind nicht so weit, dass sie beides miteinander in Verbindung bringen.“

          Mehl sieht den Bedarf an Wohnraum sehr wohl. Es könne ja niemanden verboten werden, sich in Frankfurt eine Wohnung zu mieten. Er redet aber der Nachverdichtung in der Stadt das Wort – auch wenn das Anliegern vielfach nicht passt. Gritsch meint, die Regionalpolitiker könnten sich mehr Gedanken machen, wie das Umland attraktiver werde. So müsse das Bus- und Bahnangebot stimmen und das Breitbandnetz für das schnelle Internet in Dörfern ausgebaut werden.

          Derweil fühlen sich die Bauern in Anbetracht des „Flächenfraßes“ wie „Rufer in der Wüste“. Auch angesichts der seit Wochen staubtrockenen Äcker ein durchaus zutreffendes Bild.

          Rösser auf dem Roßmarkt

          „Hessens größter Bauernhof“ hat auch heute seit 10 Uhr auf dem Roßmarkt in Frankfurt seine Tore geöffnet. Wie in jedem Frühherbst will der Frankfurter Landwirtschaftliche Verein dort mit Stadtmenschen und anderen Besuchern ins Gespräch kommen, die Vielfalt seiner Branche zeigen und moderne Agrarproduktion vorstellen. Dabei soll es verbrauchernah zugehen. Zu diesem Zweck zeigen Landwirte an 34 Ständen unter anderem, wie Äpfel gekeltert werden, wie Bier gebraut und Honig geschleudert wird. Wer mag, kann einem Korbflechter bei der Arbeit zusehen. Seine Waren könnten angesichts der breiten Kritik an Tüten und Boxen aus Plastik wieder wichtiger werden. Auch weil der Veranstalter viele Kinder auf dem Roßmarkt erwartet, werden viele Nutztiere zu sehen sein. Darunter sind Pferde, Schafe und Galloway-Rinder, aber auch Mini-Appaloosas, das ist eine Ponyart, Maultiere sowie erstmals auch Lamas. Außer dem Frankfurter Landwirtschaftlichen Verein stellen auch der hessische Bauernverband, die Landfrauen, die Landesvereinigung Milch und die Landjugend als befreundete Verbände auf dem Erntefest aus.

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